Ha! mir wurde vergönnt der Anblick, der Kuß, die Umarmung

Divan-e Hafez – Band 2

Author: Khwaja Shams-ud-Din Muhammad Hafez-e Shirazi
Übersetzung von: Joseph von Hammer-Purgstall – GermanGerman flag, 1812


Ha! mir wurde vergönnt der Anblick, der Kuß, die
Umarmung,
O wie dank ich’s dem Glück, dank es dem Schicksal dazu.

Frommer hinweg! denn wenn mein Glück ist, das Glück,
das ich meine,
Halt’ ich das Glas in der Hand und auch die Locken dazu.

Keinen habe ich noch des Rausches wegen getadelt,
Lieblich ist Lippenrubin, lieblicher Wein auch dazu.

Fröhliche Kunde mein Herz! kein Weinvogt ist übrig
geblieben,
Voll ist die Welt vom Wein, voll von Betrunknen dazu.

Nimmer lauert uns auf ein böses Aug’ im Verborgnen,
Fort ist nun der Feind, fort sind die Thränen dazu.

Das Gemüth zu verstören, ist wahrlich gar nicht
vernünftig,

Liedersammlungen nimm, und die Pokale dazu.

Gieße aus für die Staubverliebten die Hefen der Lippen,1
Rothgefärbt sey der Staub, moschusgewürzet dazu.

Alles, was lebet, das wird durch deinen Geruch nur
belebet,

Sonne fliehe mich nicht, laß mir den Schatten dazu.

Rosen und Tulpen sind nur durch deine Schönheit so
lieblich,
O du Wolke der Huld regne auf mich noch dazu.

Männer von Einsicht hast du in deinen Banden gefangen,
Fürchte dich vor Gott, vor dem Wesire dazu. 2

Er ist die Stütze des Reichs, die Probe der Wahrheit des
Glaubens,
Minen füllet er an, Meere beglückt er dazu. 3

Siehe die Kugel der Erd’ ist seiner Gerechtigkeit Ballen,
Dieses blaue Gewölb, ist das Behältniß dazu. 4

Alles bringt dein leicht regierender Wink in Bewegung,
Selbst den Mittelpunkt, unserer Erde dazu.

Durch den kreisenden Lauf, und die stete Bewegung des
Himmels
Wechseln die Jahre, der Mond, Sommer und Winter dazu.

Bis an den Tag des Gerichts, sey deine Wohnung der
Wohnort
Aller Großen der Welt, liebliche Schenken dazu.

Selber Hafis, der dein Lob in köstliche Perlen gereiht
hat,
Ist, sobald du sprichst, scheu, und beschämet dazu.


1 Die Lippen sind Rubinenkelche
voll berauschenden Weines; gieße doch wenigstens den
Rest davon aus für die Armen, die in den Staub deiner
Füße verliebt sind.

2 Die folgenden Strophen enthalten das Lob des Wesirs.

3 Durch ihn reift das Gold in den Schachten der Berge, durch ihn
formt sich die Perle in der Tiefe des Meers.

4 Die Erde ist eine Kugel, womit seine Gerechtigkeit Ballen
spielt (was im Deutschen kein Lob zu seyn scheint, im
Persischen aber dafür gemeint ist.) Das Behältniß
dieser Kugel ist das Himmelsgewölbe.

Leave a Reply