Blut verströmet mein Aug’, verwundet vom Schwerte der Brauen

Divan-e Hafez – Band 2

Author: Khwaja Shams-ud-Din Muhammad Hafez-e Shirazi
Übersetzung von: Joseph von Hammer-Purgstall – GermanGerman flag, 1812


Blut verströmet mein Aug’, verwundet vom Schwerte der
Brauen,
Welten werden verwirrt durch diese Augen und Brauen. 1

Gänzlich weihe ich mich dem Dienste des lieblichen
Knaben,
Sein Gesicht ist die Ros’, und schattige Lauben die
Brauen.

Abgezehret bin ich aus Gram so fein wie der Neumond,
Weil der Mond es noch wagt, keck zu steh’n vor den
Brauen.

Du ungläubiges Herz, verhüllest dich nicht mit den
Locken,
Aber ich fürchte, es stürzt der Altar zusammen vor
Brauen.

Wunderlich dünkt den Zellenbewohner die Stirne des
Freundes.
Denn es neigen herab sich auf die Flaumen die Brauen.

Immer halte dein Aug’ gespannt den Bogen der Schönheit,

Denn es fliegen die Pfeile zum Mond vom Bogen der Brauen.

Ha! es merken nicht auf die Nebenbuhler, indessen
Kommt mir Kunde der Stirne des Augs vom Mittler der
Brauen.

Keiner vergleiche den Freund hinfort mit Huris und
Perien,
Wo hat jene das Aug’, und wo hat diese die Brauen?

Zwar ist in Sehnsucht und Lust Hafis ein lustiger Vogel,
Aber er ward doch erlegt vom scharfen Pfeile der Brauen.


1 Schöngewölbte starke Augenbrauen, die sich in einander verlaufen, wie die
Brauen Bathlis bei Anakreon:
sind eine der vorzüglichsten Schönheiten im
Morgenlande. Kein Wunder also, daß Hafis denselben hier
durch ein besonderes Preisgedicht huldigt. Sie erscheinen
ihm als krumme Sarrasse, welche die Augen verwunden, dann
als schattige, schön gewölbte Lauben, in denen die
Herzen der Liebenden ausruhen. Er zürnet sich, daß der
Bogen des Neumonds sich unterstehet vor den Brauenbogen
noch länger am Himmel stehen zu bleiben, und sich nicht
gleich aus Schaam verstecket. Er verwundert sich, wie die
Brauen fast auf die Flaumen des Barts heruntersinken.
Eine Hyperbel, welche in den Haremen des Morgenlands
durch die Kunst der Toilette zur Wahrheit wird, denn die
angemalten hochgewölbten Brauen laufen wirklich oft bis
auf die halbe Nase herunter wo sich ihre Spitzen
berühren. Der Dichter kniet vor dem Hochaltar der
Brauen, er zittert vor ihren gespannten Bogen; er sieht
endlich in denselben einen freundlichen Internuntius, der
ihm von Aug’ und Stirne durch nicken Nachricht bringt.

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