Keis in der Wüste – Der Sandeswirbel

Autor: Nur al-Din Abd Al-Rahman Jami
Übersetzung von: Adolf Friedrich Graf von Schack, German German flag
Morgenländischer Liebesroman von Dschami
In deutscher Nachbildung von Adolf Friedrich Graf von Schack, Stuttgart, 1890


(…)

Wie so er um sich blickte als Späher,
Kam etwas Schwarzes ihm nah und näher.
Aber zu bald nur ward ihm klar,
Daß es ein Sandeswirbel war,
Den ein heftiger Wind vor ihm
Herjagte mit wildem Ungestüm.

“O riesenhaftes Wüstenkind,”
Sprach er, “schreckliches Ungestüm,
Entsetzlicher du, als Drachen sind,
Dessen gewundener Leib geringelt
Der höchsten Palmen Wipfel umzingelt,
Und auf den Boden zerschellt, zerschmettert
Dessen Schritte mit allen Halmen
Und Gräsern die grünenden Felder zermalmen –
Wenn mein Auge dich erschaut,
Der aus dem Staube du bist erbaut,
Welcher berührt ward von meiner süßen,
Lieblichen Leila zarten Füßen:
O dann nicht mehr erschreckst du mich, glaub’ es;
Komm, wenige Körner nur deines Staubes
Auf meine feuchten Augen zu streuen,
Daß sie sich d’ran erlaben, erfreuen!
Verkündige mir: hat mitleidsvoll
Ein Geist der Wüste dich hergeschickt,
Damit, von deinem Hauch erquickt
Und neugeboren ich werden soll?
Welche Botschaft bringst du mir, sage,
Von der himmlischen Einzigen, Einen,
Derenthalb mir die Lebenstage
Nur wert gelebt zu werden scheinen?
Du siehst, wie getrennt von ihr vor Kummer
Ich nicht Ruhe finde, noch Schlummer.
Keinen Augenblick meinen Gedanken
Ist sie ferne, des Seelenkranken.
Und darf ich hoffen, bisweilen noch
Werde an mich, den vom Leidensjoch
Gebeugten, Erinn’rung in ihr sich regen,
Und das Herz ihr treiben zu höhern Schlägen?
Ach! wohl fühl’ ich es, bethört von leerer,
Eitler Hoffnung ist mein Sinn;
Wie kann ich meinen, daß einer hehren,
In Herrlichkeit thronenden Königin
Auf mich Armen, in Gram Versenkten
Sich jemals die Gedanken lenkten?
Was kümmert sich das Gestirn der Nacht,
Umgeben von anderer Sterne Pracht,
Um’s leuchtende Würmchen, welches verirrt
Die kleine Blume der Wüste umschwirrt?
Sprich, welches Glücklichen Blicke schweifen,
Wenn am Morgen der Ostwind weht,
Über sie hin, die vom Lager ersteht
Um ihres Haares lange Streifen
Benetzt mit köstlicher Essenz,
So daß sie duftet gleich dem Lenz?
Wem erquickt, o sag’ es, die Schöne
Das Ohr durch der Stimme melodische Töne?
Weh! hören, sehen können sie Alle!
Mich nur hat das Schicksal erwählt,
Daß immer tiefer in Elend ich falle,
Daß immer neues Leiden mich quält.
Könntest du wie ein Hälmchen Stroh
Dahin mich tragen in ihre Nähe,
Daß ich noch ein Mal, beglückt und froh,
Die Reizende, Wundervolle sähe!
Trag’ meine Klagen ihr mindestens vor,
Und flüstere murmelnd ihr also in’s Ohr:

“O du, nach welcher das Herz mir schmachtet
Und all mein Sinnen und Denken trachtet –
Du, vor dem Blicke, dem thränennassen,
Immerdar mir leuchtendes Bild,
Seit ich einsam irre, verlassen,
Und kein Trost mir den Jammer stillt,
Glaube, tief im Herzen brennt
Das Verlangen, das heiße, mir,
Gleich der Seele, vom Körper getrennt,
Mich emporzuschwingen zu dir.
Aber vergebens! Ohne Frucht
Alles, was möglich, hab’ ich versucht.
Die Klugheit des Greises, des Jünglings Kraft
Haben nichts wider das Schicksal vermocht.
Matt, so daß kaum mein Herz noch pocht,
Sink’ ich zu Boden, hingerafft
In den Öden, die schwanken Fußes
Ich durchirre. Wenn freundlichen Grußes
Die Morgenröte die Welt erweckt,
Spring’ ich empor, verstört, erschreckt:
Nichts vermöchte mich mehr mit dem Dasein
Zu versöhnen, als nur dein Nahsein!
Von Gram zerrissen ist dir, ich weiß,
Die Seele, wie die des armen Keis,
Daß dir nicht die Nacht gegeben,
Die Bürde von mir hinwegzuheben.
Indessen der Eine Gedanke mindert
Meine Qualen, mein Schmerz wird gelindert,
Wenn ich mir sage: ob auch in Staub
Mein Leib zerfällt und, der Winde Raub,
In den Lüften verweht – ein Angedenken,
Ein treues, wirst du mir, Geliebte, schenken.”

Leave a Reply