Erzählung des Dichters Kotheir

Autor: Nur al-Din Abd Al-Rahman Jami
Übersetzung von: Adolf Friedrich Graf von Schack, German German flag
Morgenländischer Liebesroman von Dschami
In deutscher Nachbildung von Adolf Friedrich Graf von Schack, Stuttgart, 1890


Ein Sohn Arabiens, war Kotheir
Am Himmel der Dichtkunst die schönste Zier.
Wie die Sonne am Firmament
Mit welterleuchtenden Strahlen brennt;
Wie, wenn tief die Mitternacht dunkelt,
Der Stern Soheil am Himmel funkelt:
Also glänzte sein mächt’ges Talent.
Für Ghorra war er, die reizende Maid,
Welche die Huris an Lieblichkeit
Besiegte, von glühender Leidenschaft
Wie Medschnun für Leila hingerafft.
Höher erschloß sich sein Herz, wenn der Hauch
Ihres Mundes ihn lieblich umwehte.
So lockt der Ost auf dem Gartenbeete
Aus der Knospe den Blütenrauch.
Daß kein Reiz seinen Liedern fehlte
Verdankten der Liebe sie, die ihn beseelte:
Welch and’res Gefühl auch gäbe Schwung
Dem Dichter, gleich ihr, und Begeisterung?

(…)

“Unglücklicher Jüngling,” sprach der Khalif,
“War unter den Opfern der Liebe, sage,
Die du gekannt hast, in gleicher Lage
Je eines wie du? Und litt es so tief?”
“Erhabener, ja!” gab der Dichter Bescheid,
“Vor kurzem, niedergedrückt von Leid,
Begab ich mich, Sehnsucht nach Ghorra hegend,
In ihres Landes glückselige Gegend.
Da, mich verirrend auf meinem Gang,
In eine Wüste, sonnenverbrannt,
Kam ich und durchpflügte tagelang
Mit meinem Fuße den brennenden Sand.
Dem Verschmachten schon war ich nah,
Als ich einen Unglücklichen sah,
Der, wie ein zum Bogen gekrümmter Ast,
Gebeugt schien unter des Elends Last.
Zu seinen Füßen lag eine Schlinge,
Um die wilden Thiere zu fangen.
Ich sprach zu ihm: ‘Hilf – daß mir’s gelinge –
Zu stillen nach Speise und Trank mein Verlangen.’
‘Ach!’ gab er zur Antwort, ‘den Meinen fern,
Gefloh’n vor den Feinden, welche mir gern
Den Tod bereiteten, hab’ ich nicht Trank,
Noch Speise. Wie oft schon zu Boden sank
Ich halb verschmachtet, und nur die Dünste,
Auf denen mit ihrem Strahlengespinnste
Die Sonne hinzaubert des Wassers Bild,
Haben den zehrenden Durst mir gestillt.
Nur einige Früchte ohne Saft
Genoß ich, doch gaben sie mir nicht Kraft. –
Aber setze dich hier; vielleicht,
Daß irgend ein Thier die Wildniß durchschleicht
Und in der Schlinge sich fängt. Dann haben
Wir Nahrung, um uns an ihr zu laben!’

“Ich setzte mich ihm zur Seite nieder,
Indem ich nach dem Netze blickte.
Da in seine Fäden verstrickte
Sich eine Gazelle; fein waren die Glieder
Des Thierchens. Aus seinem Auge thaute
Ein schmachtender Liebreiz, wie aufwärts es schaute.
Gleich einer Huri Locken entquoll
Duft von Moschus ihm wonnevoll.

Kaum daß der Jäger die liebliche, zarte
Gazelle, die sich gefangen, gewahrte,
So eilt’ er zu ihr. Er hielt sie fest
Lange an seine Brust gepreßt.
Die Augen ihr küssend drauf anhob
Ein Lied er zu singen zu ihrem Lob.
Und als er die zierlichen Füße der Kleinen
Befreit von den Banden, sprach so er zu ihr:
‘Auf deine Triften zurück zu den Deinen
Kehre nun, du liebliches Thier!
Du, dessen Auge so sanft, so mild
Meiner geliebten Leila Bild
Vor Augen mir führt – o, möchtest geborgen
Du leben vor allen Leiden und Sorgen!’

Also rief er. Da fing eine zweite
Gazelle sich in des Netzes Fäden,
Und eine dritte noch, die er befreite.
Ich aber sagte: ‘Einer jeden
Schenkst du die Freiheit. Und meines herben
Schicksals nicht denkst du? Vor Hunger sterben
Muß ich. Sage mir, was es frommt,
Wenn jede Rettung, sobald sie uns kommt,
Du von dir weisest?’

‘Nicht zu erfüllen,’
Sprach Jener, ‘vermag ich deinen Willen.
Wenn ein and’res Thier in den Netzen
Sich finge, du dürftest an ihm dich letzen.
Doch diese reizenden Bergesrehe,
Diese Gazellen jag’ ich allein,
Damit einen Augenblick in der Nähe
Meiner Leila ich glaube zu sein,
In ihren Augen den Widerschein
Von meiner Geliebten Blicken sehe.
Nachdem ich das flüchtige Glück genossen,
In ihnen zu schauen der Herrlichen Bildniß,
Send’ ich zurück sie in die Wildniß,
Welcher die holden Geschöpfe entsprossen.
Glaube! des grimmen Hungers Nagen
Hab’ ich so sehr, wie du, zu ertragen.
Nur von wilden Beeren mich nähr’ ich,
Die Wurzeln des Bodens einzig verzehr’ ich.
Aber wie könnt’ ich ein Thierchen morden,
Durch das mir so süße Tröstung geworden?’

Er redete noch, als in dem Geschling
Eine vierte Gazelle sich fing.
Diese, dacht’ ich, soll nicht mir entrinnen
Und hatte den Dolch schon gezückt zum Stoß.
Doch schon aus des Netzes Verstrickung los
Hatt’ er sie gemacht. Er drückte, in Sinnen
Vertieft, den Mund auf die Flüchtige, Scheue,
Herzte und küßte sie auf’s Neue.
Und trieb sie dann in die Freiheit von hinnen.

Weil ich von einer solchen Jagd
Nichts hoffen durfte, verließ ich vor Nacht
Noch jene Wildniß und dachte: als sicher
Gilt mir, daß Keis das sein nur kann;
Gleich diesem ist er ein jugendlicher
Schöner und schlankgebauter Mann:
Aber durch Liebe, Wahnsinn bethört –
Wie ich oftmals sagen gehört.”

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