Keis (Medschnun) antwortet

Autor: Nur al-Din Abd Al-Rahman Jami
Übersetzung von: Adolf Friedrich Graf von Schack, German German flag
Morgenländischer Liebesroman von Dschami
In deutscher Nachbildung von Adolf Friedrich Graf von Schack, Stuttgart, 1890


Keis’s Vater versucht seinen Sohn zu überreden, auf Leila zu verzichten.

Zur Antwort gab ihm Keis: “O Vater,
Die Worte, die als ernster Rater
Du zu mir sprachst, behüt’ ich treu:
An meine Seele sollen die Klänge
Geheftet sein wie gold’ne Gehänge;
Dir zu mißfallen trag’ ich Scheu.
Doch siegreich vermag ich zu erwidern:
Die Blässe, die auf den Wangen mir liegt,
Die Mattigkeit in meinen Gliedern
Verkündet, wie ganz mich die Liebe besiegt.
Das Köstlichste, was wir besitzen im Leben,
Hat uns in ihr der Himmel gegeben.
Sie ist die Quelle, draus Alles fließt,
Was uns’re Seele der Wonne erschließt.
Nur einem Mädchen vom gleichen Stande
Dürft’ ich mich einen im Ehebande,
Sagst du? Doch fragt denn des Herzens Drang,
Ob niedrig, ob hoch ein Wesen an Rang?
Nein, Alle, glaub’ mir, die ihre Flamme
Durchlodert, sind nur von Einem Stamme!
Und du begehrst: ich soll die Versprechen,
Die ich Leila geleistet, brechen?
Mich von ihr trennen, ja, sie vergessen? –
Nein! ein Opfer, so unermessen,
Bring ich nicht! Den Tod eher tragen
Will ich, als meiner Liebe entsagen.
Neben der Rose, die ich erwählt,
Was sind mir alle andern Frauen?
Ihrer keine begehr’ ich zu schauen,
Da Liebe für Leila mich einzig beseelt.
Sie lebt nur für mich, wie ich nur für sie,
Und trennen werden wir Zwei uns nie.
Du sagst, daß Haß und Zwietracht die beiden
Stämme, die sich befehden, trennt;
Doch sollte nun uns auch Haß drum scheiden,
In deren Herzen die Liebe brennt?
Mögen mich hassen ihre Verwandten:
Ich denke an meine Leila nur;
Eh’ sie mir rauben die Wutentbrannten,
Zum Schwerte greif’ ich – hör’ meinen Schwur!”
Sein Vater, da er erkannte die Kraft
Der in ihm tobenden Leidenschaft,
Flehte zu Gott mit bangem Gemüte:
“Herr, meines Sohnes Leben behüte!”

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