Be Nāme Ahurā Mazdā - Goftāre Nik, Pendāre Nik, Kerdāre Nik
Nirupars
Nirupars - Bilder aus Persien

Von den Königen und dem Hofleben



Mausoleum von Saadi Saadi

Golestan


Von den Königen und dem Hofleben



Von den Königen und dem Hofleben

Man erzählt, daß, als einst ein König den Befehl zur Hinrichtung eines Gefangenen gegeben, dieser Unglückliche in seiner verzweifelten Lage anfing, in seiner Muttersprache Schmähreden und Lästerungen gegen ihn auszustoßen; denn das Sprichwort sagt: Wer keine Hoffnung mehr für sein Leben hegt, der sagt alles, was er auf dem Herzen trägt.

»Wenn er verzweifelt, wird des Menschen Zunge länger;

So stürzt geängstigt sich die Katze auf den Hund.«

Bleibt aus Bedrängnis kein Entrinnen mehr,

Ergreift die Hand des scharfen Schwertes Wehr.


Der König fragte, was er sage? Ein edelgesinnter unter seinen Wesiren antwortete: O Herr, er sagt: »Und die ihren Zorn unterdrücken und den Menschen verzeihen, denn Gott liebt die Gütigen.« Der König hatte Mitleid mit ihm und schenkte ihm das Leben. Ein anderer Wesir aber, der das Gegenteil von jenem war, sagte: Für Leute unseres Standes ziemt es nicht, vor dem Könige etwas anderes als die Wahrheit zu reden; jener Mensch hat den König geschmäht und Unziemendes gesprochen. Der König runzelte die Stirn über diese Rede und sprach: Mir hat die Lüge, die er gesagt hat, besser gefallen, als diese Wahrheit, die du gesagt, denn jene beabsichtigte etwas Gutes, diese ist aus Bosheit hervorgegangen, und die Weisen haben gesagt: Eine Lüge, welche Gutes bezweckt, ist besser, als eine Wahrheit, welche Unheil versteckt.


Wenn der König handelt wie du sprichst,

Unrecht ist´s, so du nichts Gutes sprichst.


*


Auf der Kuppel von Feriduns Palaste war geschrieben:


Nicht bei der Welt, o Bruder, kannst du die Treue finden;

Nur an den Weltenschöpfer darf sich das Herz dir binden.

Es sei das Gut der Erde nicht Stütze dir und Stab:

Gleich dir beglückt´ es viele und stürzte sie ins Grab.

Wird eine reine Seele dereinst dem Tod zum Raube,

Gleichviel, ob auf dem Throne sie starb, ob in dem Staube.


*


Ein König von Chorasan sah einst im Traume den Sultan Mahmud Sohn Sebuktegins hundert Jahre nach dessen Tode; sein ganzer Körper schien vermodert, bloß die Augen drehten sich in den Augenhöhlen und blickten umher. Die Weisen alle waren unfähig, dieses zu erklären, nur ein Derwisch vermochte diesen Dienst zu leisten und sagte: Er sieht noch mit Neid, wie ein anderer sich seines Besitztums erfreut.


Berühmte legt man viele in den Schoß der Erde,

Auch eine Spur von ihrem Dasein bleibt nicht mehr,

Und jenen Greisenleichnam, der im Staub begraben,

Verzehrt der Staub, ein Knochen bleibt von ihm nicht mehr.

Voll Ruhm und Segen lebt noch jetzt Nuschirwans Name,

Lebt auch Nuschirwan doch schon lange Zeit nicht mehr.

Tu´ Gutes, der du lebst, das Leben acht´ als Beute,

Bevor das ernste Wort ertönt: Er ist nicht mehr.


*


Man erzählte mir von einem Königssohne, welcher klein und mißgestaltet war, indes seine Brüder groß waren und schön von Gestalt. Einst blickte ihn sein Vater mit Widerwillen an; der Jüngling verstand dieses mit feinem Sinne und sprach: O Vater, ein kleiner Mann voll Verstand ist besser als ein großer voll Unverstand; nicht alles, was größer ist an Gestalt, ist besser an Gehalt, denn »das Schaf ist ein reines Tier und der Elefant ist ein unreines Tier«.


»Von allen Bergen ist der Sinai der kleinste,

Der größte doch bei Gott an Rang und Wert.«

Du weißt wohl, was ein magrer Weiser

Einst sprach zu einem fetten Toren:

Ein kleines edles Roß ist besser

Als hundert Esel lang von Ohren.


Der Vater lachte, die Hofleute schenkten Beifall und die Brüder ergrimmten in ihrer Seele.


So lange sich ein Mann nicht durch sein Wort entdeckt,

Sind sein Verdienst und seine Fehler dir versteckt.

Für leer nicht halte jed´ Gebüsch, das du bemerkest,

Denn möglich ist es, daß darin ein Tiger steckt.


Man erzählt, daß in jener Zeit ein gefährlicher Feind erschien; als nun die beiden Heere einander gegenüberstanden, war jener Jüngling der erste, der sein Pferd auf den Kampfplatz trieb, indem er ausrief:


Am Tag des Kampfes sieht man meinen Rücken nicht,

Als Haupt steh´ ich in Staub und Blut am Weg der Ehre.

Wer tapfer streitet, spielt mit seinem eignen Blut,

Wer flieht am Tag der Schlacht, der spielt mit seinem Heere.


So sprach er, stürzte sich auf die Soldaten des Feindes und warf einige krieggeübte Männer nieder. Als er wieder vor seinen Vater trat, küßte er ehrerbietig die Erde und sprach:


O du dem ich verächtlich scheine,

Ist dir die Plumpheit so viel wert?

Nützt dir der fette Ochs am Tage

Der Schlacht mehr, als das magre Pferd?


Wie man erzählt, waren die Soldaten des Feindes zahlreich, diese aber wenig; einige wollten fliehen, da erhob der Jüngling seine Stimme und rief: Haltet euch wacker, ihr Streiter, sonst gibt man euch Weiberkleider. Die Kühnheit der Reiter wurde durch seine Worte angefeuert, sie stürzten mit einem Male auf den Feind, und sie sollen an diesem Tage den Sieg davongetragen haben. Der König küßte seinem Sohne Haupt und Augen und schloß ihn in seine Arme, und er schätzte ihn jeden Tag höher, bis er ihn endlich zu seinem Thronfolger ernannte. Seine Brüder wurden darüber eifersüchtig und taten Gift in sein Essen; doch seine Schwester sah es von dem Söller, sie schlug das Fenster zu, und der Jüngling verstand das Zeichen; er zog die Hand von der Speise zurück, indem er sagte: Es ist widersinnig, daß Verdienstvolle sterben, damit Verdienstlose ihre Stelle erben.


Wer ist es, der sich in der Eule Schatten stellt,

Und wäre auch der Phönix nicht mehr auf der Welt?


Als man dem Vater dieses berichtete, ließ er die Brüder kommen und machte ihnen die verdienten Vorwürfe; dann bestimmte er von den Ländern des Reiches einem jeden einen passenden Anteil, um die Feindschaft zu begütigen und dem Zwiste ein Ende zu machen; denn das Sprichwort sagt: Zehn Derwische liegen unter einer Decke, aber zwei Könige haben nicht Raum in einem Lande.


Ißt ein Gottesmann die Hälfte eines Brotes,

Einem Armen schenkt er gleich die andre.

Hat ein König sich ein Königreich erworben,

Richtet schon sein Sinn sich auf das andre.


*


Eine Bande arabischer Räuber hatte sich auf einem Berge festgesetzt und den Durchzugsort der Karawanen besetzt, die Einwohner jener Länder waren durch ihre Anschläge erschreckt, und die Soldaten des Sultans hatten vor ihnen die Waffen gestreckt; denn sie hatten eine unzugängliche Feste auf dem Gipfel des Berges in ihre Gewalt gebracht, und diese zu ihrer Freistätte und ihrem Zufluchtsorte gemacht. Die Verwalter der Provinzen jener Gegend hielten Rat über die Abwehr dieses Unheils, denn, sagten sie, läßt man die Bande längere Zeit in diesem Treiben gehn, so wird es unmöglich, ihr zu widerstehn.


Der Baum, der Wurzel kaum gefaßt im Boden,

Leicht ist es einem Mann ihn auszuroden;

Läßt er ihn lange stehn an seinem Ort,

So schafft er ihn nicht mit der Winde fort.

Den kleinen Quell hemmt man mit einem Spaten,

Doch wird er groß, kann ihn kein Pferd durchwaten.


Sie kamen endlich zu dem Entschluß, jemanden zu beauftragen, die Räuber auszuspähen und die günstige Gelegenheit zu ersehen, bis sie einst, als diese ausgezogen waren, um Leuten aufzupassen und ihren Schlupfwinkel leer gelassen, einige kampferfahrne und kriegskundige Männer aussandten, die in dem Bergpasse einen sichern Versteck fanden. Als die Räuber nachts zurückkamen nach vollendetem Ausfalle und vollbrachtem Anfalle, lösten sie von den Waffen ihre Glieder und legten ihre Beute nieder. Der erste Feind, der sie überfiel, war der Schlaf, bis die eine Nachtwache vorüber war;


Die Sonne war in finstern Schlauch getaucht,

Wie Jonas in des Fisches Bauch getaucht,


als die herzhaften Männer aus ihrem Hinterhalte hervorrannten, und einem jeden die Hände auf den Rücken banden. Am Morgen führten sie sie dem Könige vor; dieser befahl sie alle hinzurichten. Zufällig befand sich unter ihnen ein Jüngling, bei dem die Erstlingsfrucht der Jugend kaum zu reifen angefangen, und der dunkle Schatten in dem Rosengarten seiner Wange eben aufgegangen. Einer der Wesire, nachdem er sich an dem Fuße des königlichen Thrones zum Kusse gebückt und das Angesicht der Fürbitte in den Staub gedrückt, sprach: Dieser Jüngling hat nicht gleich den andern aus dem Garten des Lebens gekostet und von den Erstlingen der Jugend genossen; ich wage es daher auf die Großmut und den edlen Sinn deiner Majestät die Hoffnung zu richten, du werdest durch das Geschenk seines Lebens deinen Knecht zum Danke verpflichten. Der König runzelte seine Stirn über diese Worte, denn sie stimmten nicht mit seiner hohen Einsicht überein, und er sprach:


Wo ein böser Grund ist, wird das Gute

Durch das Licht der Guten nimmer wach.

Bei Unwürd´gen haftet die Erziehung

Wie die Nuß auf einem Kuppeldach.


Ratsamer ist es, dieser Menschen Brut und Gezücht auszurotten, und besser deren Grund und Wurzel auszureißen, denn das Feuer auslöschen und die glühenden Kohlen lassen, oder die Otter töten und ihre Brut am Leben lassen, ist nicht der Verständigen Sache.


Wenn auch aus der Wolke Lebenswasser strömte,

Niemals kannst du Frucht vom Weidenbaume essen.

Auf Unwürd´ge wende nimmer deine Mühe:

Kannst nicht Zucker aus dem Rohr der Matte pressen.


Der Wesir konnte nicht umhin, diese Rede untertänigst anzuhören und seine Billigung zu zeigen, und mußte der vortrefflichen Ansicht des Königs laut seinen Beifall bezeugen, und er sagte: Was der Herr, es daure seine Herrschaft! zu sprechen geruht, ist die Wahrheit selbst; denn wäre er in der Gesellschaft die ser Bösewichter erzogen worden, so hätte er sich ihrer Art und Weise zugesellt und in ihre Reihe gestellt. Aber dein Knecht ist der Hoffnung, er werde, wenn er in der Gesellschaft der Guten seine Erziehung empfangen, auch zu der Art und Weise der Verständigen gelangen; denn er ist noch ein Kind, und die Lebensart der Gewalttat und des Frevels jener Rotte hat sich in seiner Natur noch nicht befestigt, in der Überlieferung aber heißt es: »Kein Kind wird geboren, das nicht die Anlage zum Islam hätte, dann aber machen es seine Eltern zum Juden und Christen und Magier.«


Mit Bösen ward befreundet Lots Gemahlin,

Und trat darum aus dem Prophetenbund.

Nur wen´ge Tage folgt er nach der Höhle

Den Guten, und zum Menschen ward der Hund.


So sprach er, und mehrere von den Gesellschaftern des Königs unterstützten seine Fürbitte, bis der König dem Jüngling das Leben schenkte und sprach: Ich will Gnade schenken, kann ich mir es auch nicht als ratsam denken.


Du weißt, was Sal gesprochen zu Rustem seinem Sohn:

Den Feind behandle nie mit Verachtung und mit Hohn.

Die unscheinbare Quelle, das sah´n wir öfters schon,

Ward stärker bald und führte Kamel und Last davon.


Kurz, der Jüngling wurde von dem Wesir in sein Haus gebracht und mit aller Liebe und Güte bedacht; ein geschickter Lehrer wurde mit seiner Erziehung beauftragt, daß er zierliche Anrede lernte und gewandte Gegenrede und was sonst zum gefälligen Anstand bei Hofe gehört, und daß er in den Augen aller Wohlgefallen fand. Einmal tat der Wesir in Gegenwart des Königs Erwähnung seiner Vorzüge und guten Eigenschaften, und bemerkte, die Erziehung der Verständigen habe bei ihm Eingang gefunden, und durch sie sei die frühere Roheit aus seiner Seele verschwunden. Der König lächelte über diese Rede und sprach:


Zum Wolfe wird des Wolfes Brut,

Lebt sie auch unter Menschenhut.


Einige Jahre verflossen darüber, als einige lose Gesellen des Stadtviertels sich zu ihm fanden und sich zur Genossenschaft mit ihm verbanden, so daß er zur gelegenen Stunde den Wesir nebst seinen zwei Söhnen erschlug, unermeßliche Schätze davontrug, in der Räuberhöhle seines Vaters Stelle vertrat und als Rebell auftrat. Der König biß sich in die Hand des Erstaunens und sprach:


Kann man ein gutes Schwert aus schlechtem Eisen machen?

Wo nichts ist, wächst auch durch Erziehung nichts empor.

Der segensreiche Regen schafft im Garten Tulpen,

In salz´ger Steppe bringt er Unkraut nur hervor.

Im salz´gen Land wächst keine Hyazinthe:

Verliere Müh´ und Samen nicht daran.

Gleichviel ist´s, wenn du Bösen Gutes tatest,

Wie wenn du Guten Böses angetan.


*


Am Hofe des Uglumisch sah ich eines Hauptmanns Sohn, der über alle Beschreibung Verstand und Feinheit und Scharfsinn und Klugheit besaß, ja von der Zeit seiner Kindheit an zeigten sich auf seiner Stirn die Zeichen der Größe.


Es glänzte hell auf seiner Stirn

Der Größe strahlendes Gestirn.


Kurz, er kam in große Gunst bei dem Sultan, denn er war von schöner Gestalt und von trefflichem Gehalt, und die Weisen haben gesagt: Der Reichtum liegt im Verdienste, nicht in dem Baren, die Größe liegt im Verstande, nicht in den Jahren. Seine Standesgenossen wurden auf ihn eifersüchtig, und machten ihn der Treulosigkeit verdächtig, und gaben sich vergebliche Mühe, ihn zu verderben.

Was kann der Feind, wenn liebevoll der Freund? Der König fragte ihn: Aus welchem Grunde sind jene so feindselig gegen dich? Er antwortete: Im Schatten des königlichen Thrones konnte ich alle befriedigen, mit Ausnahme des Neidischen, dieser wird nur durch das Aufhören meines Glückes befriedigt; möge deiner Majestät Macht und Glück dauern!


Ja, ich vermag es, keines Menschen Herz zu kränken,

Allein der Neid´sche wühlt mit eigner Hand im Herzen.

Stirb denn, o Neid´scher! so nur kannst du noch genesen:

Nur durch den Tod befreist du dich von deinen Schmerzen.

Unglückskinder wünschen dem Beglückten

Minderung des Glücks und Rangs herbei.

Sieht das Eulenauge nicht bei Tage,

Hat der Sonne Lichtglanz Schuld dabei?

Tausend blinde Augen sind doch besser,

Als daß jene schwarz und finster sei.


*


Man erzählt von einem Könige von Persien, der die Hand der Gewalttätigkeit gegen die Güter seiner Untertanen ausstreckte und mit Erpressung und Bedrückung befleckte, so daß die Leute wegen der Ränke seiner Ungerechtigkeit ihre Habe in die Welt hinaustrugen, und vor der Not seiner Bedrückung den Weg nach der Fremde einschlugen. Als der Untertanen weniger wurden, litten auch die Einkünfte des Landes Schaden, der Schatz blieb leer, und die Feinde fielen das Reich von allen Seiten an.


Wer sich am Unglückstag der Hilfe will erfreu´n,

Muß edelmütig sich zur Zeit des Glückes zeigen.

Der eigne Knecht entweicht, wenn du nicht freundlich bist;

Sei gütig, dann gibt sich der Fremde dir zu eigen.


Eines Tages las man in seiner Gesellschaft aus dem Schahnameh von dem Untergang der Herrschaft Dhohaks und von der Geschichte Feriduns. Der Wesir fragte den König: Wie konnte sich denn Feridun, der weder Schatz noch Besitz noch Gefolge hatte, des Königtums bemächtigen? Er antwortete: Wie du es eben gehört hast: die Leute ergriffen seine Partei und scharten sich um ihn und machten ihn stark, so daß er das Königtum gewann. Da das Scharen der Leute, sagte der Wesir, die Ursache des Königtums ist, warum zerstreust denn du die Leute? Solltest du etwa keine Lust zum Königtum haben?


Besser ist´s, das Heer mit deinem Blute nähren,

Denn nur durch das Heer kann deine Herrschaft währen.


Welches ist denn die Ursache des Scharens der Soldaten und der Untertanen? fragte der König. Der Wesir antwortete: Bei einem Könige ist Gerechtigkeit notwendig, damit sie sich um ihn scharen, und Milde, damit sie unter dem Schatten seiner Macht sicher wohnen; dir aber fehlt beides.


Zum Königsamte paßt nicht der Tyrann,

Gleichwie der Wolf nicht Schäfer werden kann.

Des Reiches Mauer stürzt der König ein,

Läßt er auf Unrecht sie gegründet sein.


Dem König behagte der Rat des treuen Wesirs nicht; er ließ ihn fesseln und ins Gefängnis werfen. Nicht viele Zeit verging, als die Vettern des Sultans sich zum Streite aufmachten, und ein Heer zum Aufstande zusammenbrachten, und auf das Reich ihres Vaters Anspruch machten. Viele, die durch seine Bedrückung aufs Äußerste gebracht, sich zerstreut hatten, scharten sich um sie und machten sie stark, so daß er seines Reiches entsetzt ward und jene seinen Thron besetzten.


Wo der König Druck und Härte an den Untergebnen übet,

Wahrlich zum gewalt´gen Feinde wird der Freund zur Zeit der Wehr.

Vor dem Krieg des Gegners sichert Friede mit den Untertanen,

Denn es sind die Untertanen des gerechten Königs Heer.


*


Ein König hatte sich mit einem unerfahrenen Jüngling in ein Schiff gesetzt; der Jüngling hatte das Meer noch nie gesehen und die Unannehmlichkeiten der Schiffahrt nie versucht. Er fing an zu weinen und zu klagen, und ein Zittern befiel seinen Körper; so sehr man ihn auch zu begütigen suchte, wurde er doch nicht ruhiger. Dem Könige wurde dadurch das Vergnügen gestört, aber man wußte keine Hilfe. Da sprach ein weiser Mann, der auf dem Schiffe war: Wenn du gebietest, so will ich ihn zum Schweigen bringen. Dies wird mir äußerst angenehm sein, antwortete der König. Der Weise ließ den Jüngling in das Meer werfen; nachdem er einigemal untergetaucht war, ergriff man ihn bei den Haaren und zog ihn an das Schiff; er hing sich mit beiden Händen an das Steuerruder, und als er wieder heraufgekommen war, setzte er sich in eine Ecke und blieb ganz ruhig. Dies gefiel dem Könige wohl, und er fragte, welcher geheime Grund hier obwalte? Der Weise antwortete: Vorher hatte er die Not des Untertauchens nicht geschmeckt und kannte darum den Wert der Sicherheit des Schiffes nicht; nur insofern kennt jemand den Wert der Gesundheit, als er schon in Krankheit verfallen ist.


Du Satter, Gerstenbrot will dir nicht schmackhaft scheinen.

Was du verschmähest, ist für mich wie Liebe süß.

Für sel´ge Huris ist der Araf eine Hölle;

Die Höllenwohner frag´, er ist ein Paradies.

Anders ist´s, das Liebchen an den Busen drücken

Oder in Erwartung nach der Türe blicken.


*


Den König Hormus fragte man: Welche Schuld hast du denn an den Wesiren deines Vaters gefunden, daß du sie hast in Fesseln legen lassen? Er antwortete: Eine Schuld habe ich bei ihnen nicht erkannt, aber ich sah, daß sie in ihrem Herzen eine unbegrenzte Furcht vor mir hatten und in mein Wort durchaus kein Vertrauen setzten; ich fürchtete daher, sie möchten aus Besorgnis vor ihrem eignen Schaden nach meinem Verderben trachten; darum handelte ich nach dem Worte der Weisen, welche gesagt haben:


Den, der vor dir sich fürchtet, fürchte du, o Weiser,

Magst du im Kampfe hundert seinesgleichen schlagen.

Sahst du nicht oft, wenn sie geängstigt war, die Katze

Dem Tiger ihre Krallen in das Auge schlagen?

So sticht die Schlange auch den Hirten in die Ferse,

Aus Furcht, er möcht´ ihr mit dem Stein den Kopf zerschlagen.


*


Ein König in Arabien war in hohem Alter krank und hatte alle Hoffnung zum Leben aufgegeben; da trat ein Reiter zur Türe herein und brachte ihm die frohe Botschaft: Das bewußte Schloß haben wir mit deiner königlichen Macht erobert, die Feinde sind gefangengenommen, und Soldaten und Untertanen jener Gegend sind alle deiner Gebote gewärtig. Als der König diese Rede hörte, stieß er einen kalten Seufzer aus und sprach: Dies ist keine freudige Nachricht für mich, sondern für meine Feinde; damit meinte er die Erben des Reiches.


Daß meiner Seele Wunsch verwirklicht einst erscheine,

In dieser Hoffnung, ach! verfloß mein teures Leben.

Die Hoffnung ist erfüllt; was hilft´s? darf ich nicht hoffen,

Daß wiederkehre das dahingeschwundne Leben.

Zur Abfahrt schlägt das Schicksal schon die Trommel:

O Augen, sagt dem Haupte Lebewohl,

O hohle Hand und Vorderarm und Schulter,

Sagt alle nun einander Lebewohl.

Mich hat des Feindes Wunsch, der Tod, ergriffen,

Drum, meine Freunde, sagt mir Lebewohl.

Mein Leben ist in Torheit hingegangen:

Was ich nicht tat, macht ihr´s im Leben wohl.


*


Als ich eines Jahres in Andacht auf dem Kissen des Grabmals des Propheten Johannes, ihm sei Heil! in der Moschee zu Damaskus kniete, kam ein König aus Arabien, der durch seine Ungerechtigkeit bekannt war, zufällig als Wallfahrer dahin, verrichtete sein Gebet und seine Anrufung und sprach seine Bitten.


Die Reichen und die Armen suchen an diesem Staubesthron Erbarmen,

Doch weit mehr Seufzer und Gebete hört man von Reichen als von Armen.


Dann wandte er sich zu mir und sprach: Um des Hochsinns der Derwische und der Lauterkeit ihres Gottesdienstes willen bitte ich euch, begleitet mich mit euern Wünschen, denn ich bin wegen eines gefährlichen Feindes in Sorgen. Ich antwortete ihm: Übe gegen deine schwachen Untertanen Gnade, dann brauchst du des starken Feindes Schaden nicht zu fürchten.


Verbrechen ist´s, der mächt´gen Faust und starken Hand,

Zu brechen des ohnmächt´gen Armen schwache Hand.

Es fürchte, wer sich der Gefall´nen nicht erbarmt,

Daß, wenn er gleitet, keiner fasse seine Hand.

Wer bösen Samen ausgesät und Gutes hofft,

Hat leeres Hirn und täuschet sich mit eitelm Tand.

Verstopfe nicht dein Ohr, sei billig und gerecht,

Sonst faßt am Tag des Rechtes dich des Rächers Hand.

Die Adamssöhne sind ja alle Brüder,

Aus einem Stoff wie eines Leibes Glieder.

Hat Krankheit nur ein einz´ges Glied erfaßt,

So bleibt den andern weder Ruh noch Rast.

Wenn andrer Schmerz dich nicht im Herzen brennet,

Verdienst du nicht, daß man noch Mensch dich nennet.


*


Ein Derwisch, dessen Gebete bei Gott Erhörung fanden, kam einst nach Bagdad; Hedschadsch, Sohn Jusufs, ließ ihn rufen und sprach zu ihm: Bete um etwas Gutes für mich. Der Derwisch betete: O Gott, nimm seine Seele weg! Um Gottes willen, rief Hedschadsch, was ist das für ein Gebet? Es ist ein Gebet um Gutes für dich und alle Muselmänner, antwortete der Derwisch.


Tyrann, der sich vom Blut der Untertanen nährt,

Wie lange glaubst denn du, daß dieses Treiben währt?

Was hilft es dir, daß du die ganze Welt erwerbest?

Statt Menschen quälen ist es besser, daß du sterbest.


*


Ein ungerechter König fragte einen frommen Mann: Welches unter den guten Werken ist für mich das vorzüglichste? Für dich, antwortete dieser, ist es der Mittagsschlaf, daß du indessen einen Augenblick wenigstens die Leute nicht plagest.


Einst sah ich einen Wütrich mittags eingeschlafen,

Und sprach bei mir: Daß dieser schlafe, ist das beste.

Bei wem das Schlafen besser tauget als das Wachen,

Es sterbe dieser Bösewicht, das ist das beste.


*


Von einem Könige ist mir erzählt worden, welcher einst eine Nacht in fröhlichem Gelage zum Tage gemacht, und im höchsten Taumel der Trunkenheit ausrief:


Wohl ist mir auf der Welt nichts angenehmer

Als dieser Augenblick,

Denn keine Sorge, keines Menschen Kummer

Bleibt hier bei mir zurück.


Ein Derwisch, welcher nackend draußen in der Kälte lag, erwiderte:


O du, dem niemand auf der Erde gleichet

An Hoheit und an Glück,

Wie dich drückt mich kein Kummer, darum ist auch

Gleich deinem mein Geschick.


Dem König gefielen diese Worte; er streckte einen Beutel mit tausend Dinaren zum Fenster hinaus und rief: Reiche deinen Rockzipfel. Wo soll ich einen Rockzipfel hernehmen, entgegnete der Derwisch, da ich keinen Rock habe? Dem Könige flößte dieses sein Elend noch mehr Mitleid ein; er fügte ein Ehrenkleid zu dem Beutel und schickte ihm beides hinaus. Der Derwisch verpraßte und verschleuderte die Summe in kurzer Zeit –


Das Geld besteht so wenig bei des Verschwenders Trieb,

Als Ruhe bei der Liebe, als Wasser in dem Sieb. –


und kam wieder in einem Augenblicke, wo der König sich nicht um ihn kümmerte. Man meldete ihm das Anliegen des Derwischs; er wurde darüber aufgebracht und runzelte seine Stirn. Deshalb haben Leute von Einsicht und Erfahrung gesagt: Vor der Heftigkeit und dem Ungestüm der Könige muß man auf der Hut sein, denn ihr Geist beschäftigt sich meist mit den Schwierigkeiten der Regierungsgeschäfte, und sie können daher das Zudrängen der gemeinen Leute nicht ertragen.


Vergeblich wird sich um des Königs Gnade quälen,

Wer nicht die günst´ge Zeit mit Vorsicht weiß zu wählen.

Bevor du nicht erkundet hast die gute Stunde,

So geh´ kein eitles Wort dir wertlos aus dem Munde.


Er sprach: Jagt den unverschämten, verschwenderischen Bettler fort, der eine solche Gabe in so kurzer Zeit weggeworfen und verschleudert hat; denn der Vorrat der Schatzkammer ist der Bissen der Armen, nicht die Speise der Satansbrüder.


Ein Tor ist, wer am hellen Tag ein Wachslicht angezündet,

Bald wirst du sehn, wie er bei Nacht kein Öl zur Lampe findet.


Ein treuratender Wesir entgegnete: O Herr, mir scheint es ratsam, daß man solchen Menschen ihren Unterhalt stückweise zuteile und bestimme, damit sie beim Ausgeben nicht verschwenden können; daß du aber den Befehl gegeben, ihn fortzujagen und hinauszuwerfen, dies ist doch nicht die Weise edelgesinnter Männer, jemandem durch Güte Hoffnung einzuflößen und ihn dann durch Vereitlung der Hoffnung zu verwunden.


Nicht recht ist´s, leichten Sinns das Tor der Hoffnung aufzuschließen,

Doch ist es offen, darf man nicht mit Härte es verschließen.

Nie siehst du durst´ge Wandrer im Hedschas

Sich an dem Rande salz´ger Quelle sammeln.

Wo aber süßes Wasser ist, da sieh,

Wie Volk und Vieh und Vögel sich versammeln.


*


Einer von den frühern Königen regierte sein Reich mit Sorglosigkeit und behandelte sein Heer mit Lieblosigkeit. Als nun ein gefährlicher Feind erschien, ergriffen alle die Flucht.


Hältst du des Schatzes Geld vom Heere fern,

So legt es auch ans Schwert die Hand nicht gern.


Einer von denen, welche diesen Verrat begangen hatten, war mein Freund; ich machte ihm Vorwürfe darüber und sprach: Unedel und vermessen, undankbar und pflichtvergessen ist es, bei einer geringen Veränderung der Umstände seinem alten Herrn den Dienst zu versagen und sich der Verpflichtung vieljähriger Wohltaten zu entschlagen. Er antwortete: Laß mich sprechen, und du wirst mich entschuldigen. Ist es billig, daß mein Pferd ohne Futter bleibe und ich als Pfand mein Sattelfutter gebe? Wenn ein Sultan für das Heer mit seinem Golde geizig ist, kann man doch für ihn nicht mit seinem Leben freigebig sein.


Gibst du dem Kriegsmann Gold, so gibt er dir sein Leben,

Doch wird er, gibst du nichts, dir seinen Kopf nicht geben.

»Gesättigt stürzt sich wohl der Krieger auf den Feind,

Mit leerem Bauch stürzt er sich in die Flucht.«


*


Ein Wesir wurde abgesetzt und trat in den Kreis der Derwische; der Segen ihrer Gesellschaft wirkte auf ihn, und Ruhe des Geistes ward ihm zuteil. Als ihn der König aufs neue in Gnaden annahm und ihm ein Amt übertragen wollte, nahm er es nicht an, sondern er sprach: Vom Amte verjagt ist besser als von der Welt geplagt.


Wer in der Einsamkeit Gemütesruhe fand,

Legt an der Menschen und der Hunde Zahn ein Band,

Wirft von sich des Papieres und der Feder Tand,

Befreit sich von des Splitterrichters Mund und Hand.


Der König erwiderte: Wir brauchen aber doch einen Mann von genügender Einsicht, welcher der Verwaltung des Reiches gewachsen sei. O König, sagte der Wesir, das Kennzeichen eines Mannes von genügender Einsicht ist, daß er sich in solche Geschäfte nicht einläßt.


Vor allen Vögeln wird der Phönix hochgeehrt,

Weil er nur Knochen frißt, nichts Lebendes verzehrt.


Zu einem Schwarzohr sagte man: Aus welchem Grunde hast du dir die beständige Gesellschaft des Löwen gewählt? Damit ich, antwortete er, den Überfluß seiner Jagd verzehre und unter seinem mächtigen Horte vor der Bosheit meiner Feinde sicher lebe. Nun, sagte man, da du unter den Schatten seines Schutzes getreten bist und deine Dankbarkeit für seine Wohltaten bekennest, warum trittst du ihm nicht näher, damit er dich in den Kreis seiner Vertrauten ziehe und dich unter seine getreuen Diener rechne? Ich bin ja doch, erwiderte er, vor seiner Gewalttätigkeit nicht sicher.


Wenn der Parse hundert Jahre fromm ein heil´ges Feuer schürt,

Dennoch brennt es ihn, hat er es einmal nur zu nah berührt.


Es trifft sich zuweilen, daß der Gesellschafter der königlichen Majestät Kopfstücke gewinnt, aber es geschieht auch, daß er seinen Kopf verliert, und weise Männer haben gesagt: Vor dem Wechsel der Launen der Könige muß man auf der Hut sein, denn zuweilen geraten sie über eine Begrüßung in Zorn, zuweilen geben sie für eine Beschimpfung ein Ehrenkleid. Man hat auch gesagt: Viele Witzreden sind für Höflinge ein Verdienst, für Weise ein Fehler.


Nach deiner Würde handeln sei dein Ziel.

Dem Höfling überlasse Scherz und Spiel.


*