O komm’ mein wilder Hirsch! wo bist du denn?

Divan-e Hafez – Band 2

Author: Khwaja Shams-ud-Din Muhammad Hafez-e Shirazi
Übersetzung von: Joseph von Hammer-Purgstall – GermanGerman flag, 1812


O komm’ mein wilder Hirsch! wo bist du denn?
Wir sind ja schon seit langem her vertraut,

Komm’, daß wir gegenseitig uns erzählen,
Und unsre Wünsche zu befried’gen suchen.

Wir sind ja beide einsam störrig scheu,
Von Fallen, die man vorn und hinten legt.

Ich sehe, daß in dieser öden Wüste

Kein Ruhe- und kein Freudeplätzchen grünet.

Gefährten saget an, wer möchte wohl
Gespann der Armen und der Fremden seyn.

Vielleicht daß Chiser aus besondrer Huld

Mit Segnungen herein zur Thüre kommt.

Vielleicht daß jetzt die gute Zeit des Segens,
Daß jetzt mein gutes Loos ist angekommen.

Es gieng einmal ein Schöner auf dem Weg,
Der sprach voll Huld zum trunkenen Gespann:

Was trägst du Pilger hier in deinem Sacke?
Spann’ aus das Netz, wenn du ein Korn besitzest;

Ich habe, war die Antwort, Netz und Korn,
Allein ich stelle nur Simurgen nach.

Wie fängst du ihn? entgegnete der Frager,
Denn Niemand kennt den Ort von seinem Neste.

Weil die Cypresse mein Begleiter ist,
Bewahre du, o Herr, mir Aug’ und Haupt!

Er gieng, und ließ mir frohen Sinn zurück.
Wo handelt so der Bruder an dem Bruder?

Das Glas, die Rose gieb nicht aus der Hand,
Allein vergiß im Rausch nicht auch die Welt.

Was für Gewicht kann meine Bitte haben,

Wenn aus dem Beutel eine Sonne glänzt!

Am Flussesufer und am Rand des Quells
Seh’ ich nur Thränennaß, hör’ Selbstgeschwätz des Wind’s.

Der Winde Weh’n, und Wolken, die vorüberziehen,
Sind mir ein Bild von hingegangnen Freuden;

Wenn murmelnd Euch der Bach entgegen stöhnt,
Vermehrt sein Wasser mit der Augen Naß.

Denn lange schmeichelt Euch nicht der Genuß,
Bei Gott Moslimen! ja bei Gott Moslimen!

Die Fluth der Trennung hat mich so zerstör’t,
Nur Chiser kann durch Huld und Seelengüte

Die Einzelnen Zerstreuten noch vereinen.
Laß Glaskorallen, such’ den Edelstein,

Streb’ nach dem wahren Ruhm, laß eiteln seyn.
Setz’ ich die Feder an ein Buch zu schreiben,

So frage, was des Looses Kiel geschrieben.
Ihr kennet Euern wechselseit’gen Werth,

Darum brecht mit Kommentaren nicht den Kopf.
Der beste Rath aus allen ist wohl dieser,

Es liegt im Hinterhalt der Feind, die Trennung.
Die Seele die Vernunft hab’ ich vereint,

Und jeden Samen, der mir fiel, gesät,

Die wahre Mischung, die daraus entstanden,

Ist Versemark vesetzt mit Mark der Seelen.
O komm’, und würze den Geruch des Geist’s,

Mit dieser Hoffnung duft’ auf ewig durch,
Er kommet von Paradiesesnymphen,

Nicht von dem Reh, das Menschen scheuet.
O hör’ im Thal, was die Schalmeie ruft:

Unschuld’ges Blut dort der Engel Schwingen,
Damit den Kindern Feuer anzuzünden.

Warum bekämpfen wir denn unser Loos,
Und haben stets mit unsrem Sterne Streit?

Der Trennung Fluth schlägt über’m Kopf zusammen,
O traue nicht den Schmeichele’n des Schicksals.

Ich nahm den Weg nach Freundes Gau,

Daß wenn ich sterb’, ich sterbe auf dem Wege.

Die Fremden, welche meine Lage sehen,
Sie sollen auf mein Grab sich niedersetzen.

Die Fremden sind der Fremden eingedenk,
Und sie erkennen sich einander wohl.

In meiner Mittellosigkeit ein Mittel
Kannst außer mir nur du, o Schöpfer, finden.

Wie du hervorrufst aus der Nacht den Tag,
So ruf’ aus diesem Gram hervor die Lust.

Ich muß mich über Trennung viel beklagen,
Hier ist nicht Raum genug für die Geschichte.

Wer ist im Stand zu sagen hier ein Wort?
Gelobt sey Gott! was ist wohl hier für Hilf’!

Geh’ fort, Hafis! und öffne nicht die Lippen,

Mach’ kurz das Wort! denn Gott weiß es am besten. 1


1 Allah aalem, Gott weiß es besser oder am besten, ist das orientalische Epiphonem historischer,
kritischer und philosophischer Untersuchungen, wo die Verfasser ihre
Unwissenheit oder die Grenzen der menschlichen Vernunft gerne eingestehen.

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