Wenn der Morgen ergraut, der Ost die Gerüche verhauchet

Divan-e Hafez – Band 1

Author: Khwaja Shams-ud-Din Muhammad Hafez-e Shirazi
Übersetzung von: Joseph von Hammer-Purgstall – GermanGerman flag, 1812


Wenn der Morgen ergraut, der Ost die Gerüche verhauchet,
Und die liebliche Flur Edens Gefilde verlach’t,

Wenn der Rosengeruch die Fluren wie Schleier umwallet,
Und das Morgenroth rosengefärbet erscheint.

Wenn der Lautenruf zum Trunke des Morgens ertönet,
Und der Zelle Greis selbst zu dem Wirth sich verfüg’t.

Wenn der Erobrer der Welt den goldenen Schild vor’s Gesicht nimmt,

Mit dem Morgenschwerdt schlagend den Kreis des Gesicht’s. 1

Wenn zum Trotze des Rabens die Nacht, der goldene Falke
Seinen Platz einnimmt in dem lasurenen Nest;

Dann hinaus auf die Flur! sie ist gar lieblich zu schauen,

Tulpen halten den Kelch golden verbrämt in der Hand.

Was für ein Zustand ist dies, daß Rosen die Wangen erblassen,
Was für ein Feuer ergriff Sänger des Morgens dein Lied?

Was für ein Glanz ist der Glanz, der die Lampe des Morgens erleuchtet?2

Was für ein Funken entflammt Sonn’ und Monden mit Luft?

Wenn es Hafisens Wille nicht war, ein Kaiser zu werden, 3
Hätt’ er wohl sein Schwerdt über die Erde gestreckt?

Sieh den Ost, er spielt gleich einem trunkenen Verliebten

Bald mit den Lippen der Ros’, und bald mit dem Haar der Viol’.

Durch den Einklang des Stoffs und die mannigfaltigen Formen
Bietet jede Blüh’ tausend Betrachtungen Stoff.

Immer denk’ ich bei mir, was ist der liebliche Odem,
Der in grauender Früh’ hebet den finsteren Staub?

Weßhalb haltet wohl der zirkelförmige Himmel
Mich mit Leiden und Gram immer zum Mittelpunkt hin?

Niemand erfährt das Geheimniß des Herzens, und so ist es beßer,
Denn die neidische Welt greift es von Ungefähr auf.

Wer wie die Kerze pflegt, vertrautes Geheimniß zu schwätzen,
Wird an der Zunge zuletzt wie die Kerze verbrennt. 4

Wo ist mein mondenwangigter Schenke, der einzig aus Liebe
Mir Betrunkenem noch schwerere Gläser zubringt.

Kunde bring’ er vom Freund, und reiche den Becher voll Weines,
Daß ich selben auf’s Wohl leere des lieblichen Freund’s.

Will der Sänger für unseren Kreis einrichten die Weise,
Sing’ er aus Isfahan bald, bald aus der Weise Irak, 5

Wer dem Harem von meinem Alexander sich nahet,
Schöpfet aus dem Staub Quellen des Lebens wie Chis’r. 6

Alexandern seh’ ich im Scheih Abuishaka, 7

Unter dessen Fuß Reiche als Gärten entblühn.

Wenn’s ihm einst gefällt hinauf in den Himmel zu steigen,
Tritt sein Fuß zuerst durch die Plejaden hinauf.

Licht und Gluth ist das Auge Mahmuds, sein blitzender Säbel
Schneidet den Feind schon blos, da er ihn schrecket, entzwey.

Zieht er das Schwert, so woget das Blut zum Gipfel des Mondes,
Spannt er den Bogen, so fällt wüthend vom Himmel Merkur.

Weil sich die Sonne schämt vor seinen hellen Gedanken,
Flieht sie beschämt, flieht sie dem Untergang zu.

Glücklich, wem es gegönnt ist, dir zu Gebote zu stehen,
Stolz steigt man alsdann bis zu den Zwillingen auf.

Von dem Himmel Merkurs tönt freudig zur Erde der Glückwunsch,
Wenn sich im Forschen dein Geist über die Schöpfung erhebt.

Daß er deine Feinde und Neider beständig verfolge,
Hält Arkturus stets Morgens und Abends den Speer. 9

Deinem Pferde spannt der Himmel den Gürtel der Milchstraß’,

Wenn er schaut dein Pferd schaukelnden Sprunges im Lauf.

Alles, was du ertragst, wird dir mit Seegen vergolten,
Jupiters Glücksgestirn führet dies immer mit sich.

Prüft dich das Loos, so hat es keinen anderen Zweck nicht,
Als daß einst dein Herz rein durch Enthaltsamkeit sey.

Selbst das heilige Buch wird deßhalb höher geschätzet,
Weil es in der Welt manche der Proben erfuhr.

Jener verdient mit Recht ein Held des Verstandes zu heißen,
Der, bevor er beginnt, immer das Ende erwägt.

Seelengeschmack ist frey von Bitterkeiten der Schmerzen,
Wenn man süßen Dank immer im Munde behält.

Jener wird die Frucht von seinem Leben genießen.
Der da erstens wählt, dann erst die Straße betritt.

Der in fröhlicher Zeit den Becher willig zur Hand nimmt,

Aber in Zeiten des Kriegs gerne den Säbel ergreift.

Geht es hart, so wende dich nicht von Gottes Geheimniß,
Denn das weichste Mark sitzet im härtesten Bein.

Nur durch Enthaltsamkeit gelangte zur Süße der Zucker,
Deßhalb saß er zuerst tief in den Ritzen des Rohrs;

Dorten strömen herein von allen Seiten die Uebel,
So daß nirgends mehr Rettung erübrigt für mich.

Was bekümmert sich wohl der fest gewurzelte Fels d’rum,
Schlägt im wogenden Meer über und über die Fluth.

Wandelt dein Freund mit Freyheit herum, so freue dich dessen,
Denn die Freyheit selbst kürzet ihm endlich den Zaum.

Hat dein Feind von deiner Familie Uebels gesprochen,
So empfindet er’s einst spät in dem Kindeskind noch.

Fest und beständig sey die Zeit des herrlichen Lebens,

Denn du bist ein Geschenk Menschen und Geistern zugleich.

Sehet Hafis! er steht an der Spitze der Herrscher des Wortes,
Deßhalb hauet er mit schneidigem Schwerdte herein.


1 Wenn der Morgen als Eroberer mit
seinem Schwerdte den ganzen Horizont sich unterwürfig gemacht, seine
Herrschaft über die ganze Erde ausgedehnt hat.

2 Eigentlich in der lasureren Nische.
Nischen oder Blenden mit brennenden Lampen darinnen, scheinen ganz
besonders auf die Einbildungskraft der Orientalen gewirkt zu haben.
Schon Mohammed bedient sich dieses Bildes mehr als einmal im Koran, und
zwar an den erhabensten Stellen.

3 Kaiser im Lande der Dichter. Wenn sich
Hafis nicht die Krone der Dichtung hätte erringen wollen, hätte er nie
den Mund geöffnet, Lieder zu singen.

4 Die Kerze ist schwätzhaft, weil sie
durch ihr Licht die Geheimniße der Liebenden verräth und gleichsam
ausplaudert. Zur Strafe wird ihr die Zunge (der Tocht) verbrennt.

5 Irak und Isfahan, zwey der beliebstesten persischen Tonweisen.

6 Chiser, der Hüter des Quells des
Lebens, den Alexander im Lande der Finsterniß suchte; er hätte sich
diese Mühe ersparen können, indem er im Thürestaub des von Hafisen
gepriesenen Fürsten des Quell des Lebens gefunden hätte.

7 Der Fürst Ebu Ishak Mahmud, zu
dessen Preis Hafis dieses vom Anfang bis ans Ende an poetischen
Schönheiten so reiche Gedicht verfertigt hatte, war Scheih eines Ordens,
so wie der Vater Schah Ismail’s des Stifters der letzten durch Nadirschah
gestürzten persischen Dynastie ein Sofi war.

8 Mahmud der Gelobte, ein
Beyname des Fürsten Ebu Ishak, aus der Familie Indschu, man
vermische nicht, wie die meisten europäischen Geschichtsschreiber,
Mahmud und Mohammed. Beide sind zwar von derselben Wurzel
abgeleitet, doch das erste heißt der Gelobte oder Gepriesene,
und das zweite der Lobens– oder Preiswürdige. Durch die
Verwirrung dieser beiden Namen haben die europäischen
Geschichtsschreiber des türkischen Reichs einen Mohammed den
fünften erschaffen, der bei den Osmannen Mahmud der Erste heißt.
Der heut regierende Sultan ist also Mahmud der Zweite, und nicht der
Erste seines Namens.

9 Al-rameh, der Lanzenschwinger, d.i. Arkturus, der auch unter dem arabischen Namen sich auf
unseren astronomischen Karten erhalten hat, er heißt auch der
Hüter des Himmels, weil er selbst dann, wenn ihm die Sonne am nächsten
kommt, am Abend- oder Morgenhimmel sichtbar ist. Auf diese Eigenschaft,
die er mit mehreren Sternen gemein hat, spielt der Vers Hafisens an.
Al-rameh, der Lanzenschwingende oder Bewaffnete heißt
Arkturus, eigentlich im Gegensatz der Aehre, welche Al-asal, das ist: die Unbewaffnete heißt. Siehe mehreres
hierüber in den vortrefflichen Untersuchungen über den Ursprung und
Bedeutung der Sternnamen von Herrn Ludwig Ideler, Seite 47, 56, 298.

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