Ich thu’ auf Schöne und auf Schenken nicht Verzicht

Divan-e Hafez – Band 2

Author: Khwaja Shams-ud-Din Muhammad Hafez-e Shirazi
Übersetzung von: Joseph von Hammer-Purgstall – GermanGerman flag, 1812


Ich thu’ auf Schöne und auf Schenken nicht Verzicht,
Es weiß gar wohl der Vogt, daß ich Nichts solches thue,

Ich dien’ zehn Jahre lang’, den Büßenden zum Spotte,
Ich wär’ ein Narr, wenn ich zur Zeit der Rosen büßte,

Die Liebe perlt im Schenkemeer, ich bin der Taucher,
Ich stürze mich hinab, wann komm’ ich in die Höhe!

Mein Schatz ist der Rubin, die Perlenschnur die Thränen, 1
Was soll ich nach der Huld der hohen Sonne geizen!

Ich, der den Schatz des Reichs in Händen halt’ als
Bettler,
Was soll ich nach des mindern Glückes Umschwung geizen!

Sey fromm, so sagst du mir zur Rosenzeit; sehr gerne,
Nur will ich erst um Rath das Glas, den Schenken fragen.

Die Tulpe hält den Becher, und Narzißen trinken,
Dies ist Verbrechen, wer, o Herr, macht hier den
Ausspruch?

Verdammt die Liebenden der Freundinn Huld zum Feuer,

So sey ich blind, wenn ich nach Kewßern schaue. 2

Wenn ich wie Weiden ohne Frucht und nackt verbleibe, 3
Wie kann ich meinen Kopf alsdann aus Schaam erheben.

Wenn mit des Hauches Fluth der Ost die Rosen reinigt.
So heiße mich ein schiefes Herz, wenn ich rum schaue.

Ich bin befleckt mit Armuth, daß ich müßt’ mich
schämen,
Wenn ich mit Augennaß den Saum der Sonne netzte.

Auf Bündniß und Vertrag des Glücks ist nicht zu
achten,

Ich schließe meinen Bund mit Bechern und mit Schenken.

Mein Türk! du Stadtverwirrer, zieh zurück den Zügel,
Daß blaß und weinend ich dir Gold und Silber streue.

Es ziemen mir zwar nicht Liebkosungen der Trunknen,
Da ich darein verfiel, was soll ich anders denken?

Man sagte gestern, Kandel spenden deine Lippen, 4
Wie glaub’ ich’s, bis ich’s nicht mit meinem Munde
fühle.

Von meinem Loos begehre ich der Brauen Kanzel, 5
Damit ich früh und spät dort Liebe lehren möge.

Ich der des Paradieses Gold schon heut besitze,
Wie glaub’ ich, was der Prediger verspricht auf Morgen!

Ich bin ein Knecht des Schahs Mansurs, es ist
natürlich, 6
Der Sonne Herren stell’ ich mich mit Stolz zur Seite.

Es schmeichelten, Hafis, dir gestern die Rubinen, 7
Allein ich glaube nicht an diese Zaubereien.


1 Der Rubin des Aug’s des Blutigen.

2 Sollte mich auch die Gluth, zu der mich die Geliebte verdammt,
verzehren, so will ich doch eher erblinden, als mich nach
Kewßer, dem Quelle des Paradieses, als Labsal meiner
brennenden Schmerzen, umsehen.

3 Die Weiden beugen sich vor jedem Winde, aus Schaam über ihre
Unfruchtbarkeit, so geht es nun auch mir.

4 Wie kann ich wissen, daß deine Lippen zuckersüß sind, bis
sie nicht meine berühren.

5 Die Brauen werden einer Kanzel oder einem Lehrkatheder in den
Moscheen verglichen, so wie sonst mit dem Mihrab oder
Hochaltare, des bogenförmigen Umrisses willen. Ich
verlange vom Loos Nichts, als diese Katheder.

6 Schah Mansur, der schon mehrmals erwähnte Fürst der Familie Mosaffer.

7 Die Rubinen der Lippen.

Leave a Reply