Begegnung an Leila’s Zelt

Autor: Nur al-Din Abd Al-Rahman Jami
Übersetzung von: Adolf Friedrich Graf von Schack, German German flag
Morgenländischer Liebesroman von Dschami
In deutscher Nachbildung von Adolf Friedrich Graf von Schack, Stuttgart, 1890


(…)

Leise mit bangem Herzenspochen
Hatte Keis die Worte gesprochen.
Aber in ihrem Zelte hörte
Dennoch sie Leila, die gramverstörte.
Gerührt von des Liebenden Klagen bezwang
Sie nicht länger der Seele Drang.
Den Vorhang erhob sie, und ihre Wangen
Leuchteten in der Jugend Flor
Anemonen gleich, wenn hervor
Aus der Knospe sie brechen mit Prangen.
Frisch wie die Morgenröte lachte
Sie den Freund, den betrübten, an
Und sprach: “Wie tief es in dir auch nachte,
Wirf, Einziger, von dir ab den Bann!
Nicht bloß in deinem Busen, o glaube,
Nistet die klagende Turteltaube.
Schwerer als deine noch, nicht zu heilen,
Freund, sind die Schmerzen, welche ich trage:
Weh’, und ich kann nicht zu dir eilen,
Daß ich dir meine Trübsal klage!
Dein Geheimniß zu offenbaren
Ist dir verstattet – aber ach!
Meines muß tief ich im Herzen bewahren.
Denn verrieth’ ich’s, träfe mich Schmach.”

Ganz gab Keis mit berauschtem Sinn
Bei Leila’s Worten der Liebe sich hin,
Auf das Knie, seine Kleider zerreißend,
Sie den Stern seiner Augen heißend,
Sank er nieder, in glühenden Bildern
Die Qual der verflossenen Nacht ihr zu schildern.

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