Rubajat Vierzeilige Strophen

Divan-e Hafez – Band 2

Author: Khwaja Shams-ud-Din Muhammad Hafez-e Shirazi
Übersetzung von: Joseph von Hammer-Purgstall – GermanGerman flag, 1812


I. (1)

Meines Lebens Erzeugniß ist nichts als Kummer und Schmerzen,
Deine Liebe gewähret mir nichts als Leiden und Gram.
Kein Gefährte ward mir auch nur für einzle Momente,
Kein bestimmter Gefährt’, außer dem Schmerzen und Gram.


II. (2)

Willst du Tapferkeit, frage darum die Sieger von Chaibar, 1
Frag’ um gnädige Huld dort bei dem Ritter des Grabs, 2
Wenn du im Ernste, Hafis, nach göttlichen Gaben dich sehnest,
Frag’ darum dich an bei dem Schenken Kewsers. 3


1Chaibar ein festes Schloß in Arabien, berühmt durch den Sieg,
welchen Mohammed dort über die Juden Arabiens davontrug.

2 Dem Herrn vom heiligen Grabe nämlich vom Grabe des Propheten zu Medina.

3 Kewßer eine der Quellen des Paradieses.


III. (3)

Willst du vielleicht wie ich, dich in dem Netze verstricken,
Wirst du durch Wein und Glas ohne Erbarmen zerstört.
Trunken bin ich zerstört und abgebrennet auf Erden,
Ist dein Name dir lieb, gehe mit mir nicht viel um.


IV. (4)
An des Haars Hyacinth hatt’ ich mich mit Bitten geknüpfet,
Mach’ mich, sprach ich zu ihr, glücklich durch deinen Genuß,
Haß sie, so sprach sie, den Mund, und gehe vorüber die Locken,
Bau dein Glück auf die Lust, nicht auf die Länge der Zeit.


V. (5)

Jetzt da die Rosen entfalten die hundertfältigen Kelche
Und der Narzisse Kelch rauschig den Becher Euch beut,
Ist am glücklichsten, wer befreyet von Sorgen im Weinhaus,
Wie die Blasen des Weins hin und her sich bewegt.


VI. (6)

Gieb mir vom alten Wein, der lange den Pächter genährt hat,
Reiche davon mir auf! um zu verkürzen die Zeit.
Mach’ mich betrunken und ohne Bewußtsein von allem, was vorgeht,
Daß ich entdecke dir jedes Geheimniß der Welt.


VII. (7)

Du bists, dessen stattlicher Macht der Mond und die Sonne,
Tag und Nacht das Gesicht huldigend legen in Staub.
Sitze nicht mit verengetem Herzen und Händen und Zunge,
Sitze nicht auf der Gluth, sitze nicht müßig dazu.


VIII. (8)

Sitze gesprächig mit Freunden zusammen und fodre das Weinglas,
Einen einzigen Kuß fodre von jener Cypreß’.
Wenn ein Verwundeter Ruh’ für seine Wunden begehret,
Sage, daß er’s begehr’ von der Lanzete des Arzts.


IX. (9)

Himmlischer Rathschluß, so lang das Schicksal der Welten er regelt,
Gehen deine Geschäft’ alle von statten gewiß.
Nur ein einziges Glas, das Tuktamur dir gereichet, 1
Wird zum Kapital ewiger Freuden für dich.


1 Tuktamur der Mundschenk des Schahs Schedschaa.


X. (10)

Einer Welt Glück ist für die Lasten des Kummers zu theuer,
Alles Daseyns Lust wiegt die Schmerzen nicht auf.
Sieben tausend Jahr’ von taumelnder Freude und Wonne
Sind für sieben Tag’ Kummer zu theuer erkauft.


XI. (11)

Diese Nacht will ich mich in deinem Schmerzen verbluten,
Will den Polster des Heils ferne wegwerfen von mir.
Schicke zum mindesten doch, um mich zu trösten, dein Traumbild,
Daß du, obschon nur ein Bild, neben mir liegest im Bett.


XII. (12)

Aus Verlangen nach Kuß und Umarmung bin ich gestorben,
Bin gestorben aus Lust deines geschliffnen Rubins,
Doch zu was plaudere ich viel, ich will es ganz kurz dir erklären,
Komm’ zurück, denn es ist längstens gestorben, der harrt.


XIII. (13)

Hab’ ich eine Nacht, Geliebter! zum Morgen verlängert,
Will kein Mann ich seyn, wenn es mit dir nicht geschah.
Keine Furcht kann mir künftig der Tod nun einflößen,
Lebensfluth trink’ ich aus dem Rubine des Munds.


XIV. (14)

Sage, wie lange wirst du uns mit Betrübniß noch schlagen,
Länger peinigen noch Herzen unschuldigen Sinns.
Siehe das Schwerdt mit Blut befleckt in der Hand der Geplagten,
Wenn es dich erreicht, strömet das Blut dir vom Hals.


XV. (15)

Ziehe die Lippen doch nicht zurück von den Lippen des Glases,
Daß den Wunsch du erreichst, haltend am Munde das Glas.
Da in dem Glase der Welt das Süße mit Bitt’rem gemischt ist,
Nimm das Eine vom Freund, nehme das Andre vom Glas.


XVI. (16)

Dein will ich, so sprachst du zu mir, auf immer gedenken,
Heitere auf das Herz, mach’ zur Geduld dich bereit,
Wisse, Geduld ist die erste Tugend liebender Herzen,
Nur ein Tropfen Gluth, tausend Gedanken dafür.


XVII. (17)

Halte mir doch nicht vor die Liebe der Wangen des Freundes,
Geh’ mir krankem Herzen nicht in die Kleinigkeit ein.
Weiser, der du kennst die Weise der Söhne des Weges,
Plage Trunkene nicht mit Anekdotengeschwätz.


XVIII. (18)

Ich vermag nicht von diesem Tatarknaben zu sprechen,
Kann nicht erklären die Gluth, die in dem Herzen mir brennt.
Was im beklemmten Gemüth mich immer änstigt und kümmert,
Ist, daß ich keinen vermag anzuvertrauen die Pein.


XIX. (19)

Alle Schönen der Welt magst du dir erjagen mit Golde,
Herrlich, herrlich fürwahr, daß du sie fangest mit Gold.
Sieh’ die Narzisse gekrönt mit der Herrscherhaube der Welten,
Dennoch senkt sie das Haupt blos aus Begierde nach Gold.


XX. (20)

Siehe der Mond, der durch Wuchs die Cypreß’ und Ceder verdunkelt,
Dessen geglättete Brust Spiegel an Reinheit beschämt,
Sinnig, dacht’ ich bei mir, was soll für Geschenke ich bringen?
Laß dir, sprach er, den Traum meines Genusses vergehn.


XXI. (21)
Gott, der die Loose des Paradieses der Hölle vertheilet,
Giebt nicht zu, daß wir straucheln und fallen zuletzt,
Sage wie lange geht noch der Feind als reissender Wolf um,
Löwe Gottes schlag’ nieder zum Boden den Feind.


XXII. (22)

Meine Blicke verweilen auf keinem Bild’ als dem deinen,
Nur bei deinem Gau führet vorüber mein Weg,
Wenn der Schlaf mir auch gleich vor allem am süßesten dünket,
Senket sich fürwahr dennoch der Schlaf nicht in’s Aug’.


XXIII. (23)

Siehe, er regnet Betrug und heimliche List von dem Auge,
Ach ich fürchte, es wird regnen noch Blut von dem Schwert.
Lange genug hast du die Leiden der Freunde getheilet,
Ach! das arme Herz niedergedrückt von der Last!


XXIV. (24)

Freunde, welche nur prahlen mit Treue, sind wirkliche Feinde,
Bist du reinen Gesichts, halte die Treue an dich.
Augen bewundern, und Nächte sind schwanger, so saget das Sprichwort,
Aber ohne Mann sag’ wie ward schwanger die Nacht.


XXV. (25)
Ostwind sag’, ich bitte dich, ihm ganz heimlich die Kunde
Hundertfache Zung’ spreche den Herzensbrand aus,
Sprich es nicht traurig, um ihn nicht auch zur Trauer zu stimmen,
Sage zwar das Wort, aber du sag’s mit Bedacht.


XXVI. (26)

Sage, so sprach ich zu Ihr, was hat so viel Huld zu bedeuten?
Daß du, sprach Sie zu mir, sicher bist, arm und naiv,
Was, was hast du denn stets mit dem Spiegel der Schönheit zu schaffen?
Immer schauest du dich immer nur selber darinn.


XXVII. (27)

Was sind die Lippen? Sie sprach: sie sind die Quellen des Lebens.
Was ist der Mund? Sie sprach: Körnlein, das schönste, ist er.
Was sind die Worte? Sie sprach: es sind die Worte Hafisens.
Lebe lang! du hast Alles mir lieblich gesagt.


XXVIII. (28)

Wenn der Moschusmaalichte Knab’ ausziehet die Kleider
Wird an Schönheit von ihm jeder der Monde beschämt.
Zart ist die Brust, ihr könnet sein Herz wohl schauen darinnen,
Gleich dem Kieselstein in der kristallenen Fluth.


XXIX. (29)

Ach! es führet schon fort die Ruinen des Lebens der Zeitstrom,
Und des Lebens Aar hebet den Fittig empor.
Sey vernünftig, Hafis, denn siehe der Träger der Jahre
Traget des Lebens Gepäck’ langsam zum Hause hinaus.


XXX. (30)

Hoffe du nur das Beste vom mannigfaltigen Schicksal,
Zittre nicht vor der Welt, Blättern der Weide verwandt.
Sieh! gar Vieles ist schwarz auf dieser traurigen Erde,
Ach! mein schwarzes Haar, sage, warum ward es weiß?


XXXI. (31)

Babels Zauberer sind die Meister des zaubrischen Auges,
Immer bleibe sein Trug frisch in Erinnerung mir,
Und vom Ohre, das ein Ring ist im Ohre der Schönheit,
Seyen das Ohrgehäng deine Gedichte Hafis.


XXXII. (32)

An dem Ufer des Stroms mit Wein geziemts sich’s zu bleiben,
Und von allem Gram ledig zu waschen die Brust.
Zehen Tage sind uns wie Rosen zum Leben bestimmet,
Laßt uns muntern Gesichts, lachender Lippen stets seyn.


XXXIII. (33)

Rosenknospen verschließen den Kelch durch dich ganz beschämet,
Hyacinthen entglühn gänzlich berauschet vor dir.
Ha! wie könnte sich wohl mit dir die Rose vergleichen,
Denn sie glänzt durch die Sonn’, Sonnen erglänzen durch dich.


XXXIV. (34)

Anfangs hob ich empor den Kopf mit der Lust des Genusses,
Doch nun heb’ ich empor bittere Kelche des Grams,
Fluthen entströmen dem Aug’, und Flammen verzehren das Herz mir,
Als des Weges Staub warf sie mich weg in den Wind.


XXXV. (35)

Mit guten Menschen ziemt es gut zu seyn,
Der Mensch muß nicht ein Löw’ und Dive seyn,
Um Nahrung muß man nicht besorgt seyn,
Und niemals stolz auf eigne Tugend seyn.


XXXVI. (36)

Sieh’, im Schatten der Hyacinthe gedeih’n die Jasminen,
Und im Lippenrubin wachsen die Perlen heran.
Wie die Lippen, so nähre du dir die Seele beständig
Von dem geistigen Wein, welcher die Körper ernährt.


XXXVII. (37)

Mit jedem Tag erliegt durch andere Last mein Herz,
Ein anderer Trennungsdorn verletzet meine Augen.
Umsonst bemüh’ ich mich: es spricht zu mir das Loos,
Weit ausser deiner Willkühr liegt viel andres noch.


XXXVIII. (38)

Sage, warum wie der Wein du sprudelst von Kummer und Sorgen?
Wider die Heere des Grams nützet Vertheidigung nicht.
Grün ist der Lippenrand, entferne davon nicht den Schenken,
Denn am grünen Rand trinket sich lieblich der Wein.


XXXIX. (39)

Nun die Tage der Jugend noch sind, ist das Trinken das Beste,
Trunken seyn und verstört, dünket das Beßre mir jetzt.
Durchaus wüst ist die Welt, und ganz zu Grunde gerichtet.
Wüste seyn im Ruin dünket das Bessere mir.


XL. (40)

Komme zurück, denn es schmachtet mein Auge nach deinem Genusse,
Komme zurück, denn mein Herz jammert vor Schmerzen sich ab.
Komme zurück, mein Freund, denn ohne dein theures Antlitz,
Tragen die Fluten des Aug’s mich in dem Wirbel davon.


XLI. (41)

Nimm den Becher voll mit Weine, komm’!
Heimlich vor dem Nebenbuhler, komm’!
Hör’ den Feind nicht, setz’ dich, gehe nicht!
Höre mich nur, stehe auf und komm’!


XLII. (42)

Es wirkte deine Flucht auf mich Derwischen
Wie Salz, gestreut auf frische Herzenswunden;
Ich fürchtete, von dir entfernt zu werden,
In dieser Furcht erschien die Unglücksstunde.


XLIII. (43)

Wiß’ Süßlippichte halten nicht bis an’s Ende die Treue,
Nur der Weise raubt Liebenden nimmer den Geist.
Wenn dein Liebchen ganz nach Wunsch und Gefallen dir lebet,
Wird von Liebenden erst wenig dein Namen geschätzt.


XLIV. (44)

Dein Lockenhaar woher hat es die Kraus’ genommen?
Dein trunknes Aug’, woher hat es den Schlaf genommen?
Da Niemand dir ein frisches Rosenblatt gegeben,
Woher hast du von Fuß zu Kopf den Rosenduft genommen?


XLV. (45)

Der Pfad zu dir ist dornenvoll,
Wo finden sich darauf die Stapfen?
Nur jener wird berühmt durch Liebe,
Deß Seelen Antlitz Feuer hauchet.


LXVI. (46)

Schenke dein Herz, o Sohn, der alten Mutter der Welt nicht,
Siehe nur an, wie sie endlich die Schwäger bedenkt.
Ohne Herzen gelinget es dir nicht solche zu kennen,
Mußt dich wie Hafis halten an weisere blos.


XLVII. (47)

Ich dein Entflammter griff um deine Mitte,
Ich dachte, daß die Mitte wirklich wäre.
Der Gürtel mir ist’s klar, hat etwas von der Mitte,
Damit auch mir etwas zukomme von der Mitte.


XLVIII. (48)

Unter den Edeln beliebt, und weit berühmt in dem Volke,
Wohlgesitteten Brauchs richtig gemessener Art,
Hat in dem schönen Schiras, deß Ruhm durch ihn ist erschollen,
Euer Hafis Mohammed einstens das Taglicht erblickt.


XIX. (49)

Den Flügelschlag des Freudenvogels hör’ ich!
Den Rosenduft der guten Sitte hör’ ich!
Erzählt der Wind von deinen Lippen Sage?
Kurzum ein wunderbares Mährchen hör’ ich.


L. (50)

Mädchen von schelmischem Aug’ und süssem Leyergetöne,
Winkeln der Einsamkeit, Flaschen mit perlendem Wein!
Wenn von Mädchen und Wein die Nerven und Adern mir glühen,
Ist mir Hatemtai leicht für zwey Pfennige feil. 1


1 Ich schere mich dann um die ganze Welt nichts; selbst Hatemtai’s Großmuth ist mir keinen Heller werth.


LI. (51)

Aus Trennungsschmerz muß ich wie Kerzen weinen,
Wie Flaschen stets nur blut’ge Thränen weinen.
Aus Herzensangst muß ich zum Schenken werden,
Bei Lautentönen blut’ge Thränen weinen.


LII. (52)

Schande ist’s sich zu erhöhen selber,
Sich für auserwählt zu halten selber.
Andre kennt man durch den Augenapfel,
Alle kann man sehen, sich nicht selber.


LIII. (53)

Ich opfre Seelen hin geschickten Leuten,
Leicht ist’s, den Kopf zu ihrem Fuß zu legen.
Weißt du worin besteht die Pein der Hölle?
Der Umgang ist’s mit ungeschickten Leuten.


LIV. (54)

Die ganze Welt in einen Mörser stoßen,
Mit Herzensblut die Himmel alle färben,
Und hundert Jahr’ im tiefsten Kerker leben,
Ist leichter als ein Augenblick mit Dummen.


LV. (55)

So lang die Welt noch Wunsch des wunden Herzens ist,
So lang im Körperreich kein Geisterkönig ist,
So lange bleibet mir vor Gottes Thron die Hoffnung,
Daß mir des Glückes Thor noch einst geöffnet ist.


LVI. (56)

Hör’, Freund! Ziehe das Herz zurück vom Kummer des Feindes,
Und mit gutem Freund’ ziehe geläuterten Wein,
Suche auf zur Gesellschaft die weisen und edelen Männer,
Von den anderen zieh’ immer zurücke den Saum.


LVII. (57)

O hätte doch das Glück mit mir den Bund gemacht,
Und Bruderschaft mit mir der Zeiten Lauf gemacht!
Und als der Zaum der Jugend mir entrissen ward,
O hätte wenigstens mein Alter Halt gemacht.


LVIII. (58)

Des Wunsches halb ist hin mein Leben,
Was ward dafür vom Himmel mir für Nutzen!
Ein Jeder, dem ich mich als Freund erklärte,
Ward mir zum Feind, o welch unselig Schicksal!


LIX. (59)

Wenn ihr den Kreis, o Freunde, schließet Arm in Arm,
Vergeßt den tollen Kreis des großen Weltenrads,
Und kömmt die Zeit, wo ich nicht mehr hienieden bleibe,
So trinkt den Rest der Zeit zu meinem Angedenken.


LX. (60)

In dieser bösen Zeit, die alle Treue bricht,
Wo ist ein Freund, der nicht zuletzt zum Feinde wird?
Ich habe mich deßhalb der Einsamkeit geweihet,
Damit der Freund mich nicht als Freund ansehe.


LXI. (61)

O Freund, du hast’s mit mir wie mit dem Feind gemacht,
Aus meinem Frühling hast du einen Herbst gemacht.
Ich ward in deinem Dienst gerade wie ein Pfeil,
Als Opfer hast du mich wie Bogen krumm gemacht.


LXII. (62)

Durch Schwäche und durch Kraft, durch Wohlseyn und durch Elend,
Durch Größe und durch Stolz, durch Lieb’ und Eigenliebe,
Hast du’s so weit gebracht, daß in der Gluth ich sitze,
Und daß ich nicht vermag, mich auf ein Pferd zu setzen.


LXIII. (63)

Bekümm’re dich, o Freund! wie schneidend sey das Ach!
Es flammt empor das Feuer, aus der Gluth des Ach!
Du achte nicht gering beim Eintritt deines Gaues,
Den stillen Gang der Nacht, des Morgens lautes Ach!


LXIV. (64)

Wie lang wirst du im Herz den Gram der Zeiten haben?
Auf Welten thu’ Verzicht, auf Alles was sie haben,
Begehre Wein und Freund’ und einen Sack voll Rosen,
So lang du Hefen noch kannst in den Händen haben.


LXV. (65)

Ich mache deinen Gram in meinem Herzen Platz,
Ich mach’ daraus Arzney für meine Herzenswunden,
Je mehr es dir gefällt, mein armes Herz zu kränken,
Um so viel mehr will ich dir treue Liebe zollen.


LXVI. (66)

Ich sprach, was ist dies für ein süßes Maal,
Sie sprach: du bist gerad, einfältig, elend;
Im Spiegel meiner Schönheit ist kein Maal,
Du suchst auf dem Gesicht den eignen Augenapfel.


LXVII. (67)

Wie deine Wangen sind die Thränen rosenfarb,
Und von dem Herzensblut ist voll vom Blut das Aug’
Die Freundinn sprach also aus großer Huld zu mir,
O lieber Freund, wie geht es deinen wunden Augen?


LXVIII. (68)

Wer nur ein’n Monat in der Fremde bleibt,
Zerstäubt wie Spreu, und wär’ er auch ein Berg,
Der Arme! wenn er sich auch niederläßt,
So seufzt er doch nach seinem Vaterland.


LXIX. (69)

O Herr, da du in Nöthen Helfer bist?
Da du der Richter und der Sachwald bist,
Wie kann ich ein Geheimniß dir vertrau’n,
Da du auch das Geheimste wissend bist?


LXX. (70)

Halte mir doch die Liebe der Wangen des Freundes zu gutem,
Rechne die Kleinigkeit kränkelnden Herzen nicht auf,
Weise wie du, sie kennen ja wohl die Gebräuche des Weges,
Daß man mit Trunkenen es auf das genaueste nicht nimmt.


LXXI. (71)

Siehe das Mondenbild, dem keines an Schönheit sich gleich stellt,
Wenn es wie das Gewölk sich der Kleider entblößt,
Dann vermagst du das Herz zu schau’n durch den silbernen Busen,
Wie du in einem Kristall spiegelnde Kiesel erblickst.


LXXII. (72)

Meines Abgotts Namen, deß Schönheit beschämet den Vollmond,
Geht aus folgendem Wort klar und deutlich hervor;
Er beginnt mit Augenlicht und mit dem Lichte des Herzens,
Aber Herzensblut ach! ist das Ende davon.

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