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Das Herz begehrte Jahre lang
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Hafez
Divan-e Hafez
Band 1
Übersetzt von: Ritter Vinzenz von Rosenzweig-Schwannau, 1858
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Das Herz begehrte Jahre lang
Von mir Dschem's Wunderglas:
Es forderte vom fremden Mann
Das was es selbst besass;
Die Perle, die sich immer noch
In ird'scher Muschel fand,
Sucht' es bei Männern, welche sich
Verirrt am Meeresstrand.
Zum alten Wirth trug gestern Nachts
Ich meine Zweifel hin,
Zu ihm, der stets mit scharfem Blick
Gelöst der Räthsel Sinn.
Ich traf ihn lächelnd und vergnügt,
In Händen den Pocal,
Und hundert Dinge schaute er
In jenes Spiegels Strahl.
Ich sprach: »Dies Glas, das Welten zeigt,
Wann gab's der Schöpfer dir?«
Er sprach: »Am Tag, als diesen Dom
Geformt er aus Saphir.«
Er sprach: »Den Freund, durch den erhöht
Das Haupt des Galgens ward,
Beschuldigt man, dass immer er
Geheimes offenbart.«1
In jeder Lage weilet Gott
Beim Herzberaubten2 gern:
Doch dieser schauet nimmer ihn
Und wähnet Gott gar fern.
Dasselbe Gaukelspiel, das hier
Getrieben der Verstand,
Es trieb's Samir, der Gaukler, auch
Vor Moses Stab und Hand.3
Wenn wieder mit der Hilfe Gunst
Der heil'ge Geist genaht,
So thut ein And'rer ebenfalls
Was einst Messias that.
Ich sprach zu Ihm: »Wozu wohl dient
Der Götzen Kettenhaar?«
Er sprach: »Hafis beklagt sich ja,
Er rase immerdar.«
1 Der Freund, durch den
das Haupt des Galgens erhöht ward, d.h. der den Galgen zu hohen Ehre
brachte, war Hussein Manssur Halladsch, d.i. der Wollkrämpler, dessen
Biographie Tholuck in seiner Blüthensammlung aus der morgenländischen
Mystik, Berlin 1825, in deutscher Übersetzung aus Ferideddin Attar's
Teskeretulewlia, d.i. die Biographie der Heiligen, mitgetheilt hat. Er
war aus Beidha, einem Flecken in Fars, gebürtig und zu Wassith erzogen.
Seine mystischen Schriften, seine Beredsamkeit und der Glaube, dass er
die Wundergabe besitze, das Geheimste was in den Häusern vorging, nicht
minder als die geheimsten Gedanken zu errathen, zogen ihm zwar viele
Freunde, doch noch mehr Feinde und Neider zu. Er soll zuerst die Lehren
von der Einheit des Wissenden mit dem Gewussten verbreitet haben, welche
er in die Worte: Ena'l-hakku, d.i. Ich bin die Wahrheit, kleidete. Er
wurde, nachdem er von einer Reise nach Indien, Transoxana und China
zurückgekehrt war, wohin er sich, wie er behauptete, begeben hatte, um
jene abgöttischen Länder zu dem Einen wahren Gotte zu bekehren, der
Irrlehre und vorgeblicher Wunder beschuldigt und von den Imamen Bagdad's
einstimmig zum Tode verurtheilt. Nach den furchtbarsten Martern, zu
deren Erleidung der Rausch der Schwärmerei ihm übermenschliche Kräfte
gegeben hatte und unter denen er unaufhörlich seinen obigen Satz
wiederholte, wurde er im J. der Hidschra 309 (921 n. Chr.) unter dem
Chalifate Muktedir Billah's als Ketzer gehangen.
2 D.i. Verliebten.
3 Samir, der im Koran erwähnte ägyptische Zauberer, der Anführer des
israelitischen Volkes zu Moses Zeit, der Alchimist der Kinder Israel's,
der das goldene Kalb aus dem Geschmeide der Juden verfertigte, das diese
dann mit ihm anbeteten. Pharao hatte dessen Künste den Wundern, die
Moses durch seinen Stab und seine Hand gewirkt hatte, entgegensetzen
wollen, aber beschämt musste er zurücktreten und die Macht des wahren
Gottes anerkennen.
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