Ich träumte, daß in meiner Hand ein Becher war

Divan-e Hafez – Band 1

Author: Khwaja Shams-ud-Din Muhammad Hafez-e Shirazi
Übersetzung von: Joseph von Hammer-Purgstall – GermanGerman flag, 1812


Ich träumte, daß in meiner Hand ein Becher war,
Daß all’ mein Seyn dem Schicksal überlassen war;

Durch vierzig Jahre litt ich Gram und Schmerz,
Bis daß ein Wein, zwey Jahre alt, die Heilkraft war.

Ihr wißt, daß, was ich von dem Schicksal mir erbat,
In Moschus Haar, des Abgotts meiner Liebe war;

Ich war betäubt vom Morgenrausch, da lächelte
Das Glück, so süß, daß wieder Wein im Becher war.

Ich trinke Blut, und ich beklage mich doch nicht,
Weil einst vom Tisch der Gnaden dies die Nahrung war; 1

Ich trinke Blut dort an der Schenke Thür’,
Von Ewigkeit mir dieses vorbestimmet war.

Ich geh’ mit Fleh’n und Weinen zu der Thür’,
Weil auf mein Fleh’n die Thüre sonst mir offen war.

Wer liebelos, der Schönheit Blume nie gepflückt,

Gleicht jenem, der im Wind der Tulpen Hüter war.

Des Morgens gieng ich an dem Rosenbeet vorbei,
Dort wo Bülbül in tiefem Schmerz versenket war.

Ich sah, daß wenn Hafis den Schah im Liede pries,

Ein Vers mehr werth als hundert andre Lieder war.

Den großen Schah, vor welchem an dem Tag der Schlacht
Die Sonn’ im Leuen nichts anders als ein Hirsche war. 2


1 Jetzt trink’ ich das Blut meines
Herzens mit Schmerz und Gram, sonst trank ich mit Freude
und Lust das Blut der Rebe.

2 Die Sonne ist am stärksten im Zeichen des Löwen, des
ungeachtet ist sie auch in diesem Zeichen nur eine
schwache Gaselle, der vor dem Schah zitternd flieht, wenn
er gerüstet zur Schlacht auszieht.

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