Be Nāme Ahurā Mazdā - Goftāre Nik, Pendāre Nik, Kerdāre Nik
Nirupars
Nirupars - Bilder aus Persien

Liebe verrathen schwere Seufzer ja



Maulana Rumi Rumi

Masnavi


Liebe verrathen schwere Seufzer ja

Übersetzt von:
Georg Rosen, 1849






Liebe verrathen schwere Seufzer ja; -
Kein Leiden kömmt der Liebe Leiden nah,

Kein andrer Kranker gleicht dem Liebekranken:
Auf zu Gott weist die Liebe den Gedanken;

Ob sie vergänglich; ob sie unvergänglich,1
Liebe macht stets den Sinn für Gott empfänglich.

Was über Lieb´ ich je gesagt, ergründet,
Des schäm´ ich mich, sobald mich Lieb´ entzündet.

Wohl ist das Wort der Allesoffenbarer,
Doch wortlos ist die Liebe nur noch klarer.2

Des Schicksals Schreibrohr3 zog unaufgehalten,
Als es zur Liebe kam, da war´s zerspalten.

Verstand ist hier ein Esel im Morast -
Der Liebe Wesen nur die Lieb´ erfasst.4

Der Sonne Wesen thut die Sonne dar,
Der schau´ sie an, dem nicht ihr Wesen klar.5

Auch giebt der Schatten wohl von ihr Bericht, -
Und so füllt Liebe stets den Geist mit Licht.6

Kein Wesen gleicht der Sonn´ an Majestät, -
Liebe, der Seele Sonn´, nie untergeht.

Einzig die Sonn´ die Körperwelt bestrahlt,
Jedoch ihr Abbild wohl ein Künstler malt;

Der Seele Sonn´ ist ohne äussre Spur,
Ihr gleicht im Geist Nichts, Nichts in der Natur.

Hat Vorstellung die Lieb´ je aufzufassen
Vermocht, der Lieb´ ein Bildniss anzupassen?

Da diese Red´ der Glaubenssonne7 denkt,
Des vierten Himmels8 Sonn´ ihr Antlitz senkt.

Und da Tebrisi´s Nam´ hier vorgekommen,
Sollt´ ich hier reden von dem Reinen, Frommen.

Vom Duft des Kleides Josephs angeweht9,
Ergreift auch mein Gewand10 Hussam und fleht:

"Bei dieser Freundschaft, die uns Jahre eint,
Rede mir von dem vielgepries´nen Freund,

O rede, dass das ganze Weltall lache,
Und Aug´ und Geist mir wachs´ ins Hundertfache!"

"Dring nicht in mich! die Kräfte mir versagen,
Es stockt mein Geist; ich kann sein Lob nicht wagen.

Zum Reden möchst du wohl den Kranken bringen,
Doch wohlzureden würd´ ihm nie gelingen.

In meinen Adern glüht ein wild Entzücken,
Kann mir des Freund, des Einz´gen, Lob da glücken?

Lass ab! Von meiner Sehnsucht, meinem Leid,
Red´ ich zu dir in einer andern Zeit."

Er sprach: "Gieb was mein lechzend Herz begehrt,
Und schnell! die Zeit ist wie ein scharfes Schwert.

Als Sofi nist du Sohn der Zeit geworden,
Aufschub ist nicht erlaubt in unserm Orden.

Bist du vom Orden nicht der Selbstentsagung?
Zum Nichtseyn wird das Seyn durch die Vertagung."

Ich sprach: "Freund, auf mein Gleichnis sollst du hören,
Denn es umhüllt des Scheichs geheime Lehren,

Gleichwie wahrheitumschleiernd ein Gedicht
Von den Geheimnissen der Liebe spricht."

Er sprach: "Gieb mir enthüllt und rein die Wahrheit,
Versag´ mir, Meister, nicht die ganze Klarheit!

Gieb sie mir nackt und lüfte ganz den Schleier,
Im Kleid begeh´ ich nicht der Brautnacht Feier!"

Ich sprach: "Wenn nackt dein Aug´ sie würde sehn,
Du würdest, Freund, zu Nichts vor ihr vergehn,

Unmässig ist der Wunsch, den du gehegt, -
Den Bergkoloss der Strohhalm nimmer trägt!

Wenn nicht die Sonne, die das All erhellt,
Fern bleibt, so lodert auf die ganze Welt.

Zu Zwist und Kampf und Mord führt dein Begehr,
Drum rede von Tebrisi mir nicht mehr!"



1 D.h. ob sie sich an etwas Vergängliches, Irdisches, oder an den Einen, Unvergänglichen hängt. Der Dichter spielt damit auf das arabische Sprichwort an: das Bild ist die Brücke zum Wesen. Aehnlich sagt Dschami in dem Gedichte Jussuf und Suleicha: "Wende von der Liebe das Antlitz nicht ab, auch wenn es die bildliche (aussergötliche) ist; denn diese leitet zur wesentlichen hin."

2 Die stumme, sich nicht auszusprechen wagende Liebe gilt den persischen Dichtern für die innigste. Der so viel von ihrer Leidenschaft redenden Nachtigall ruft Sadi im Rosengarten zu: "O Morgenvogel, die Liebe lerne von der Lichtmücke, welche verbrennt und im Sterben keinen Laut von sich giebt!" Die Lichtmücke, welche ohne Hoffnung auf Erhörung das Kerzenlicht stumm umschwärmt und endlich in ihm den Tod sucht, ist das sinnliche Bild dieser Liebe, in Beziehung auf welche Sadi an einer andern Stelle sagt:
"Die Liebenden sind todt in dem Geliebten,
Und von den Todten hörst du keinen Laut."

3 Die Muhammedaner denken sich alles menschliche Geschick in der anfangslosen Ewigkeit von Gott auf eine Tafel (lewh) aufgezeichnet, über welcher sie das Schreibrohr, den Kalem, noch fortwährend arbeiten lassen. Dies Rohr, welches alles Andere zu schreiben vermochte, zersplitterte von selbst, als es zur Liebe kam, aus Entsetzen vor einem so erhabenen Gegenstande. Einer von dem Commentator zu dieser Stelle angeführten arabischen Mythe zufolge war der Kalem das Erste, was Gott erschuf. "Demselben", heisst es, befahl Gott: "Schreib!" und er schrieb die Vergangenheit und die Zukunft. Dann sprach Gott: "Schreib, es ist kein Gott als Gott"; und er schrieb es. Dann sprach Gott: "Schreib, Muhammad ist der Gesandte Gottes"; aber er vermochte es nicht zu schreiben. - Muhammad gilt nämlich als Träger der göttlichen Liebe. Uebertreibungen der Art fallen bei den orientalischen Dichtern nicht auf, wo Hafiz die Zohre (Venus) als Lautenschlägerin des Himmels seine eigenen Ghazelen singen und den ernsten Messias zu dieser Musik einen Reigen aufführen lassen darf. - Zu dem Gedanken selbst bemerke ich noch, dass das Rohr, dessen sich die Orientalen zum Schreiben bedienen, spröde genug ist, um bei einer auf die schreibende Hand einwirkenden geistigen Bewegung leicht zu zersplittern.

4 D.h. der Verstand vermag die Liebe nicht zu begreifen oder zu erklären; denn um ihrer bewusst zu werden, muss man sie fühlen. Denselben Gedanken drückt ein türkischer Dichter der neusten Zeit, Fehim Efendi, folgendermassen aus:
"Im Thal der Liebe geht der Verstand irre, und wenn er auch in der Philosophie ein Ptolemäus (Batlamios) ist."

5 Die Zusammenstellung von Liebe und Sonne liegt dem Perser um soviel näher, da in seiner Sprache Ein Wort - mihr - beide Begriffe vereinigt. So heisst es auch in Jussuf und Suleicha (Rosenzweig, S. 80):
"Als sie von Joseph hörte und seiner Schönheit, da entbrannte auf dem Monde ihres Antlitzes die Sonne (Liebe)".
Unser Dichter vermeidet hier dieses Wort und wählt statt seiner in beiden Bedeutungen vorzugsweise die arabische Benennung der Sonne, Schems, um damit auf das bald folgende Lob seines Lehrers und Freundes, des Scheich Tebrisi, mit dem Beinamen Schem-ed-din (Glaubenssonne) vorzubereiten.

6 Wie der Schatten die Sonne ahnen lässt, so das den Geist erfüllende Licht der Liebe.

7 Des Scheich Tebrisi, der diesen Beinamen führte.

8 Bekanntlich denken sich die Muhammedaner sieben Himmel über einander. Der vierte derselben ist die Sphäre unserer Sonne.

9 Dies ist bildliche Bezeichnung der Vorahnung eines hohen Genusses. Bei der Rückkehr der Söhne Jakobs von ihrer letzten Reise nach Aegypten lässt der Koran den Joseph zu seinen Brüdern, denen er sich endlich zu erkennen gegeben, also sprechen (Sure 12, 93): "Ziehet fort mit diesem meinem Hemde und werft es auf meines Vaters Antlitz, auf dass er sehend werde, und kommt zu mir mit den Eurigen allesammt." Dann heisst es weiter: Als aber die Karawane abgezogen war (aus Aegypten), sprach ihr (in Kanaan zurückgebliebener, eblindeter) Vater: "Wahrlich, ich empfinde den Duft Josephs, - wenn ihr mich nur nicht kindisch nenntet." Sie sprachen: "Bei Gott, da bist du wieder in deinem alten Irrwahn." - Auch Sadi hat diese Koranstelle zu einem Gedicht im Rosengarten benutzt, wo er diesen Zustand des Schauens dem der menschlichen Schwäche gegenüberstellt, nach welcher Jakob das in seiner Nähe verübte Verbrechen seiner Söhne nicht bemerkte:
"Man sprach zu dem, der seinen Sohn verloren:
Du edlem Stamm entsprossner weiser Greis!
Des Hemdes Duft empfandst du aus Aegypten, -
Sahst du in Kanaans Grube Joseph nicht?" -

10 "Das Gewand erfassen" ist der Gestus des Flehens.