Erste Zusammenkunft mit Leila

Autor: Nur al-Din Abd Al-Rahman Jami
Übersetzung von: Adolf Friedrich Graf von Schack, German German flag
Morgenländischer Liebesroman von Dschami
In deutscher Nachbildung von Adolf Friedrich Graf von Schack, Stuttgart, 1890


(…)

Bald war er, zu Leila’s Wohnung gekommen,
Freundlich von Dienern aufgenommen.
Auf den Ehrenplatz nach Gebühr
Führten sie ihn durch des Zeltes Thür.
Aber vergebens war sein Späh’n,
Zu gewahren die heiß Ersehnte;
Und schon, da er betrogen sich wähnte,
Wollt’ er getäuscht von dannen geh’n.
Doch plötzlich schwanden die trüben Gedanken;
Denn einer Jungfrau, einer schlanken,
Ward er gewahr: hold, anmutreich
War sie, dem Rebhuhn der Berge gleich.
Schüchtern schien sie und fast voll Bangen;
Und wie sie eintrat, an ihren Wangen
Hing ihm der Blick, die wie Rosenblüten,
Erst eben der Knospe entstieg’ne, glühten.
Die Brauen, die ihre Augen umzogen,
Glichen aus Ambra gebildeten Bogen.
Durchwallt ward im Gezelte die Luft
Von ihrer Lippen würzigem Duft.
Schönlockig war sie und schöngeaugt,
Das Lächeln, das ihren Mund umgaukelt,
Glich der Biene, die, sanft geschaukelt,
Den Blüten ihren Honig entsaugt.
So weiß nicht wie ihre Zähne waren
Die Perlen des Meer’s, die krystall’nen, klaren.
Der Rose glich ihr Angesicht,
D’rauf Thau noch zittert im Morgenlicht.
Keis, seitdem er Leila erblickt,
War ganz von ihren Reizen umstrickt.

Und die zwei Glücklichen entfachten,
Indeß sie Stunden beisammen verbrachten,
Die Glut des Feuers, die immer sich mehrte,
Bis es die Liebenden endlich verzehrte.
Sie ließ ihre Locken niederwallen
Und in Verlangen entbrannte Keis;
Den Schleier, ihn lüftend, ließ halb sie fallen,
Und Jener erglühte von Sehnsucht heiß.
Von nun an blieben in Wonne wie Leiden
So enge verbunden die Herzen der Beiden,
Wie es die Blätter der Rose sind,
Eh’ sie sich öffnet dem Morgenwind.

Als sie mit gesättigten Blicken
Einander betrachteten voll Entzücken,
Bahnten zu trautem Liebesgespräch
Sich ihre zitternden Lippen den Weg.
Ihrer Liebe nur denkend, nicht mehr
Achteten sie der Welt umher.
Doch, obgleich sie so hochbeglückt,
Trübt’ ihnen Eines den Vollgenuß:
Daß nah und näher die Nacht schon rückt,
Wo Eines vom Andern scheiden muß.
Wie konnten – sie dachten’s mit bangem Beben –
Sie, von einander getrennt, nur leben?
“Sonne, du Tageskönigin,
Die du mit deinem Szepter von Feuer
Die Schatten der Nacht, die Ungeheuer,
Verscheuchst – o möchtest du fürderhin
Nimmer dein Angesicht verhüllen
Und ewig mit Glanz die Nacht uns erfüllen!”
So riefen sie aus. Indessen rollte,
Als es im Westen sinken wollte,
Das Tagesgestirn den Schleier zusammen,
Den es am Morgen am Himmelszelt
Ausgebreitet, so daß in Flammen
Zu leuchten schien und zu lodern die Welt.
In seelenzernagende Trauer versanken
Die Beiden bei dem Trennungsgedanken.
Heim ritt langsam auf seinem Kameele
Der Jüngling mit tiefbetrübter Seele;
Und seufzend um das verloren Glück
Blieb Leila in ihrem Zelte zurück.

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