Gnädig bist du wenn du

Divan-e Hafez – Band 1

Author: Khwaja Shams-ud-Din Muhammad Hafez-e Shirazi
Übersetzung von: Joseph von Hammer-Purgstall – GermanGerman flag, 1812


Gnädig bist du wenn du
Nicht verwehrst dem armen Harut,

Daß er nach Verlangen
Schau ins Auge seinem Marut. (1)

Von der Liebe Leiden –
Bin ich überhäuft wie Harut,

Wollte Gott ich hätte
Nie gesehen meinen Marut!

In des Kinnes Grübchen
Wäre nicht gefallen Harut,

Hätte nicht entlehnet
Deiner Schönheit Schatten Marut.

Rosen blühn, ihr Peris
Kommet auf die Fluren Haruts

Nachtigallen singen,
Trunken von dem Auge Maruts

Qual und Leiden
Kostet mich die lange Trennung,
Zeig’ dich gnädig daß einst

Auch Hafis dein Antlitz sehe!


(1) Harut und Marut, zwey Engel, welche von Gott auf die Erde gesandt,
Menschentöchter verführten, und dann selbst gegen
einander in Liebe entbrannten; Suhre (Venus) ein
tugendhaftes Weib, das ihre Anträge zurückgewiesen
hatte, ward zur Belohnung für ihre Tugend in den Himmel
versetzt, wo sie im Morgenstern die Laute spielt zum
Reigen der Sterne. Harut und Marut aber wurden zur Strafe
ihrer Missethaten in einem Brunnen bei Babel, bei den
Füssen aufgehängt, wo sie bis ans Ende der Welt so
hangen bleiben, unterdessen aber allen, die sich dem
Brunnen nahen, und mit ihnen sich unterhalten wollen, in
der Zauberei Unterricht geben; aus dieser sonderbaren
Mythe fließen die häufigen Anspielungen in den
erotischen persischen Gedichten, wo bald der Zauberreiz
des Geliebten nur der Zauberkraft dieser beiden
gefallenen Engel, und bald das Kinngrübchen mit dem
Brunnen, in dem sie aufgehänget sind, verglichen wird.

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