Zusammenkunft mit dem Hirten der Leila

Autor: Nur al-Din Abd Al-Rahman Jami
Übersetzung von: Adolf Friedrich Graf von Schack, German German flag
Morgenländischer Liebesroman von Dschami
In deutscher Nachbildung von Adolf Friedrich Graf von Schack, Stuttgart, 1890


(…)

“Im Namen des Himmels,” rief er [Keis:] beklommen,
“Was ist geschehen? Laß auf Bericht
Von der Schönen mich warten nicht.”

“Allein weilt sie in ihrem Zelte,”
Gab Antwort der Hirt.
“Als der Tag sich erhellte,
Haben die Männer des Stammes sich heut
Insgesamt in die Wüste zerstreut.
Gewaffnet sind Alle, und ich ahne,
Sie lauern auf eine Karawane,
Welche mit Schätzen befrachtet sie glauben.
Auf Plündern steht ihr Sinn und auf Rauben.”

Bei diesen Worten warf sich Medschnun
Zu seinen Füßen. “Den Willen mir thun
Mußt du. Den schwarzen Mantel da leih’ mir!
Zur Bekleidung behülflich sei mir
Diese Umhüllung, damit ich erreiche,
Daß zu Leila in’s Zelt ich schleiche.”
Der Hirt that mit Freude den Willen,
Und Keis, um seine Sehnsucht zu stillen,
Eilte unaufhaltsam getrieben
Zum Stamme seiner Einzig-Lieben.
Höher bei jedem Schritte schlug
Sein Herz, wie er vorwärts stürmte im Flug.
Der Anblick von Leila’s Zelte schuf
Ihm Jubel, er grüßt’ es mit Freudenruf.
Bei seiner theuren Stimme Laute
Trat Leila aus ihrem Zelt und schaute
Ihm in’s Antlitz mit hohem Entzücken.
Einander feurig an’s Herz zu drücken,
Von ihrer Liebe und ihren Leiden
Zu reden, wurden nicht müde die Beiden.
Der Eine erzählte, wie trostlos es sei,
Wie einsam in seiner Wüstenei;
Die And’re mit schluchzender Stimme klagte,
Wie das Verlassensein an ihr nagte,
Wie die Freiheit, das beste der Güter,
Ihr raubten die unerbittlichen Hüter.
Die Sonne ließ auf der Berge Spitzen
Schon ihre letzten Strahlen blitzen,
Geschwunden war schnell wie ein Pulsesschlag
Beim Zusammensein ihnen der Tag.
Doch Leila, für Medschnun die Wiederkehr
Der grausamen Männer fürchtend, rief:
“O glaube, die Trennung schmerzt mich tief;
Doch halten darf ich dich länger nicht mehr.
Ach, daß die Nacht zum Aufbruch das Zeichen
Uns giebt! Doch müssen dem Schicksal wir weichen.
Wie sehr auch des Scheidens Wunden brennen,
Wir müssen trotz uns’rer Thränen uns trennen,
Sonst trifft uns mit blitzendem Dolch der Tod,
Der lang uns schon über den Häuptern droht.”
Dann, das Herz von Jammer zerschnitten,
Floh Medschnun zur Wüste mit schwanken Schritten,
Und wie von tödtlichem Schlage getroffen
Blieb Leila im Zelte ohne Hoffen.

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