Die Wallfahrt

Autor: Nur al-Din Abd Al-Rahman Jami
Übersetzung von: Adolf Friedrich Graf von Schack, German German flag
Morgenländischer Liebesroman von Dschami
In deutscher Nachbildung von Adolf Friedrich Graf von Schack, Stuttgart, 1890


Keis schöpft wieder Hoffnung, daß Leila ihn freundlich empfangen wird. Er schwört sich, wenn dies geschähe, will er eine Wallfahrt nach Mekka unternehmen.

Leila empfing den Wiedergekehrten
Mit zärtlichem Gruße; Beide erklärten
Einander in feurigen Worten ihr Lieben,
Und wie sie wandellos treu sich geblieben.
Kein Geheimniß blieb unenthüllt,
Keine Knospe, die reich gefüllt
Als Rosenkelch sich erschlossen nicht hätte.
Einander liebkosend um die Wette
Verlebten sie so glückselige Stunden.
Aber als Keis ihr kund nun gab,
Wozu er durch einen Schwur sich verbunden,
Ward finster Leila’s Herz wie ein Grab,
Verworren vor Schmerz wie des Haares Flechten,
Die sie umwallten gleich bunten Nächten.
Während ein Thränenstrom ihr entquoll,
Dachte sie, zitternd, schreckensvoll
Der Entfernung, der ungeheuren,
Die trennen sie sollte von dem Theuren.

(…)

Von der anderen Pilger Munde
Floß stets Gebet, wenn sie in der Runde
Die Kaba umschritten. Doch ihm entfuhr
Immer der Name Leila’s nur.
Indes seine strömenden Zähren in vollem
Erguß auf den Teppich des Tempels rollen,
Schickt er zu Muhammed solch’ Gebet:
“O du von Gott geliebter Prophet,
Erhab’ner, vor dem der Hochmutstolz
Der Araber und der Perser zerschmolz,
Du, dessen Odem sanft und mild
Noch diese heiligen Stätten umquillt,
Laß dir das unschuldsvolle Lallen
Eines reinen Herzens gefallen!
Lege mir auf der Opfer schwerstes,
Und mir als der Gebote erstes,
Glaub, soll gelten seine Vollbringung.
Keine Entsagung, keine Bezwingung
And’rer Triebe sei mir zu schwer:
Nur Leila entsag’ ich nimmermehr,
Ihr, die dem in Nacht Erstarrten
Sanftes Licht in die Seele gießt,
Der einz’gen Blume, welche im Garten
Der Hoffnung mir entgegensprießt.
Wollte der ganze Stamm der Meinen
Sich zu dem Einen Ziel auch vereinen,
Mich von der Theuren abzuwenden:
Nie würd’ ich mich so durch Treubruch schänden.”

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