Die Nachtigall hat in dem Mund

Divan-e Hafez – Band 1

Author: Khwaja Shams-ud-Din Muhammad Hafez-e Shirazi
Übersetzung von: Joseph von Hammer-Purgstall – GermanGerman flag, 1812


Die Nachtigall hat in dem Mund
Ein Rosenblatt gehalten,

Und über dieses Blatt Genuß
Der Reden viel gehalten.

Ich sprach zu ihr: Was soll dies Lied,
Dies Klagen vom Genuße?
Sie sprach: es hat mein Liebchen mich

Mit Hoffnung hingehalten.

Wenn die Geliebte mich verschmäht,
So darf es mich nicht wundern;
Des Bettlers Umgang hat der Schah
Zur Unehr sich gehalten.

Der Freundinn Schönheit bleibet stets
Den Bitten unzugänglich,
O glücklich, wer von Schönen hat
Ein beßres Loos erhalten.

Steh auf! daß wir die Seele vor

Des Meisters Pinsel opfern,
Der die Gemälde dieser Welt
So meisterlich gehalten. 1

Wenn du den Pfad der Liebe gehst,
Denk nicht auf bösen Namen,

Sein Kleid hat Scheich Sanaan 2
Zum Weinglas hingehalten.

Wie däuchte ihm die Zeit so süß,
Dem Süßesten der Kalendere, 3

Als er statt Kutt’ und Rosenkranz
Den Gürtel mußte halten!

Ein Eden, unter dessen Flur 4
Die Ströme sich ergießen. Es hat Hafis bisher dein Dach

Fürs Paradies gehalten.


1 Preise den Schöpfer, der das Bild der Schöpfung so herrlich gemalet hat.

2 Der Scheich Sanaan, ein alter gar frommer, und im Rufe
der Heiligkeit stehender Mann wallfahrtete mit
siebenhundert Jüngern nach Mekka; erblickte aber
unglücklicherweise auf dem Wege ein junges griechisches
Mädchen, in das er sich verliebte, und demselben zu
Liebe nicht nur die Enthaltsamkeit, sondern auch den
Glauben abschwor.

3 Der süßeste der Kalendere, nämlich der Scheich Sanaan; wie
deuchte es ihm so süß, statt der Kutte und des
Rosenkranzes den gelösten Gürtel des Mädchens zu
halten.

4 Ein Text des Korans, wodurch das Paradies geschildert wird.
Hafis sagt, daß er diesen Vers bisher auf die Wohnung
des Geliebten gedeutet habe. Der arabische Text heißt: Tedschra tahtiha elenhar, d.i. unterhalb fließen Ströme. Der
Morgenländer kennt in seinem brennenden Klima keine
größere Wollust als Schatten und Quellen. Quellen und
Schatten sind ihm das Vorbild paradiesischer Fluren. Nur
bemerke man die geheimnißvolle Beziehung, die der
Dichtergenius Mohammeds in die poetische Beschreibung
seines Paradieses legt. Es ist kein gewöhnlicher Garten,
von Bächen bewäßert, sondern eine von dem Lebenshauche
unsichtbarer Wasser beständig getränkte und frisch
aufblühende Flur. Oben grünet das Leben und unten
fallen die Ströme, deren Geräusche den Seligen
mystische Worte zuspricht.

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