Der Eidschwur

Autor: Nur al-Din Abd Al-Rahman Jami
Übersetzung von: Adolf Friedrich Graf von Schack, German German flag
Morgenländischer Liebesroman von Dschami
In deutscher Nachbildung von Adolf Friedrich Graf von Schack, Stuttgart, 1890


Leila, die liebliche Gazelle,
Die durch des Auges leuchtende Helle
Vermochte, den wildesten Löwen zu zähmen,
Beschloß, wenn sie wieder zusammenkämen,
Sich durch Zeit und durch Ewigkeit
Mit Keis zu verbinden durch einen Eid.
Bald, sie zu grüßen, in’s Zelt trat er;
Und sie begann: “O du, meiner Güter
Höchstes, mein Meister bist du und Herr.
Und du, erhabener Weltbehüter,
Auf dessen Gebot die himmlischen Heere
Droben kreisen, Sphäre an Sphäre,
Der du, Schöpfer der ganzen Natur,
Des Himmels Wölbung droben geründet,
Und im schimmernden tiefen Azur
Die Fackel des Monds und die Sterne gezündet:
Dich und den Strom des Lichts, der in Klarheit
Bis in der Geheimnisse Abgrund rinnt,
Ruf’ ich zum Zeugen an, daß Wahrheit
Die Eide, die ich hier schwöre, sind!
So lange meine Augen auf Erden
Am Lichte des Himmels sich laben werden,
Soll meine Seele, hör’ es mich schwören,
Einzig dem theuren Keis gehören!”

Seit Leila diesen Eidschwur gethan,
Liebe war sie, ganz Liebe nur
Für ihren Holden, ihn einzig sah’n
Ihre Blicke in der Natur.
Solches glühende Herzensbekenntniß
Trank mit Entzücken des Jünglings Ohr;
Höher als Leila’s Liebesgeständniß
Flammte die Glut in ihm empor.
Von der Wonne ward der Beglückte
Berauscht, daß Vernunft und Besinnung ihm schwand,
Und hinfort Medschnun, der Verrückte,
Ward er von den Männern und Frauen genannt.

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