Be Nāme Ahurā Mazdā - Goftāre Nik, Pendāre Nik, Kerdāre Nik
Nirupars
Nirupars - Bilder aus Persien

Hör´ auf der Flöte Rohr, was es verkündet



Maulana Rumi Rumi

Masnavi


Hör´ auf der Flöte Rohr, was es verkündet

Übersetzt von:
Georg Rosen, 1849






Hör´ auf der Flöte Rohr1, was es verkündet,
Hör´, wie es klagt von Sehnsuchtsschmerz entzündet:

"Als man mich abschnitt am beschilften See,
Da weinte alle Welt bei meinem Weh.

Ich such´ ein sehnend Herz, in dessen Wunde
Ich giesse meines Trennungs-Leides Kunde.

Sehnt doch nach des Zusammenweilens Glück
Der Heimatferne allzeit sich zurück.

Klagend durchzog ich drum die weite Welt,
Und Schlechten bald, bald Guten beigesellt,

Galt Jedem ich als Freund und als Gefährte,
- Und Keiner fragte, was mein Herz beschwerte.

Und doch - so fern ists meiner Klage nicht,
Den Sinnen nur fehlt der Erkenntnis Licht.

So sind auch Seel´ und Leib einander klar,
Doch welchem Aug´ stellt´ je ein Geist sich dar?"

Kein Hauch, nein Feuer sich dem Rohr entwindet.
Verderben dem, den diese Gluth nicht zündet!

Der Liebe Gluth ist´s, die im Rohre2 saust,
Der Liebe Seufzen, das im Wein aufbraust.

Getrennter Liebenden Gefährtin sie,
Zerreisst das Innerste die Melodie.

Als Gift, als Gegengift stets unvergleichlich,
An Mitgefühl und Sehnsucht unerreichlich,

Giebt sie vom Pfad im Blute3 uns Bericht,
Von Medschnuns4 Liebe singt sie manch Gedicht.

Vertraut mit diesem Sinn ist nur der Thor5,
Gleich wie der Zunge Kundsmann nur das Ohr.

In Leid sind unsre Tage hingeflogen,
Und mit den Tagen Plagen mitgezogen!

Und ziehn die Tage, lass sie ziehn in Ruh,
O du der Reinen Reinster, daure du!6

Den Fisch nur sättigt nie die Fluth, doch lang
Sind des Darbenden Tage, lang und bang.7

Aber mein Wort sei kurz; versteht doch nicht
Der Rohe was der Vielgeprüfte spricht.

Sei frei, mein Knabe8, und durchbrich die Schranke,
Zu lang war Gold und Silber dein Gedanke!

Denn gössest du das Meer in einen Krug, -
Was fasst er? Kaum für einen Tag genug.

Voll wird des Geiz´gen Aug´ nie; doch verleiht
Der Muschel Perlen die Genügsamkeit.9

Wem immer Liebe10 riss das Kleid entzwei,
Der ist von Geiz und aller Schande frei.

O Liebe, du mein süsses Weh, Heil dir,
Meiner Gebresten Balsam, für und für!

Du heilst von Scham und Hochmuth11 mein Gemüthe,
O du der alten Weisen schönste Blüthe!12

Den Leib von Staub13 liess Lieb´ gen Himmel schweben,
Der Berg14 zerbarst, den Liebe macht´ erbeben;

O Freund, Horeb ist worden liebetrunken,
Und Moses ist ohnmächtig hingesunken! -

Wär´ mir der, den ich liebe, Mund an Mund
Vereint, - o Manches wollt´ ich thun auch kund.

Doch stumm ist selbst wer hundert Weisen kennt,
Ist er von dem, der ihn versteht, getrennt.

Wenn Lenz entflohn, wenn hin die Zeit der Rosen,
Hörst du nicht mehr die Nachtigallen kosen.15

Zwei Wesen Lieb´ zu einem Ding verwebt,
Todt ist was liebt, nur das Geliebte lebt.16

Dem Vogel, der die Fittige verloren,
Gleicht der, dem Liebe fremd ist, weh dem Thoren!

Wie könnt´ ich vor- und rückwärts für mich sorgen,
Wär´ mir des Freund17 allstrahlend Licht verborgen? -

Diess Wort, die Lieb´ sprichts, die dem Spiegel gleicht;
Nützt wohl ein Spiegel, der von Fehlern schweigt?

Mit Rost bedeckt ein Spiegel ist die Seele,
Der nicht die Liebe kündet ihrer Fehle!




1 Ueber die Entstehung dieses Einganges erzählen die Mewlewi Folgendes:
Hussam-ed-din-Tschelebi, der selbst als mystischer Dichter berühmte, geistreiche Schüler und Vertraute des Scheich, hatte diesen wiederholt gebeten, die Lehren, die er vortrage, schriftlich niederzulegen. Als er eines Tages lebhaft in ihn drang, antwortete Mewlana, er habe bereits auf göttliche Eingebung seinem Wunsche gewillfahrt, und zog aus seinem Turban ein Stück Papier hervor, auf dem sich die ersten 18 Doppelverse geschrieben fanden. Diese stehen ihres dunklen Ursprungs wegen bei den Mewlewi im höchsten Ansehn und sind der Gegenstand weitläufiger Commentare geworden, in denen ihre mystische Bedeutung wahrscheinlich weit über die Grenzen der Absicht ihres Urhebers hinaus ausgedehnt worden ist.
Die Flöte ist eins der vornehmlichsten Instrumente der schmelzenden, melancholischen Musik, welche die Derwische zu ihren mystischen Reigen begeistert. Alle ihre Laute sind Klage, - Klage, wie es heisst, über ihre Trennung von dem rohrbewachsenen Weiher; und so ist das Bild des erleuchteten Menschen, dessen Leben auch nur eine Klage seyn soll, eine Klage über seine Trennung von der Gottheit, über die Sonderung des Theils von dem Ganzen, nach dem er sich zurücksehnt, bis die als Krankheit und Sünde geltende Individualität vernichtet und der reine Geist in die grosse Einheit resorbirt worden ist.

2 D.i. in der Flöte

3 Der Pfad im Blut ist die Liebe. So ruft Hafiz seinem Geliebten in einem Gazel zu:
"Halt fern vom Staub und Blut dein Gewand, wenn du an mir vorübergehst;
denn auf diesem Wege (den ich gehe, d.h. dem der Liebe) sind der Erschlagenen viel, deine Opfer!"

4 Die Liebe des Kais mit dem Beinamen Medschnun, der Rasende, zur Leila ist eine arabische Wüstensage, welche von den romantischen und mystischen Dichtern des Orients unendlich viel ausgebeutet wordn ist. Medschnuns Leidenschaft wird von der Leila getheilt, ist aber doch unglücklich, indem der Vater des Mädchens sich weigert, sie dem aus Liebe wahnsinnig gewordenen Jünglinge zu geben. Medschnun lebt nun unter den Thieren des Feldes, und bezaubert diese so wie die Menschen, die ihm nahe kommen, durch seine beredten Klagen, bis ihn endlich das Glück zu lächeln scheint und ihn mit seiner Geliebten vereinigt. Aber ein neues Hinderniss, schrecklicher als alle früheren, vereitelt auf´s neue seine Hoffnungen: Leila stirbt in dem Augenblicke, wo er sie sein nennen konnte, und bald darauf haucht auch Medschnun auf ihrem Grabe seine Seele aus. Dies ist der Faden der mit vielen reizenden Episoden ausgeschmückten Erzählung von einer Liebe, die den Orientalen als der wahre Ausdruck der innigsten Leidenschaft gilt.

5 D.h. der den Sorgen des gewöhnlichen Menschen überhobene und deshalb diesen als Thor geltende.

6 Dieser Ausruf ist an den Scheich Schems-ed-din Tebrisi gerichtet, den Lehrer Mewlanas. "Mögest du dauern", "mögest du nie fehlen", sind gewöhnliche Begrüssungsformeln bei den Orientalen.

7 Dieser Vers ist mystisch. Die formlose, aller Gestaltung widerstrebende, aber in sich klare Fluth ist die Gottbegeisterung, der gegenüber die Menschen in drei Classen zerfallen: Einige leben ganz in ihr, wie der Fisch im Meere, und werden ihrer nie satt; diese immer nach der Wahrheit Dürstenden sind die vollkommensten Menschen. Andere begnügen sich, jene Fluth nur gekostet zu haben, dies ist die zweite Classe; die dritte und niedrigste endlich hat gar keinen Antheil an der wahren Erkenntnis deren Tag verstreicht langsam in irdischen Besorgnissen und Aengsten.

8 Der hier Angeredete ist nach Ansicht der Mewlewi-Derwische Hussum-ed-din, der nach der Mitteilung der ersten 18 Verse um weitere Aufschlüsse bat.

9 Nach der Ansicht, dass es nur dann der Muschel gelinge, Perlen zu erzeugen, wenn sie sich vor der Fülle des Meerwassers verschliesse und nur einen Regentropfen in sich aufnehme.

10 Es ist hier von der Liebe des Geschöpfes zu dem Schöpfer die Rede. Das Kleid, welches dieselbe zerreissen soll, ist die Selbstsucht, der Eigenwille, durch den sich die Individualität kund giebt. Die mystischen Dichter bedienen sich zur Bezeichnung der göttlichen Liebe stets der Ausdrücke, welche eigentlich der irdischen Liebe und Freundschaft gelten.

11 Den beiden Regungen der Selbstsucht; sie waren es, welche den Iblis zu der ihm selbst verderblichen Widerspenstigkeit vermochten, als Gott ihm befohlen, sich vor dem Menschen niederzuwerfen.

12 Im Originale: "Du unser Plato und Galen!" Die Orientalen theilen die Philosophen des Alterthums in zwei Klasse, die Ischrakijje und die Messchaijje. Erstere schöpften ihre Weisheit aus der Abstraction, der Reinigung des innern und der Ascese des äussern Menschen; letzteren gelang dies nicht, weshalb sie sich auf Experimentiren und Studium verlegten. Der Anführer der Ischrakije ist Plato (Iflatun) und der der Messchaijje Galen (Dschalinos). Der Vergleich soll sagen, dass die Liebe nicht weniger zur wahren Erkenntnis führt als die gefeiertsten Lehrer der Weltweisheit.

13 Die göttliche Liebe war am stärksten bei Idris und Issa (Henoch und Jesus), deren irdische Leiber sie zum Himmel hinauftrug.

14 Die Geschichte der Enthüllung Gottes vor Moses erzählt der Koran (Sure 7, 139) folgendermassen: Und als Moses herankam zu der Zeit, die wir (der Redende ist Gott) ihm bestimmt, und sein Herr (Gott) mit ihm redete, sprach er: Mein Herr, zeige dich mir, dass ich dich schaue! Er (Gott) sprach: du wirst mich nicht sehen, aber schaue auf den Berg, und wenn er festbleibt auf seiner Stelle, so wirst du mich sehen. Und da Gott dem Berge sich enthüllte, machte er ihn zu Staub, und Moses fiel nieder in Ohnmacht. Vgl. II. Mos. 33, 18 ff.
Die mystischen Dichter geben der Stelle eine ihren Vorstellungen entsprechende Deutung. Moses sehnt sich, Gottes Angesicht zu sehn, wie man sich nach dem Anblick des Gegenstandes seiner Liebe sehnt, und der Berg - hier der Tor oder Horeb, nach einigen Auslegern der Zebir - erbebt liebeberauscht, da sich Gott vor ihm enthüllt, bis er in Stücke fällt. Die letzten Worte der Koranstelle sind dem persischen Text wörtlich eingeführt.

15 Anspielung auf die schöne Dichtung von der Liebe der Nachtigall zur Rose.

16 Indem nämlich die Liebe des Liebenden eigenen Willen tödtet und in dem des Geliebten aufgehen lässt.

17 Gottes.