Ha! o Papagey, der von der Liebe Geheimnissen schwätzet

Divan-e Hafez – Band 2

Author: Khwaja Shams-ud-Din Muhammad Hafez-e Shirazi
Übersetzung von: Joseph von Hammer-Purgstall – GermanGerman flag, 1812


Ha! o Papagey, der von der Liebe Geheimnissen schwätzet,
Nie fehl’s deinem Schnabel an Zucker! 1

Immer grüne dein Haupt, und immer sey fröhlichen
Herzens,
Bist mir ein Bild von den Flaumen des Freundes.

Ein verborgenes Wort hast du zu den Freunden gesprochen,
Gott! heb’ auf vom Räthsel den Schleier!

Günstiges Glück! bespreng’ mich mit Rosenwasser vom
Becher,
Denn mein Auge ist beflecket vom Schlafe.

Welchen Ton hat der Sänger zu seiner Weise gewählet,
Daß die Trunknen und Nüchternen tanzen!

Siehe die Wirkung des Moschus, den der Schenk’ in den
Wein hat geworfen,

Kopf und Dulbend geh’n beide verlohren. 2

Alexandern ward nicht verlieh’n das Wasser des
Lebens, 3
Gold und Gewalt erzwingen nicht solches.

Nüchtern sag’ und erzähle du nie das Geheimniß des
Rausches,
Seelenkunde frag’ nicht von den Gemälden. 4

Immer sey der Verstand die baare Münze des Lebens,
Gilt er doch nichts beim Golde der Liebe.

Komm’ und höre mir an der Betrübten traurige Lage,
Worte sind wenig, und viel ist der Inhalt.

Sina’s Götzenbilder, sie sind die Feinde des Glaubens, 5
Herr! bewahre mein Herz und den Glauben.

In den Reichen der Dichtkunst weht Hafis als die Fahne
Durch des Schahes schützende Gnade.

Seinen Dienern hat er statt Diensten Herrschaft verliehen,
Herr! bewahr’ ihn vor Schaden und Unglück!


1 Der Dichter redet seine eigene
Feder oder Seele an, die er mit dem Papageye und dann
gleich hierauf die grünen Federn desselben mit den
zarten Bartflaumen seines Freundes vergleicht.

2 Dulbend der Muslin, den die Moslimen um ihre Kopfbedeckung
winden, woher das deutsche Turban. Das Wort Muslin
selbst kommt nicht von den Moslimen, sondern von der
Stadt Moßul her.

3 Alexander wanderte nach der morgenländischen Sage in’s Land der
Finsterniß, um vom Quelle des Lebens zu trinken, von dem
ihm der Hüter, Chisr, zurückwies; eben so wenig
als Alexander das Wasser des Lebens mit Gold und Gewalt
erzwingen konnte, eben so wenig läßt sich die Liebe mit
Gold und Gewalt erzwingen.

4 Suche in schönen Gemälden keine Seele, denn sie haben keine.

5 Sina’s Knaben, berühmt durch ihre Schönheit, sind die Idole
der Liebenden.

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