Es ziemt, daß du von allen Schönen Steuer nimmst

Divan-e Hafez – Band 1

Author: Khwaja Shams-ud-Din Muhammad Hafez-e Shirazi
Übersetzung von: Joseph von Hammer-Purgstall – GermanGerman flag, 1812


Es ziemt, daß du von allen Schönen Steuer nimmst,
Indem du in der Schönen Laube König bist.

Durch deine Augen ist ganz Turkistan empört,
Und Sin und Hind bringt deinen krausen Locken Zoll.

Die Weisse des Gesichts ist heller als der Tag,

Die Schwärze deines Haars ist finstrer als die Nacht.

Wie soll ich denn von dieser Krankheit Heilung finden,
Wenn in mein Herz von dir, kein Heilungsmittel kömmt.

Dein enger Mund verleiht, dem Quelle Chisers Dauer.
Aegyptens Zuckerrohr, versteckt sich vor den Lippen.

Warum zerschlägst du meine Seele, steinern Herz!
Aus Zartheit bricht mein schwaches Herz wie Glas.

Wie knüpfst die Mitte du, mit einem einz’gen Haar.

Wie lösest du so schön, den Leib aus Elfenbein!

Dein Flaum ist Chiser, und dein Mund des Lebensquell,
Der Wuchs ein Baum, die Mitt’ ein Haar, der Busen Wachs.

Nach einem Schatz, wie du, sehnt sich Hafisens Herz,

O wär’ er nur ein Sklav, des Staubes deiner Thür.


Da fast jeder Vers dieser so gedrängten Schilderung von
Jünglingsschönheit einen besonderen Kommentar
erforderte, so wollen wir lieber den Sinn der ganzen Ode
in Prosa hersetzen:
Alle Herzen zollen dir Liebe, und dies mit Recht, denn du bist
der König der Schönen; die ganze Jugend von Chata
und Choten, berühmt durch die Schönheit der
Augen, hast du durch die deinigen in Aufruhr gebracht;
deine Haare sind schöner gekräuselt, als die, der Sineser
und Indier, das Wasser deines Mundes ist der Quell
des Lebens, der vom Propheten Chiser bewacht wird,
und deine Lippen sind süßer als Zucker. Schone,
steinern Herz! das meinige, das zart und zerbrechlich,
wie Glas, ist. Die Mitte deines Wuchses ist fein, wie ein
Haar, und wenn du dich niederläßt, so scheinen sich
alle deine Glieder, wie Elfenbein, auseinander zu lösen.
Dein Mund ist des Lebensquell, und der Hüter desselben
ist (nicht die Lippen wie oben) der junge grüne Bart,
der denselben umgiebt, u.s.w. bis zum Schluß, wie bei
Tibull:

Non ego – dubitem – dare sacratis oscula Liminibus.
Diese Gasel der blühendsten und reichsten eine, hat Herr Graf
von Harrach vor fünfzehn Jahren, als er sich mit dem
Studium des Persischen beschäftigte, auf eine so
glückliche Weise mit Treue des Sinns und des Reimes
wieder gegeben, daß es Verlust für die Leser seyn
würde, ihnen diese Übersetzung vorenthalten zu wollen.
Dir aller Schönen Krone,
Gebühret auch der Schönheitszoll:
Von deinen trunknen Augen

Flammt, Turkistan empörungsvoll,
Und deinem krausen Haare,
Zollt Sin und Hindus Waare.

Des Tages Glanz verschwindet,

Vor deines Angesichtes Pracht;
Die Schwärze deiner Locken,
Ist finsterer, als Mitternacht;
Wer lindert wohl dem Herzen,
Wenn du nicht heilst – die Schmerzen!

Die Quelle Chiser’s fließet,
Aus deinem Rosenmund hervor,
Der Kandel deiner Lippen,
Beschämt Aegyptens Zuckerrohr.
Wie kannst du denn mich Armen,
Zerbrechen ohn’ Erbarmen.

Ein Haar ist deine Mitte,
Erhaben die Gestalt und rein,
Dein Wuchs ist die Cypreße,
Die Glieder gleichen Elfenbein.
Dein Mund wird neues Leben,
Dem Liebeskranken geben.

Wie junges Grün der Wiese,
Sproßt weiches Flaumenhaar am Kinn,
Jasminen sind der Busen,
Du bist der Schönen Königinn!
Ach hätte dir zu dienen,
Hafis doch werth geschienen.

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