Keiner ist, der nicht in diese doppelte Locke gefallen

Divan-e Hafez – Band 1

Author: Khwaja Shams-ud-Din Muhammad Hafez-e Shirazi
Übersetzung von: Joseph von Hammer-Purgstall – GermanGerman flag, 1812


Keiner ist, der nicht in diese doppelte Locke gefallen,
Wo ist ein Weg, den nicht Netze des Unglücks umziehn?

Dein Gesicht ist vielleicht ein Spiegel des göttlichen Lichtes,
Wahrlich! wahrlich! so ist’s, keine Verstellung ist dieß.

Dein Gesicht zu bereun, hat mir der Klausner befohlen,
Schämt er sich nicht vor Gott, schämt er sich auch nicht vor dir!

Unseren bitteren Schmerz bewein’ o Kerze des Moschus,
Denn die heimliche Gluth zehret an mir wie an dir!

Zeuge sey mir Gott, und Gott genügt mir als Zeuge,
Diese Thränen sind köstliches Martyrerblut.

Sieh die Narzisse verlangt nach deinem liebkosenden Auge,

Welch ein Aug’! Es hat weder Erfahrung noch Glanz. 1

Ich beschwör’ dich bey Gott, du sollst nicht kräuseln die Locken,
Denn ich schlag’ mit dem Ost jegliche Nacht mich herum. 2

Gestern gieng sie weg, ich sprach, vollzieh’ das Versprechen,

Ach! du irrest, sprach Sie; Zeiten der Treu’ sind vorbei.

Da dein Auge sogar frömmsten Klausnern das Herz raubt,
Ists dir nachzuzieh’n keine Beschimpfung für mich?

Komm zurück, denn ohne das Herzen erleuchtende Antlitz
Ist die Freude verbannt, aus dem geselligen Kreis.

Da der alte Wirth zu unserem Jünger geworden,
Kommt auf jegliches Haupt Gottes Geheimniß herab.

Männer von Einsicht wissen es wohl, es zieme dem Blöden
Nicht zu der Sonne zu schreyn: ich bin die Quelle des Lichts.

Sieh! für Fremde zu sorgen war sonst die löblichste Sitte,
Ist vielleicht das Gesetz fremde in Euerer Stadt?

Treffen muß den Verliebten der Pfeil des Schimpfes und Tadels,
Wider des Schicksals Pfeil decket die Helden kein Schild.

In des Klausners Gemach, und in der Zelle des Sofi’s 3
Giebt es keinen Altar als die Winkel der Brau’n.

Wenn du die Hand eintauchst in Hafisens geronnenes Herzblut,
Fürchte du dich vor Gott, daß er nicht räch’ den Koran. 4


1 Welch ein Auge! das ist des Narzißes,
mit deinem verglichen hat es weder die
Erfahrungen in der Sprache der Liebe, noch den
hellleuchtenden Glanz des deinen.

2 Ich bitte dich, kräusle nicht die Locken, denn sonst zanke
ich mich die ganze Nacht aus Eifersucht mit dem Ostwind,
der sich mit deinen gekräuselten Locken zu viele
Freyheiten herausnimmt. Laß also dein Haar ungekräuselt
unter der Haube.

3 Sofi, die betrachtenden Weisen des Orients, dem beschaulichen
Leben ergeben, deren Name weder dem griechischen sofos,
noch von dem Wollenkleide, weil auf persisch die Wolle suf
heißt, richtig abgeleitet seyn dürfte. Eher wäre das
griechische sofos von dem orientalischen, als
dieses von jenem abzuleiten. Die persischen Sofis und
indischen Gymnosofisten sind älter als die
griechischen Philosophen und Deivnosophisten.
Der wahre Sinn der Wurzel scheint sich am nächsten in
dem orientalischen Safi erhalten zu haben, das klar,
rein, und geläutert bedeutet, und mit dem
das griechische safes wieder verwandt ist. Die Sofis läutern
ihre Seele von irdischen Begierden, durch
Erhebung zu dem Ewigen und zu dem Himmel, daher ist
himmelblau die Lieblingsfarbe ihrer Kleider, wie helles
Roth die der Magier, jene eine Ausstrahlung des Aethers,
und diese des Feuers.

4 Weil Hafis den Koran auswendig weiß. Schon seyn Name sollte
von Grausamkeiten abschrecken, denn Hafis d.i. der Bewahrende
heißt jeder, der den Koran im Gedächtnis bewahrt.

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