Ich gieng zur Schenke gestern

Divan-e Hafez – Band 2

Author: Khwaja Shams-ud-Din Muhammad Hafez-e Shirazi
Übersetzung von: Joseph von Hammer-Purgstall – GermanGerman flag, 1812


Ich gieng zur Schenke gestern,
Vom Schlafe ganz befleckt,

Befeuchtet war die Kutte,
Der Teppich ganz befleckt.

Es kam ein Schenkenknäblein
Und sagte mir mit Spott:
Es ist schon Zeit: Erwache

O du vom Schlaf befleckt! 1

Vor allem andern wasch’ dich,
Dann komm’ zur Thür’ herein,
Es würde ja die Schenke
Von dir sonst auch befleckt.

Geh’, wo die Alten wohnen,
Mit Reinigkeit vorbei,
Das Kleid des Alters werde
Von Jungen nicht befleckt.

Wie lang wird noch aus Sehnsucht

Nach einem süßen Mund
Mit flüssigem Rubine
Der reine Geist befleckt?

Erfahrene der Liebe
Sind zwar in diesem Meer

Hinab zum Grund gefahren,
Und wurden nicht befleckt.

Sey rein, steig’ in die Höhe,
Vom Brunnen der Natur,
Denn nimmer schmeckt das Wasser

Als rein, das Staub befleckt.

Ich sprach zu meinem Liebchen:
Ist es nicht Schand’ und Spott,
Daß in den Lenz die Rose
Sich so mit Wein befleckt?

Sie sprach: Hafis, die Räthsel
Verkauf’ den Freunden nicht!
O Schade! dieser Milde
Mit solchem Grimm befleckt.


1 Es gieng Hafisen wie Horazen auf seiner Reise nach Brindisi:
tum immundo somnia visu Nocturnam vestem maculant ventremque supinum. In weitere Erörterung dieses Gasels voll Befleckung
einzugehn, hieße das Papier umsonst beflecken wollen.

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