Wer getraut vor dem Freund ein Wort von Cedern zu sprechen?

Divan-e Hafez – Band 1

Author: Khwaja Shams-ud-Din Muhammad Hafez-e Shirazi
Übersetzung von: Joseph von Hammer-Purgstall – GermanGerman flag, 1812


Wer getraut vor dem Freund ein Wort von Cedern zu sprechen?
Denn die Ceder stahl Formen und Haltung von ihm.

Ich erlaube mir nicht an den Wuchs der Cypreße zu denken,
Freylich ist sie hoch, aber auch selbstisch dabei.1

Von dem Maal und dem Haar hat der Ostwind dem Moschus erzählet,
Daher kommt es, daß er liebliche Düfte verstreut.

Eine Linie ist auf seinem Monde zu schauen,
Keiner weiß, obs die Brau’n oder der Neumond es sey.

Tausend Seelen verdient der Liebende, der, wie den Ballen,
Hinwirft seinen Kopf unter die Locken des Freundes.

Suchst du den Wunsch des Herzens aus seinem Mund zu erfüllen,
Laufe nicht, wie Hafis, hinter dem taumelnden Kopf.


1 Was die Dichter und Hafis selbst
der Cypreße sonst zum Lobe ausspricht, nämlich ihr
freies, hohes, von allem irdischen Staube weit erhabenes,
zurückgezogenes Wesen wird ihr hier zum Tadel
angerechnet; daß sie so hoch aufschießt, eh’ sie Aeste
treibt, daß diese Aeste nicht zur Erde gesenkt sind, wie
die der übrigen Bäume, sondern gerade wie der Stamm zum
Himmel emporstreben, ist zwar sehr schön, meint Hafis,
aber doch auch ein Zeichen von Selbstgenügsamkeit, die
alle Verbindung und Berührung mit dem mütterlichen
Boden verschmähend gar wohl den Vorwurf der Selbstsucht
verdient. Hierinn steht nun die Cypreße weit hinter dem
Freunde, der des eben so hohen Wuchses wegen gelobt, aber
nicht der Selbstsucht beschuldigt zu werden verdient.
Hafis betrachtet hier nur die Kehrseite der Medaille,
denn insgemein wird die Cypreße nur gepriesen als das
Symbol der Freiheit und Unabhängigkeit, so wie die Palme
als das Symbol der Großmuth und Freigebigkeit. So sagt
Saadi:
Sey wie Palmen, gütig, oder sey
Wie Cypreßen, hoch und frey.

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