Be Nāme Ahurā Mazdā - Goftāre Nik, Pendāre Nik, Kerdāre Nik
Nirupars
Nirupars - Bilder aus Persien

Nr. 100-199



Omar Khayyam Omar Khayyam

Rubaiyat


Nr. 100-199

Übersetzt von:
Adolf Friedrich Graf von Schack, 1879



100.
Willst auf festes Fundament du dieses Erdenlebens gründen,
Willst du, daß dir alle Schmerzen, die dein Herz zernagten, schwinden,
Wohl! laß, ohne Wein zu trinken, keinen Augenblick vergeh´n,
Und mit jedem Atem wirst du neuen Reiz am Leben finden!

101.
Erblickt ihr eine Rose, prächtig rot,
So denkt: darunter ruht ein mächt´ger König tot;
Und seht ihr einen Krokus blüh´n, so glaubt:
Ein schönes Weib, nun tot, verlor ihn einst vom Haupt.

102.
Wie lang noch über was ich bin soll ich mein armer Kopf zerbrechen?
Wie lang noch von Enthaltsamkeit und Mäßigung mir wollt ihr sprechen?
Ich weiß nicht, ob den Atemzug, den jetzt ich tue, auszutun
Vergönnt mir ist; so lang ich´s kann, o Schenke, laß darum mich zechen!

103.
Wein trinken und fröhlich sein, das dient zu des Geistes und Leibes Ernährung;
Abschwören jegliche Religion, das ist meine Gottesverehrung;
Als einzige Mitgift hat fürs Leben
Das Schicksal ein fröhliches Herz mir gegeben.

104.
Deine Leidenschaft, o Mensch, gleicht den Kettenhunden;
Dumpfes Bellen stößt sie aus, schweigt kaum auf Sekunden;
Wut des Tigers, Gier des Wolfs, und des Fuchses List
Und des Hasen leiser Schlaf sind in ihr verbunden.

105.
Wenn dir das Haupt von Wein benebelt ist, sei froh!
Wenn eine Schöne dir die Lippen küßt, sei froh!
Der Erdendinge Ziel und Endpunkt ist das Nichts,
Drum denk´ an dieses Nichts, und, weil du bist, sei froh!

106.
Wenn des Weines gold´ne Fluten aus dem Becher mich durchrinnen
und es mir im Freudenrausche schwindeln wird an allen Sinnen,
Tausend Wunder seh´ ich dann und höre Stimmen, die in klaren
Worten mir das tiefste Wesen aller Dinge offenbaren.

107.
O Töpfer! halt ein mit deinem Freveltun!
Zu schänden den Menschenstaub, ist das erlaubt?
Jetzt knetest du den Finger des Feridun!
Jetzt trittst du mit Füßen des großen Kai Chosru Haupt!

108.
Leise! leise! in das Weinhaus laßt uns leisen Schrittes wandeln!
Laßt den Turban, das Gebetbuch uns für Rebensaft verhandeln!
Doch wenn an der Koranschule uns der Weg vorüber führt,
Schnell nur, schnell, daß wir nicht hören, was der Mufti dort lehrt!

109.
Glückselig wer schlicht und verborgen auf Erden lebt,
Anstatt in prunkenden Kleidern der Großen zu schimmern;
Wer wie die Simurg in des himmlischen Lüften schwebt,
Nicht wie die Eule krächzt in den irdischen Trümmern.

110.
Keiner hat vom Weltgeheimnis je den Schleier noch gehoben;
Unsres Geistes Auge, ringshin ach! mit Nacht ist es umwoben;
Einen sichern Wohnort haben wir allein, im Erdenschoß;
Ach! wie viel wir sinnen mögen, dieses Rätsel ist zu groß.

111.
Sei fröhlich jetzt, denn bald folgt schwere Leidensnacht;
Der Sterne Stand kann man mit Angst nur schauen,
Und mit den Ziegeln, die aus deinem Staub man macht,
Wird man für andere Paläste bauen.

112.
Trink Wein, so lang dein Name noch nicht aus der Welt verschwunden ist,
Verscheuchen wird der Himmelstrank die Trübsal dir nach kurzer Frist!
Locke an Locke löse sanft auf einer Schönen Haupt das Haar,
Eh Glied an Glied in Staub gelöst dein Leib sich hat für immerdar!

113.
O wie lang noch von der Farben dieser Welt, von ihren Düften
Willst du dich bestricken laßen? Mensch, bedenk´ das Eine du,
Wärst du selbst die Lebensquelle, einer von den Tausend Grüften,
Die im Erdenschoße gähnen, eiltest doch zuletzt du zu!

114.
Zum Weinglas oft greift meine Hand, allein zum Koran minder;
Mit euch ist das ein andrer Fall, iht ausgedörrten Frommen!
Gleich trocknem Holz brennt euer Geist in Himmelsglut erglommen,
Wie wäre möglich das bei mir, dem weingetränkten Sünder?

* 115.
Des Ew´gen Finger schreibt der Menschen Schicksalsbuch;
Fruchtlos, ihr Frommen, ist, ihr Weisen, eu´r Versuch,
Daß ihr nur einen Spruch, auch nur ein Wort von denen,
Die er geschrieben hat, auslöscht mit euren Tränen.

* 116.
So wie vom Schlägel Bälle, auf und ab
Laut seines ewigen Geheißes
Geschleudert werden wir bis an das Grab;
Wozu, weshalb? Er weiß es, weiß es, weiß es!

117.
Hinter den geheimnisvollen Vorhang drang noch nie ein Blick,
Keiner hob noch je den Schleier, der verhüllt das Weltgeschick;
Zweiundsiebzig Jahre hab´ ich Tag und Nacht darob gesonnen,
Doch das Rätsel blieb mir dunkel und mein Leben ist verronnen.

* 118.
Um mein Sterben kümmert oder Sein
Sich die Welt genau so viel,
Wie das Meer um einen Kieselstein,
Der in seine Welle fiel.

119.
Zum Schädel des Kai Kawus auf dem Wall
Von Tus einst hört´ ich sprechen einen Geier:
"Ach! ach! wo ist nun deiner Feste Feier?
Wo blieb nun deiner Kriegsdrommeten Schall?"

120.
Der Wassertropfen klagte, daß getrennt er sei vom Ozean,
Doch lachend sprach der Ozean: "Um was du klagst, das ist ein Wahn,
Denn ich bin Alles, was da ist; kein andrer Gott ist außer mir;
Und, wenn getrennt wir sind, so trennt mich nur ein kleiner Punkt von dir."

* 121.
"Ich will", "will nicht", so kann ein Tor nur sprechen;
Seh´n müßte jeder das, der Einsicht hätte;
Wir sind nur Glieder einer ew´gen Kette,
Dran rütteln können wir, doch nie sie brechen.

122.
Der ich mit meinem Barte gefegt den Staub vom Bodem der Schenke,
Gott strafe mich, wenn ich an diese Welt und jene noch ferner gedenke!
Und gingen, während berauscht ich bin, sie alle beide zu Trümmern,
Nicht mehr, als um ein Weizenkorn würd´ ich um beide mich kümmern.

123.
Das ganze Jahr betrunken sein, geziemt dem echten Weisen;
Wer stets in Rausch und Tollheit lebt, den muß ich selig preisen!
Sind bei Verstand wir, so vergällt uns Kummer jeden Tag,
Doch steigt uns erst der Rausch zu Kopf, so komme was da mag!

124.
Den Tag der gestern war vergiß!
Mach´ dir Gedanken nicht um morgen!
Des Augenblicks, der dir allein gewiß,
Des jetzigen, genieße ohne Sorgen!

125.
Eine Flasche roten Weines und ein Büchlein mit Gedichten
Und die Hälfte eines Brotes, anders wünsch´ ich mir mit nichten;
Dann nur irgend eine Wüste, um mit dir darin zu wohnen,
Und beneiden will ich fürder keinen Herrscher von Millionen.

126.
Wie lange noch willst du von der Moschee, von Fasten und Beten mir sprechen?
Geh lieber, und müßstest das Geld du dir erbetteln, geh lieber zum Zechen!
Trink Wein, o Khayam! nicht lange, so wird zu Bechern, Gläsern, Krügen
Den Staub, daraus du gebildet bist, die Hand des Töpfers fügen.

127.
O Pred´ger! Einen Wunsch erfülle mir!
Schweig still und laß auf Gottes Pfad mich wandeln!
Quer siehst du alles! geh zum Augenartzt
Und laß mich, wie mich gut dünkt, handeln!

128.
Dem Wein uns geben wir ganz dahin, ihm, der uns mit Wonne begnadet
Und mit den lächelnden Lippen uns zum feurigen Kusse ladet.
O herrliche Schau, der Schenke dort, der das Naß aus dem Kruge verschwendet,
Und hier das überschäumende Glas, das seine Seele uns spendet.

129
O mein Herz! das große Rätsel wirst du nimmermehr durchdringen!
Nur so hoch, wie andere Weisen, hoffe dich nicht aufzuschwingen!
Schaffe drum mit Wein und Bechern dir ein Paradies auf Erden,
Denn du weißt nicht, wird dir jenes drüben je erschlossen werden.

130.
Ein Weiser erschien mir im Traum und sprach:
"Was ahmst du den Tod im Schlafe nach?
Nicht schaffst du also dir gutes ins Haus;
Hier oben trinke, dort unten schlaf aus!"

131.
Dem Brüten über dieses Sein, ich rat´ euch, daß Ihr ihm entsagt,
Und mit Gedanken solcher Art euch, Fremde, nicht meht nutzlos plagt;
Sucht zu zerstreun euch und seid froh! Denn, als der ganze Erdenkram
Erschaffen wurde, hat man euch vielleicht um Euern Rat gefragt?

132.
Zwei oder drei Tröpfe, an Geiste blind,
Sind´s, die auf Erden als Herrscher walten.
Laß du sie schalten! Für Ketzer halten
Sie alle, die keine Esel sind.

133.
In den Kirchen und den Klöstern, den Moscheen und Synagogen,
Bebt man vor der Hölle Schrecken, hofft man auf das Paradies;
Doch vom solchem Trugebild wird nimmer dessen Geist betrogen,
Den der Herr in das Geheimnis aller Dinge schauen ließ.

134.
Mittel nicht zu finden weiß ich, um mit dir mich zu vereinen,
Aber fern von dir zu atmen, will mir auch unmöglich scheinen,
Und von meinem Leid zu sprechen, fehlt der Mut mir allzumal -
O der wundersamen Lage! o der süßen Liebesqual!

135.
Dereinst am Tag des Gerichts, wenn die Sterne droben erblassen
Und der Himmel zusammenbricht, wie das der Gläubige glaubt,
An deines Gewandes Saum, o Liebchen, werd´ ich dich fassen
Und fragen, warum du mir grausam das Leben geraubt.

136.
Trink jetzt bei des Frühlings Widerkunft,
Bereu´n sonst wirst du es schwer und lang!
Beim Duften der Rosen, beim Bülbül-Gesang
Zu fasten, das widerstrebt der Vernunft.
137.
Gewalt´ge Leidenschaften hat uns Gott zuerst ins Herz gepflanzt,
Dann sagt er uns: Ich strafe dich, wenn du sie nicht bemeistern kannst.
Wir Armen! Spricht ein Vater wohl: "die Schale kehre um, mein Kind!"
Und straft sodann das Söhnchen, wenn der Inhalt auf den Boden rinnt!

138.
Was irgend du zu hören und sehn magst, es alles, alles ist nichts!
Wohin auf Erden du gehn magst, es alles, alles ist nichts!
Ob du das Weltall durchfliegest, es alles, alles ist nichts!
Ob im Winkel des Stübchens du liegest, es alles, alles ist nichts.

139.
Heut morgen erscholl ein Ruf aus der Schenke:
"O Volk der Zecher, meiner gedenke!
Auf! auf! mit Weine das Glas gefüllt,
Bevor das Geschick das Maß euch erfüllt!"

140.
Jüngling, auf! der Freude jage nach bei ihrem Flug, dem raschen!
Fülle mir den Becher! Siehe! wie der Himmel sich erhellt!
Später magst du noch so sehr dich mühn, du wirst ihn nie mehr haschen,
Diesen Augenblick, den flücht´gen, in dem großen Nichts der Welt.

141.
Als Gottes Wort ist der Koran von je berühmt gewesen,
Doch wird er auf die Dauer nicht, nur dann und wann gelesen;
Wie anders an des Bechers Rand die hellen Inschriftworte!
Man liest sie gern zu jeder Zeit und gern an jedem Orte.

142.
Schreite keine andern Pfade, als den Weg zum Schenkentor!
Denke nur an Wein und Liebe, labe mit Gesang dein Ohr!
Nimm den Becher in die Rechte, auf die Schulter nimm den Schlauch,
Trinke Wein, mein Freund, und sprich mir ferner keine Dummheit vor!

143.
Wie ein Falk entflog ich jener Welt der Geister, um von dort
Höhre Welten zu erfliegen; doch an diesen niedern Ort
Sank ich hin, und, da ich fremd mich hier und unverstanden sah,
Auf dem Weg, den ich gekommen, flieg´ ich nun von neuem fort.

144.
Nur Puppen mit denen das Schicksal spielt, sind hier auf Erden wir,
Erkennen muß ein jeder das, der klarerer Gesichts;
Figuren auf dem Schachbrett gleich geschoben werden wir,
Dann nimmt man uns hinweg und legt uns in den Sarg des Nichts.

145.
Von allen, die die ganze Welt bereist
Und jedes Land durchforscht und alle Meere,
Ich wüßte nicht, daß einem nur im Geist
Der Dinge Rätsel lkar geworden wäre.

* 146.
Der Mensch kam auf die Welt und wurde nicht gefragt,
Ihn fragen wird man nicht, wenn man hinweg ihn jagt;
So gab der Himmel ihm die Traube zum Geschenke,
Damit er, weinberauscht, der Unbill nicht gedenke.

147.
Ohne Rebensaft zu trinken, leben könnt´ ich keinen Tag;
Kraft, mich durch die Welt zu schleppen, find´ ich nur durchs Zechgelag.
O des sel´gen Augenblicks, wenn der Schenke zur mir spricht:
"Noch ein Glas!" und meine Rechte es zu halten niet vermag.

148.
In eines Weinwirts Hause tat an einen Greis ich jüngst die Frage:
"Was aus den Abgeschiednen ward, kannst du mir das berichten? sage!"
Zur Antwordt gab er: "Freund, trink Wein! gar Viele gingen schon hinweg,
Allein zurückgekehrt ist noch kein einz´ger bis zum heut´gen Tage."

149.
O Schenke! das funkelnde Naß gieß ein!
Schwer lastet mir auf der Seele Pein;
Vielleicht wird der feurige Trank mich auf kurz
Von mir selbst und dem wechselnden Schicksal befrei´n.

150.
Weinhändler, sprich, wie mag nur feil dir sein der flüssige Rubin?
Nichts, was nur irgend gleich ihm kommt, einhandeln kannst du ja für ihn;
Denn seit am Himmel Sonn´ und Mond zuerst begannen ihre Fahrt,
Ward köstlicheres als der Wein auf dieser Erde nicht gewahrt.

151.
Gönnt mir, mit dem Liebchen im Gartenrund
Zu weilen beim süßem Rebengetränke,
Und nennt mich schlimmer als einen Hund,
Wenn ferner ans Paradies ich denke!

152.
Dieses Frömmeln, dieses Heucheln, Schenke! wird mir unausstehlich!
Auf und bring mir Wein zur Stelle! zechen will ich wonneselig
Und zugleich des Rosenkranzes mich und des Korans entled´gen,
Um auf besserm Fundamente wider Heuchelei zu pred´gen.

153.
Bringt einen Becher mir, so groß, daß man ihn schwer nur hebe!
Wenn man ihn auch nur zweimal leert, zum Rausch genügen muß er schon.
Zuerst will ich von der Vernunft mich scheiden und der Religion,
Und mich vermählen dann sofort dem holden Kind der Rebe.

154.
Stets hält die Blicke mir gebannt des Weines zarte Röte,
Im Ohre hallt mir immerdar des süße Klang der Flöte.
Formt einst der Töpfer einen Krug aus meines Leibes Staube,
O stets sei dieser Krug gefüllt mit feur´gem Saft der Traube!

155.
Soll fruchtlos für dich dein Leben bleiben?
Trink, trink in dieser Törichten Welt!
Nicht kümmert sich Gott um deinen Tun und Treiben,
Drum lebe lustig, wie´s dir gefällt!

156.
Noch - unserm Schenken sei´s gedankt! - bleibt übrig mir ein Atemzug,
Doch auf der Welt herrscht Wirrwarr stets, und nimmer werd´ ich daraus klug.
Ich weiß, wie viel des süßen Weins im Glas mir noch geblieben ist,
Doch nicht, wie viel das Schicksal mir auf Erden gönnt an Lebensfrist.

157.
Such dir Wein und Lautenschläger, such ein Mädchen Huri-schön,
Und, ins Grün am Bach gelagert, bei des Seitenspiels Getön,
Schwelg in Paradieseswonne, während du die Maid umfängst;
Denk nicht ferner an die Hölle, denn erloschen ist sie längst!

158.
O Gott, Barmherz´ger, huldvoll sei mir!
Das eine, was mir not, verleih mir,
Gin ewigen Weinrausch mir, auf daß, durch dieses Menschengewühle
Besinnungslos hintaumelend, ich die Schmerzen des Lebens nicht fühle!

159.
Seitdem ich da bin, ist´s das Lob des Weins, was meine Lieder sangen,
Nach anderm niemals, als dem Wein, gerichtet war mein Verlangen;
Der du als deine Lehrerin die Weisheit preisest, o Asket,
Vorher in meine Schule, glaub, ist diese Lehrerin gegangen!

160.
O Schenke! Alle, die vor uns dahingegangen sinf,
Voll leeren Dünkels waren sie, an Geist sie alle blind!
Gieß Wein mir ein und glaube mir, daß ich die Wahrheit sage:
"Was irgendwie sie vorgebracht, war nischts als eitel Wind."

161.
Heut ist der heiligste Fastentag,
Drum sorge, daß größer dein Weinglas sei,
Und leerst du sonst eins, heut leere zwei!
Kein Fest, das sich diesem vergleichen mag.

162.
Selbst jene die er durch Wissen und Geist und Tugend alle zuvorgetan,
Die leuchtend ihre Schülern voran geschritten auf dieser Lebensbahn,
Nicht lüften den Schleier konnten sie, der aller Sterblichen Auge bedeckt;
Sie haben einige Fablen erzählt und dann zum Schlummer sich hingestreckt.

163.
Menschen, o ihr Toren, alles, waß ihr tut und seid, ist nichts!
Über euch der sieben Himmel Strahlenherrlichkeit ist nichts!
Drum in dieser Welt, der tollen, weiht der Fröhlichkeit eu´r Leben;
Eine Spanne Zeit nur währt es und auch diese Zeit ist Nichts.

164.
O Herr! schenk meiner Seele, meinem armen
Von Gram gebeugten Herzen schenk Erbarmen!
Verzeih dem Fuß, der mich zum Weinhaus trägt,
Der Rechten, die das Glas zum Mund bewegt!

165.
Wir haben den Weinkrugrand zur Andachtstätte erkoren,
Durch Trinken machen wir uns erst würdig, Menschen zu sein;
Die Zeit, die nutzlos vordem wir in den Moscheen verloren,
Wir holen vielleicht durch Besuch der Schenke sie wieder ein.

166.
Von allem, was nicht Frohsinn ist, sich zu enthalten, ist wohlgetan,
Und wohlgetan, den Becher Weins aus schönen Händen zu empfahn.
Sich und die Welt zu vergessen im Rausch, das nenn´ ich auf Erden die einzige Wonne;
Ein Schluck aus dem Weinglas ist mehr wert, als alles unter Mond und Sonne.

167.
Trink, trink von des Weines perlendem Strome,
Damit einst deines Staubes Atome,
Durchduftet von dem süßem Getränke,
Sich lagern an der Schwelle der Schenke!

168.
An der einen Seite hundert Fallen hast du aufgestellt,
Auf der andern drohst mit Tod du jedem, der in eine fällt.
Sprich, da du die Schlingen legtest, denen schwer der Mensch entgeht,
Ziemt es dir, ihn zu bestrafen, wenn er just hineingerät?

169.
Ein seltsam Siegel, wahrlich, hast du unserm Wesen aufgedrückt,
Und staunen muß man sich hundertmal, wie sehr dein Schöpfungswerk geglückt!
Nicht besser machen kann ich mich, trüg´ ich danach auch viel Verlangen,
Denn, wie ich bin, just so bin ich aus deiner Hand hervorgegangen.

170.
O fände irgendwo das Herz nur eine Ankerstätte!
O daß der Mensch zum mindesten die eine Aussicht hätte,
Einst - möchten bis dahin auch zehn Jahrtausende verfließen -
Gleich diesem Rasen neu dem Schoß der Erde zu entsprießen.

171.
Hat deines Reiches Glanz sich je durch meinen Gehorsam gesteigert?
Vermocht´ ich irgend deine Macht durch meine Schuld zu mindern?
O Gott, verzeih mir denn! Ich weiß, daß deine Huld den Sündern
Nicht vorschnell Strafe zuerkennt, noch die Vergebung weigert.

172.
Bald verhüllt und jedem Blicke unerreichbar waltetst du,
Bald auch in der Schöpfung tausend Bildern dich entfaltest du,
Und es scheint, daß nur zur Kurzweil all das für dich selber ist,
Da du selbst das Schauspiel und auch selber der Beschauer bist.

173.
Was, wenn zuerst ein Teil ich war von deinem Wesen,
Bestimmte dich, nachher mich von ihm abzulöschen?
Wohl schon vom Anfang mußt´ es deine Absicht sein,
Daß hilflos durch die Welt ich irrte und allein.

174.
Bin ich berauscht von edlem alten Wein, so bin ich´s;
Bin ich ungläubig und voll Ketzerei´n, so bin ich´s;
Die einen dagen dies von mir, die andern jenes,
Allein was hilft´s? Wie Gott mir gab das Sein, so bin ich.

175.
Wie lange sollen wir Sklaven noch von dieser schalen Vernunft sein?
Was kommt es drauf an, on einen Tag wir leben, ob hundert Jahre?
Laßt eifrige Glieder, solange wir sind, uns von den Zecher Zunft sein!
Bring Wein, bring Wein, bevor auf dem Brett wir stehen als Töpferware!

176.
Von einer Hölle spricht man mir, in die ich kommen würde,
Doch glaub´ ich´s nicht, ob schwer gedrückt auch von der Sünden Bürde,
Denn, gäb´ es für verliebtes Volk und Trinker eine Hölle,
Leer würde, wie meine hohle Hand, der Himmel ja zur Stelle.

177.
Des Königs Krone würd´ ich gern, den Kajanidenthron verkaufen;
Den Turban und den Kaftan laßt uns für der Flöte Ton verkaufen!
Den Rosenkranz, den Inbegriff von Dummheit und von Heuchelei,
Lßt uns für klaren, goldnen Wein, den edlen Rebensohn, verkaufen!

178.
Trink, trink vom Weine, der Lebensquelle,
Dem Spender von Jugend und Glück und Lust!
Wohl brennt er wie Feuer, doch seine Welle
Spüllt alle Schmerzen hinweg von der Brust.

179.
Sei, so viel als möglich, ohne Wein nicht einen Augenblick,
Denn er stärkt Verstand und Glauben, er nur schafft des Menschen Glück.
Weinn des Weines einen Schluck auch Iblis nur gekostet hätte,
Tausendmal vor Adam wär´ er huld´gend hingekniet, ich wette.

180.
Jüngst aus dem Buch der Liebe zog ich eben mir ein Los,
Da hört´ ich wie ein Weiser sprach: "O dessen Glück ist groß,
Der eine schöne Freundin hat; und größer noch fürwahr,
Wenn eine Nacht er vor sich hat, die lang währt wie ein Jahr."

181.
Darf ich nur dich lieben, willig werd´ ich jede Pein dann tragen,
Und der Himmel mag mich strafen, wenn ich breche meinen Schwur!
Brennt auch, bis zum jüngsten Tage, mich die Wunde, die du geschlagen,
Glaube, kurz erscheinen wird mir diese Zeit der Schmerzen nur.

182.
Schon schwindet mein Leben nach und nach;
Der blühende Frühling der Freuden, im Welken ist er schon;
Das muntere Vöglein Jugend, ach!
Nicht weiß ich, wie es gekommen, nich wie es plötzlich entflohn.

* 183.
Mühsam und emsig hab´ ich der Weisheit Korn gesäht
Und es mit eigenen Händen gepflegt; allein, mein Kind,
Nur eins ist klar mir worden, als ich die Saat gemäht:
Ich kam so wie das Wasser, und gehe wie der Wind.

184.
Wer ein Brot besitzt, sein Leben nur zwei Tage lang zu fristen,
Einen Krug, mit dem er Wasser schöpfe, wenn er Trank begehrt,
O wie möcht´ er andern dienen, die in Hoffart stolz sich brüsten
Und doch nichts als seinesgleichen, ja geringer sind an Wert.

* 185.
Wenn du nicht Wein meht siehst im Glase blinken,
Kein Kuß dir deine Liebe mehr belohnt,
Was zagst du, in die Nacht zurückzusinken,
Die du vor der Geburt schon lang bewohnt.

186.
Dieser Grabbewohner Reste, die in Staub und Asche sanken,
Nicht ein Teilchen bleibt von ihnen, das im Winde nicht verstäubt.
O was für ein Rausch nur ist es, der uns schwindelnd die Gedanken,
Wenn sie unsres Schicksals denken, hin und her in Wirbeln treibt?

187.
Da, nach deinem Wunsch zu leben, dir das Schicksal keine Macht gibt,
Kann dich´s kümmern, ob es sieben Himmel oder ob es acht gibt?
Was in diesem Augenblicke da ist, das nur geht dich an,
Nicht was ehedem gewesen oder was noch kommen kann.

188.
Alle Herzen sind von Kummer, seit du fern bist, aufgebrieben,
Unbewegt von deinen Reizen ist kein Wesen noch geblieben,
Und, wenn du auch ihrer keinen eines Blicks für würdig hältst,
Fühlen alle Menschen dennoch sich gedrungen, dich zu lieben.

189.
Dies Schloß, wie der Himmel so leuchtend, einst strotzend von Gold und von Schätzen,
In dessen prangenden Sälen der Könige viele gethront,
Auf seine zerfallenen Zinnen jetzt sehn wir die Taube sich setzen;
Sie girrt, als wollte sie sagen: "Wo blieben sie, die hier gewohnt?"

190.
Du fragst, was diese Welt sei? Wohl! ich will dich nicht betrügen,
Und sage kurz dir, was davon mich dünkt.
Sie ist ein Schaumgebilde, das dem großem Meer entstiegen
Und in dies Meer von Neuem untersinkt.

191.
O mein Herz! da dieses ganze Weltall Lug nur ist und Trug,
Was dich nur so viel mit Kummer plagst du? Sei´s damit genug!
Unterwirf dich dem Geschicke! Denn, wie schwer du auch bedrängt,
Deinethalb veränderen wird es nichts von dem, was dir verhängt.

192.
Nur Leiden schaft der Himmel uns armen Verlornen,
Die Saat zerstörend, wenn kaum der Acker bestellt;
Ach kennten unser Geschick die Ungebornen,
Sie kämen sicher nimmer auf dieser Welt.

193.
Oft wider Gott wohl hab´ ich gefehlt,
Doch wenn mir noch immer die Hoffnung beseelt,
Er werde mir huldvoll sein, so ist´ s,
Weil ich ihn nie mit Gebeten gequält.

194.
Bring her den flüßigen Rubin, den Liebling aller edlern Seelen!
Da Staub nur alle Wesen sind,
Ziemt uns, ihn zum Begleiter uns auf diesem Erdengang zu wählen,
Eh uns on dannen weht der Wind.

195.
Die laue Liebe ist ein Feuer, das ohne Glanz und Wärme brennt.
Wollt ihr den echten Verliebten erkunden, so wißt: ein solcher ist nur der,
Der Monde, Jahre, zu allen Stunden, kaum seiner eignen Sinne Herr,
Das Weib beseufzend, das ihm teur, nicht Rast noch Speise noch Schlummer kennt.

196.
Sei bnoch so schön ein Menschenbild, an Anmut und an Ziere reich,
Sei wie die Tulpe sein Gesicht, sein hoher Wuchs zypressengleich,
Nicht einer docjh, so viel du fragst, kann Antwort geben dir zuletzt,
Aus welchem Grund sein Bildner es auf dieser Erde hat versetzt.

197.
Wohl unter den Menschen erreicht man sein Ziel durch Klugheit und ems´ge Bestrebung,
Doch gegen des Himmels Beschlüsse hilft nichts anderes als Ergebung.
Was irgend an Listen ersinnen sich läßt, ich hab´ es zu üben verstanden,
Doch machte das Schicksal jedesmal mir alle Pläne zu Schanden.

* 198.
Laßt genießen uns jedwede Spende,
Die das Schicksal bietet! bald ja nun
Ohne Wein und Lieder, ohne Ende
Müssen Staub in Staub wir drunten ruhn.

199.
Diese Schloß, inwelchem Bahram froh den Becher oft gefüllt,
Dient Gazellen nur zum Lager, wird von Löwen nun durchbrüllt.
Der auf Jagd der wilden Esel mit dem Fangstrick oft gegangen,
O wie lang schon von des Todes Fangstrick ist er selbst gefangen!