


Medschnun
Wenn einst der Morgenwind vom Zelte Leila's Auf's Grab Medschnun's den Duft herüberweht, Entsprühen Funken seinen morschen Beinen, Aus welchen eine Flamme aufersteht.1 Nach ganz durchwachter Nacht sah er den Schimmer Des Morgenroths, und bildete sich ein, Er finde sich nun vor dem Zelte Leila's, Das Morgenroth sei ihrer Lampe Schein.2 Medschnun erblickt' den schwarzen Stein der Kaaba, Er glaubt', er sähe Leila's Wangenmaal, Er heftet fest die Lippen auf den Stein hin, Durchglühend ihn mit Küssen ohne Zahl.3 Er sieht den Mond aufgehen hinter'm Berge, Und hält ihn für den Knopf von ihrem Zelt, Worauf er der Moslime als Sabäer, Anbetend vor dem Monde niederfällt.4 Und weht der Morgenwind von Leila's Gaue, Medschnun haucht ihn wie Lebensfluthen ein, Und statt zu kühlen, zerschmilzt er dem Armen Wie Wachs am Kerzenlichte Mark und Bein.5 Er sieht Gazellen durch die Fluren rennen Und rennet ihnen nach durch Thal und Feld, Weil er die schönen Augen der Gazelle Für Leila's dunkle Schelmenaugen hält.6 Als er noch glücklich, waren seine Kleider Aus Sammt und Seide und von Farben hell, Doch als unglücklich er von Liebe ras'te, Da kleidete er sich in braunes Fell. Wer Leila liebt, ist nur mit brauner Farbe, Mit schwarzer Unglücksfarbe nur vertraut, Und von dem ganzen Wohlstand seines Leibes Erübrigt ihm zum Kleide nur die Haut.
1 Ursi I. 81
2 I. 148 3 Nahisi I. 31 4 Schuuri II. 362 5 Ursi I. 81 6 Ssaid I. 31 |