


Die Thränen
Durch die ganze Nacht wühlt' ich im Schatz des Erstaunens, Als die Kunde kam, Seelen begehre der Freund. Eine Thräne tropfte herab auf die Wange, die gelbe, Gleichsam als Bothe gesandt, um zu verkünden den Gram. Thränendes Auge gleicht fürwahr geläutertem Silber, Wie das Silbererz läutern die Thränen den Gram. Von des Herzens Quell entspringen die Fluthen des Auges, Brausen mit Getös' frühe und spät wie der Strom. Meines Auges Strom hat in Klüfte zerrissen den Busen, Und ich weiß nicht ob Reisig das Herz ist, ob Stein. Meiner Augen Fluth ist angeschwollen als Gießbach, Wenn es lang so bleibt, gehet zu Grunde die Welt. Meiner Thränen Strom riß weg ein Stück von dem Herzen; So schwimmt hie und da Röhricht und Schwamm am Gestad. Herz und Seele sind verzehrt durch brennende Sehnsucht, Und der Thränen Fluth schwellet heran wie der Sa'b. Meine Thränen sind ein Strom wie der Oxus und Tigris, Und sie haben die Welt längst schon bedecket als Meer. Wie in Taberistan die Quelle bald fließet, bald stocket, Fließt und stockt das Aug je nach Belieben des Freund's. In dem Thränenmeere ging unter der Nachen des Herzens, Bey des Sturmes Graus drohet dem Schiffer Verlust. Hell im Licht erscheint der Hafen des Augs des Schiffers, Wer die Schifffahrt kennt wundert darüber sich nicht. Meiner Thränen Strom umfluthet die Erde als Weltmeer, Und als Eiland nur lieget sie mitten darin. Meines Auges Gestad hält nicht zurücke die Thränen, Ihre Sündfluth hat längstens ergriffen die Welt. Also strömt mit Geräusch der Thränen erbrausende Sündfluth, Daß das Getöse davon füllet die Ohren der Welt. Meines Auges Fluth schwoll durch die Seufzer zur Sündfluth, Und mein Herz ist gleich einer verwüsteten Stadt. Meiner Tage Korn ward längst zermalmet zu Staube, Meiner Thränen Fluth treibet als Mühle den Leib. Immer regnet das Aug, und von dem Winde der Seufzer Werden auf dem Berg Wolken getrieben zusamm. Meines Herzens Wunsch steht nur nach den Fluthen der Thränen; Denn es versteht sich der Schmerz nimmer auf andres Geschäft. Süß ist's, wenn dem Herzen die blutigen Thränen entströmen, Süßer ist das Mus roth von der Rübe gefärbt. Blutig strömet das Aug wie rothe Tünche der Rone,1 Und es färben sich d'ran Felsen, Wüsten und Staub. Von dem Blute des Stiers, der stöhnt zerrissenen Herzens Ist der Thränen Strom roth wie die Rone gefärbt. Über den Strom des Aug's gibts weder Brücke noch Fähre, Und der Nachen des Leib's kann nicht bestehen im Blut. So viel hat mein Aug der blutigen Thränen vergossen, Daß es die ganze Welt mir in den Hafen geführt. Klaren Aug's sah ich, dir sey getrübet das Auge, Da ward trübe das Aug', füllte sogleich sich mit Blut. Aus dem Auge fließt mit Blut gemischet die Thräne, Und es zeigt ihr Herz nimmer Erbarmniß mit mir. Was ich blutig wein' sind nicht die Thränen des Auges, Vom zerstückten Herz ist es nur Eitergetropf. Thränen fielen ins Herz und färbten dorten sich blutig, Und der Thränen Fluth brach sich am Herzen als Damm. Von des Schmerzens Gewalt entrieselt den Gliedern der Angstschweiß, Heißes Bad ist das Aug' und in der Brust der Kamin. Mich umflammet der Schmerz, und mich umfluthen die Thränen, Wie Salamander die Gluth, und wie die Fische die Fluth. Meines Schmerzens Gluth entflammt das Herz so gewaltig, Daß als Naphthaöl Thräne den Augen entquillt.
1 Rone, das landschaftliche Wort für rothe Rübe, ist rein Persisch, nämlich Runas oder Ronas.
|