Aus dem Diwan Teil 11

Autor: Nur al-Din Abd Al-Rahman Jami
Übersetzung von: Friedrich Rückert, German German flag
Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft, 1848-1890


Nie von rosenwangiger Cypressen Anmuth, Dschami, schweig,
Denn du bist in diesem Garten wie die Lilie zungenreich.


Frisch vom Thau der Anmuth seh’ ich deine Wang’ umschwommen;
Eben aus dem Beet, o Rose, scheinest du zu kommen.


Der Schönheit Kaftan legte die Ros’ an wohlbeflissen;
Da sah sie deinen Liebreiz, und hat ihr Kleid zerrissen.


Wandle durch den Garten! denn was dort die Knospe still gehegt,
Hat die Rose dir zum Opfer auf die Schale nun gelegt.


Soviel Herzen sind gefangen; und wie lang noch um die Wangen
Legst du Locken Schling’ an Schling’, und Geflechte Ring an Ring!


Wo in deiner Locken Wallen du dahingehst auf der Flur,
Wird Verliebte sicher leiten Moschusduft auf deine Spur.


Von deiner Hand traf Dschami’s Herz im Busen dieser Schmerz!
Eh ihm das Herz abhanden kommt, leg’ ihm die Hand auf’s Herz!


Wenn nach Tagen deine Wang’ ich wieder seh’ vor meinem Aug,
Hindert mich am Sehen Augenwasser bald, bald Seufzer auch.


Nach dir Sehnsucht weinend ging ich zu Cypress und Palme;
Wohl hält sich, wer in’s Wasser fiel, an jedem schwachen Halme.


Ist’s der dunkle Flaum des Bartes, deine süsse Lipp’ umgebend?
Oder sind’s Ameisen wimmelnd, mit dem Fuss im Honig klebend?


Zwei türkische Wildjäger sind die Augen dein, die schlafen,
Und auf dem Kissen neben sich den Bogen liegen haben.


Selbst beneiden sich die Augen deiner Wangen Weide:
Heimlich vor einander blicken sie auf dich all beide.


Gärtner, lass allein im Garten mich nicht ohne Liebchen gehn;
Herbst den Frühlingsblumen bringen möchte meiner Seufzer Wehn.


Im Spiegel von der Wohlgestalt des Freunds muss das versagen,
Rostflecke von unreinen Hauchs Vertraulichkeit zu tragen.


Jeder will nach seinem Herzgelüsten was für sich von dir,
Alle diese sind Schmarotzer, ich begehre dich von dir.


Du fragst: wen wählst du, Dschami, vom Heer der Schönen, sprich!
Da ich ein Auge habe, wen wählt ich wohl als dich.


Jede Nacht im Finstern lausch’ ich unter Fenster und Balkon,
Dass ich, wenn ein Wort du redest, höre deiner Stimme Ton.


Dschami, da du doch zum Käufer nimmer taugst für jene,
O was hilft dir Gold und Silber blasser Wang’ und Thräne!


Gott! krause nicht die Brauen! genug, o schönes Kind,
Dass tausendfach gekräuselt schon deine Locken sind.


Beim Staube deiner Füsse! des Lebensquelles Fluth
Erquickt nicht so wie deines Lippenrubines Gluth.


Das Veilchen des Bartflaumes

Um acht Rosenparadiese geb ich nicht ein Zweiglein hin
Dieser Veilchen, die dir sprossen an der Seite von Jasmin.


Die Silberbarren der Arme

Schenk’ etwas einem Bettler! zwei Silberbarren fein
Trägst du in deinen Aermeln an beiden Armen dein.


In den Klaff des Herzens kamst du durch des Auges lichten Schein;
Offen war die Thür, du kamst zum Fenster wie der Mond herein.


O Reh des Moschusduftes, zur Wüste worden ist
Die Stadt; sag an, warum du auf’s Land gegangen bist?

Entseelt dahin sank Dschami bei deines Abschieds Hast;
O Seelchen, sprich, warum du den Leib verlassen hast!


Ach, was eine Kerze bist du, dass du helle
Nie willst machen eines Armen Kummerzelle!


Hier, Liebchen, steht zu Dienste mein Herz, mein Auge dort;
Mishagt es dir am einen, kehr’ ein am andern Ort.


Niemals Rücksicht nahmest du auf meinen Wunsch, den stillen,
Oder wenn du’s thatest, thatest du’s nur aus Muthwillen.


Am Morgen geht nach einem Geschäfte jeder aus,
Und Dschami steht in Thränen, bis du trittst aus dem Haus.


Kein Ruhebett verlang’ ich, o wohl mir jede Nacht,
Im Staube deiner Schwellen auf hartem Pfühl verwacht!


Du schnallst den Gurt zum Unheil, und ziehst des Blickes Schwert;
Siegsbeute dir! dein Streifzug, auf wen ist er gekehrt?


Wie lange soll ich streifen das Gässlein ab und zu?
Frag’ doch einmal: was machst du dahier? wen suchest du?


Dürft’ auf deiner Schwell’ ich als ein Hündlein wachen,
Vorrang einem Engel würd’ ich geben kaum.

Eine Lust ich hätte, dass zu meinem Herzen
Dräng’ ein Pfeil, der läg’ in deines Köchers Raum.

Wenn Dschami bei deinem Reitknecht Gnade fände,
Ging’, Deck’ auf dem Rücken, er in deinem Zaum.


Und willst du meinen Gruss mit keinem Dank vergelten,
So thu doch wenigstens den Mund auf, um zu schelten.


Heil dem Auge, das da fällt zuerst auf deine Wangen
Morgens, wenn vor’s Haus du trittst mit tausendfachem Prangen.


Wie sollt’ ich ihn besitzen? genug, wenn einst ich nur,
Zu Staub geworden, küsse von seinem Fuss die Spur.

Die Fiebergluth der Liebe, die mir im Herzen schwillt,
Der Heiltrank ist im Becher des Todes, der sie stillt.

Einst wo nach allen Seiten weht meinen Staub die Luft,
An jedem Stäubchen finden wird man der Treue Duft.

Mit Blut darauf geschrieben wird seyn der Trennung Weh,
Wo ich aus meinem Staube hervor als Blume geh.


Ich höre, dass mit Blicken du nach einem Schönen jagst,
Von einem Tulpenwangigen ein Mal am Herzen tragst.

O thu es nicht, o thu es nicht, da du ein reizend Heer
Von schwärmenden Verliebten hast um dich so viel du magst.

Da du in deinem Spiegel kannst dein eigen Antlitz sehn,
O sprich, wie du mit einem Blick nach andrer Schönheit fragst!


Allah, Allah! wie zart und fein du bist!
Welches Herzweh und Seelenpein du bist!

Ich an Thorheit bin so gethan wie du weisst,
Seit gethan so an Zauberein du bist.

Deine Wang’ hebt aus Lockenhainen sich so
Dass ein Neid jedem Rosenhain du bist.

Durch Rubingluth der feuchten Lipp’ im Ring
Aller Schönheit der Mittelstein du bist.

Dir geweiht ist mein Leben; sprich, o warum
Nur geneigt mich dem Tod zu weihn du bist!

In die Sehnsucht des Munds versunken, o Herz,
Eine Ameis’ im Honigwein du bist.

An den Mund denkst du stets und an die Gestalt,
Dschami, drum so gewandt und fein du bist.


Du bist einen Kuss mir schuldig; wird’s geschehn niemalen,
Dass ich sehe deine Lippen ihre Schuld bezahlen?


In der Liebe Pensum trug mein Herz den Preis davon,
Weil ich repetirte lebenslang die Lection.


Welch’ Heil kann er dir bringen, der Prediger der Stadt,
Der, seinen Text auslegend, nur auskramt Flitterstaat!


Alle Schöpfungssonnenstäubchen Seiner Schönheit Spiegel,
Jeder Spiegel trägt von Seiner Wang’ ein andres Siegel.


Der du hältst wie mich in jeder Wildnis einen Geistesirren!
Dessen Wangenlicht die Himmel Schmetterlingen gleich umflirren!

Jakobs Kummer ist ein Stäubchen nur von meiner Kummerzähre;
Eine Fabel ist von deiner Schönheit Jusufs Wundermähre:

Wir verlangen unser baares Leben nicht um unsertwegen,
Sondern nur als Liebesbettler es auf deinen Weg zu legen.

Ist uns Haus und Hof verödet, Dank dass durch das Glück der Liebe
An des Jammergaues Enden uns ein Kummerhäuschen bliebe!

Herzberaubten ist kein Weg zu schwelgen im Palast der Lüste;
Unser sei hinfort die Trennung und ein Winkel in der Wüste.

Dschami, der von einem Schlucke Liebesweh entseelt gesunken,
Weh, wenn ihm vom Schenken nun das volle Mass wird zugetrunken!


So mit Armen möcht’ ich deine Mitt’ umfassen,
Dass inmitten keinem Haar sei Raum gelassen.


O geh vorbei an Dschamis Haupt! er hat
Lust anzubeten, wo dein Fuss auftrat.


Heute Perl’ um Perle wein’ ich meinem Gram,
Weil die einzige Perle mir aus den Augen kam.


Hochgewachsen zwar ist die Cypresse dieser Flur,
Doch vor seinem Wuchse scheint sie mittelmässig nur.


Sag’ nicht von jenem Schalk, es sei ein Kind einfältig;
Es weiss um einen Kuss dir Ausflücht’ hundertfältig.


Fremd ward ich in Collegium und Universität,
Indem mein Hauptbedürfnis nun nach der Schenke geht,

Der Schwall von Wissensdünkel giebt keinen Lustgeschmack;
Willkommen Schall der Flöten und trunkner Schabernack!

Befrag nicht den Stadtdoctor um Liebchens Schönheitsflamm,
Die kaum mit hundert Zungen auslegen kann ihr Kamm,

Wo ist der Bundesbrecher, der Schenk? er komme, dass
Ich ihm den frommen Trödel verkauf’ um ein paar Mass!

Von Liebe sing und sage! denn keine Sage scholl
Lieblich wie Lieb’ in diesem Gewölbe sagenvoll.

Verbrenne deiner Mühen Befiederung und Schwing’,
Und ruhe deiner Kerze zu Fuss, o Schmetterling!

Vom Leibesdiener suche Herzengeheimnis nicht;
Denn nicht in jeder Muschel ist einer Perle Licht.


Dem Schönheitsreiter fallen will ich in den Zaum, den kecken;
Geb’ es ihm Anlass, dass er mich die Peitsche lasse schmecken!


Sieh hier mein Herz, das blutige, Türk hold und kühn von Leibe!
Wenn etwa für dein Pfeilespiel du suchest eine Scheibe.


Was könnte jener Schwelle an dir, o Dschami, liegen,
Da hundert solche Bettler an jeder Schwelle liegen!


O Gott, was kann der Anlass seyn, dass sich ein Fürst der Herzen
Mit einem armen Mann wie mir herablässt so zu scherzen!


Lerne Gott aus Gott erkennen, aus Vernunft nicht und Beweisen;
Braucht es Fackel oder Kerze um die Sonne dir zu weisen?


Komm, Schenke, da den Becher nun in den Händen hält
Im Garten die Narzisse, die Tulipan’ im Feld.

Laut liest vom Blatt der Rose die Nachtigall ein Wort,
Was hundert Commentaren schwer auszulegen fällt.


Du dessen Weh zu tausend Malen
Das Herz mir schlug mit tausend Maalen!

Könnt’ ich wünschen, um zu tragen deine Pein,
Einen Leib mir, wie dein Herz, von Kieselstein!


Um meines Aug’s Schlaflosigkeit, muthwillig Kind, daferne
Du sie nicht kennst, frag’ eines Nachts den Mond nur und die Sterne.


Mit einem Streich nicht möcht’ ich von ihm getödtet seyn;
Zwei, dreimal will ich kosten die Wonne dieser Pein.


Zum Mond in jeder Nacht dringt mein Ach Gott! empor;
Wie, Mond, dringt es einmal, ach Gott, zu deinem Ohr?


Wo ist der Liebe Wohnung, und wo der Busse Zell?
O diese Zell’ ist dunkel, und jene Wohnung hell.

Wo ist der Busse Trinkort, der Liebe Gastmahl wo?
Dort ein Brackwassertümpel, hier ein Süsswasserquell.


Du bist das Schwarz’ im Auge in Augen aller Welt;
Was schadet’s deiner Farbe, wenn sie in’s Dunkle fällt?


O Schad’ und Weh, dass Dschami im Missjahr der Entbehrung
Umkam und nicht erlebte die Ernte der Gewährung.


Verschieb nicht, mich zu tödten, auf’s nächste Morgenroth;
Wer weiss, wer nächsten Morgen am Leben ist oder todt!


Sonst war ich nicht zufrieden selbst mit dir umzugehn,
Nun bin ich schon zufrieden dich nur von ferne zu sehn.


Ich bin die Frühlingswolke, du bist der Rosenstrauch;
Es ist mein Amt zu weinen, zu lachen dein Gebrauch.


Ein Mond von fünfzehn Jährchen brach Dschami’s Fingerband,
Und nahm den fünfzigjähr’gen Ertrag ihm aus der Hand.


Vom schlechten Nachwuchs dieser Zeit darf kein Geschrei dich rühren;
Lass dich von Kalbsgeblöcke nicht, wie Samiri, verführen!


Ein Strom von Seelen fliesst im Gau des Stolzen;
Soviel Verliebte sind um ihn zerschmolzen.


Wer dich zierlich sieht den Mailleschlägel heben,
Möcht’ als Ball dazu den eignen Kopf dir geben.


Spornstreichs flieg’ ich, aber jagend hinterher
Folgt und überholt mich deiner Reize Heer.


Zu Fusse kam des Wegs der Schah der Schönen,
Das Röcklein knapp, das Mützchen schief gesetzt;

Um Liebende zu tödten, Blick und Braue
Gespannt als Bogen und als Pfeil gewetzt.

Zum Kuss des Bodens drängte sich die Menge,
Wo auf den Boden er den Fuss gesetzt;

Und meine Thränen, die nie still stehn können,
Still standen sie vor ihm im Staube jetzt.

Nicht Mensch noch Engel fasst sein Lob zusammen;
Gewiss von Mond und Sonne muss er stammen.

Fragt nicht das Loos, welch’ andrer ihn soll lieben!
Auf Dschami’s Namen ist dies Loos geschrieben


Entflohen ist mein Moschushirsch, o weh,
Entwichen mir, das ich geliebt, das Reh.

Um Gott, gieb Kunde mir, o Morgenwind,
Wo meines Rehes Weideplätze sind!

Aussagen kann ich nicht, was mir geschehn,
Seit ich nicht mehr den holden Mond gesehn.

Die Leute sehn’s an meiner blut’gen Thrän’,
Ob ich nicht klage schon, was mir geschehn.

Stets in Erwartung richt’ ich früh und spat
Das Ohr auf’s Thor, das Auge auf den Pfad.

Zum Leichenhemde deiner Locken Duft
Nahm er in’s Grab, süss dufte Dschami’s Gruft!


Minder Werth als Nichts erkennst du Dschami’n zu;
Niemand kannte besser seinen Wert als du.


O Herzchen, wenn Verliebte du mit einem Blick bedenkest,
Dass du mir aus zwei Augen nur ein halbes Blickchen schenkest!


Das schwarze Fleckchen das du siehst im Grübchen an dem Kinne,
Ein Mohrenbub’ ist’s, in die Grub’ gefallen aus Leichtsinne.


Nicht am Tubabaume drüben werd’ ich deinen Wuchs vergessen;
Kann ein Grashalm dich ersetzen, schönste wandelnder Cypressen!


Komm und ruh’ in diesem Herzen, obschon eine enge
Derwischklause Raum nicht hat für eines Schahs Gepränge.


Falle Dschami’s Haupt in Staub von deinem Fuss,
Weil es doch dem Staub einmal verfallen muss!


Dschami konnte nicht durch eignen Fleiss vom Liebsten Kund’ erlangen;
O Genossenschaft der Freunde, lasset ihn die Kund’ empfangen!


Ich wandelte beständig den Weg der Gnade;
Da sah ich dich am Wege, und kam vom Pfade.


O Schönheitsbild, das mir das schönste gilt,
Gebildet hat dich Gott nach seinem Bild.

Der Gottschau Spiegel ist dein Angesicht;
O gieb’s des Selbstbespieglers Blicken nicht!

Nein Gott, der Spiegel und das Bild bist du;
Den Wahn der Zweiheit, lass ihn hier nicht zu!

Geschieden ist das Bild vom Spiegel nie;
Du bist in ihm enthalten; glaub und sieh!

Wer nicht im Geist der Einheit Faden fand,
Dies Räthsel ist unlösbar seiner Hand.

Ein Faden ist, doch tausend Knoten sind;
Wer löst des Fadens Knoten all geschwind?

Wer, wie Dschami, von Knoten war umstrickt,
Heil ihm, wenn er des Fadens End’ enblickt!


Woher immer eintritt jener Mond mit offenem Wangenlicht,
Wird mir sichtbar das Geheimnis: das ist Gottes Angesicht.

Die Vollendung ew’ger Schönheit hat mein Aug’ in ihm erblickt,
Ob er fest sich strickt den Gürtel oder schief die Haube rückt.


Knecht der Anmuth seines Wandelns bin ich, die den Pilgersmann
Bald zum rechten Wege bringen, bald vom Weg abbringen kann.

Dass mein Flehn auf seinem Wege liegt, was nützt es, da sich doch,
Unter seinen Fuss zu blicken, trägt der Stolze viel zu hoch.

Rechn’, o Scheich, nicht Götzenliebe Herzensmännern an als Fehl!
Des Verliebten, des Geweihten Heimlichkeit ist Gott kein Hehl.

Liebeskunde, die da Urkund’ ewger Herrschaft ist, wie nun
Sollt’ ein Mann im Doctorkragen sie mit Worten kurz abthun?

Seinen Freund im Fremden sehen, das ist Dschami’s Tränke, ja!
Was ist hier denn fremde? nichts im Dasein als Er ist da.


Das edle Leben geht dahin, wir nehmens nicht in Acht,
Und keinen anderen Ertrag als Kummer hat’s gebracht.

Dass wir des Monds Gefährten sind, was haben wir davon,
Wenn wir ihm weiter kommen ab auf jeder Station!


Tubabaum dein Wuchs, die Lippe Kauthers Brunn, Huris die Wangen;
Wird der Paradiesesgarten nur von deinen Reizen prangen?


Dschami, gieb dir nicht vergebne Müh mit Redezauberei!
Jene zauberische Schönheit ist von deinem Zauber frei.


Wenn dich auf des Hauses Dache sieht der Mond, der nächtlich wache,
Macht ihn vor Beschämung bleich deine Wange sonnengleich.


Auf deinem Antlitz ist zu sehn der ew’gen Schönheit Feier,
Wo nicht als eine Scheidewand dazwischen tritt der Schleier.


Wer bin ich denn, um meinen Kuss auf seinen Fuss zu drücken?
O möge den Steigbügel ihm zu küssen mir nur glücken!


Wenn seine Lippe Perlen streut, werd’ ich von Kopf zu Fuss,
Der Muschel gleich, ganz Ohr, um einzusaugen seinen Gruss.


Gott, nach seinem Wangenmonde lass mir diese Lust vergehn,
Oder gieb einmal in jeder Woche mir ihn doch zu sehn!


Soll ich zum Entsagungsgaue wieder wandeln, da o Leiden,
Liebchens anmuthvolles Wandeln doch mir wird den Weg abschneiden!


Die Welt ist hell mir aufgethan von dir,
Die Schöpfung eine Rosenbahn von dir.

Ob Vollmond nie mein Haus erleuchten mag,
Voll Monds ist Fenster und Altan von dir.

Weil du im Herzensraube Meister wardst,
Nimmt Lehre jeder Abgott an von dir.

Wär’ auch dein Mund so mördrisch wie dein Blick,
Wem bliebe Lebensrettungswahn von dir?

O sag nicht stets: was spricht denn Dschami an?
Nichts als dich selber spricht er an von dir.


Mein Herz liegt im Geflechte deiner Locke;
Wer bliebe frei und dächte deiner Locke?

Die Herzen sind von diesem Strick gefangen;
Fangstricke sind die Mächte deiner Locke.

Die Knechtschaft deiner Locke giebt den Adel,
Drum gab ich mich zum Knechte deiner Locke.

Kein andrer Schleier ziemt der Rosenwange,
Als dieser Musk, der echte, deiner Locke.

Die Stelle deiner Lock’ ist überm Monde;
Hoch sind die Hoheitsrechte deiner Locke.

Ein Glückstag bricht für Dschami jeden Morgen
An aus der Nacht der Nächte deiner Locke.


Du bist der Mond, vor welchem sich die Sonn’ aus Scham verhüllt;
Du bist die Ros’, um die die Knosp’ im Schleier Weh erfüllt.

Mein Herz, dem tausend Thore Leids die Lieb’ hat aufgethan,
Durch keine Pforte will es doch entlassen seinen Wahn.

Es ist doch eines Schahs Beruf, das Reich wohl anzubaun;
Wie magst du nur des Herzens Reich so im Verfalle schaun!

Der Zügel der Geduld ist mir in dem Gelüst entgangen,
Zu des Fusskusses Glück wie dein Steigbügel zu gelangen.

O eile nicht so sehr zu gehn! wie soll das Leben weilen?
Doch eben weil das Leben ja du bist, musst du enteilen.

Bemühe nur die Lippe nicht mit Dank auf alle Grüsse!
Ein einziger Dank genügt, dass er ein hundert Grüsse büsse.

Scheint, Dschami umzubringen, dir ein gutes Werk, i nun,
So mach nur dass du nicht versäumst das gute Werk zu thun!


Verschleudre die Pfeile nicht allerwärts!
Genug zur Zielscheib’ ist dir mein Herz.


Jeden Morgen geh’ ich in den Garten, gleich dem Morgenwinde,
Ob ich einen Duft von dir bei neuerblühten Rosen finde.


Nehm’ ich von Fehl ein Härchen an deinem Gesichte wahr,
So werde das Gesicht mir dafür schwarz wie dein Haar!


Bald nahst du lieb mir Armen dich, bald bist du lieber fern geblieben;
Was dir beliebt und nicht beliebt, ich lass mir deinen Sinn belieben.


Wenn die Nacht kommt, o mein Abgott, tödtet mich ein Schwert von Gram,
Und das Leben kehrt mir, wenn im Morgenhauch dein Odem kam.


Wenn ich dich im Mesgid sehe (Seelenkibla deine Schau),
Wünsch’ ich den Altar im Rücken, und vor’s Antlitz deine Brau.

Im Gebet das Herz ist dir, der Blick der Kibla zugekehrt;
Auch den Blick dir zuzukehren, wäre mir das Glück gewährt!

Schone doch der Muselmanen, schau nicht um dich überall!
Denn der Andacht Ordnung kommt durch deinen Zauberblick zu Fall.

Dich vor Augen, wiederhol’ ich meine Niederwerfung hier;
Denn das Haupt empor zu richten, hindert mich die Scham vor dir.

Die Versammlung allerseits stimmt an der Lobgesänge Chor,
Aber deine leisen Wörtchen sag’ ich mir im Stillen vor.

Der Mueddhin ward in seinem Ruf zur Andacht irre, da
Er die Anmuth deines Wuchses, der Geberden Anstand sah.

Jeder auf der Unterwerfung Antlitz liegt an seinem Ort,
Doch auf Dschami’s bleicher Wange liegt der Staub des Gaues dort.


So sehr hab’ ich gewöhnt an deine Nähe mich,
O weh mir jede Stunde, da ich nicht sehe dich.

Ich starb in deiner Ferne; wo ist die Zeit hin, da
Den Glücksglanz deiner Wange mit jedem Blick ich sah!

Die Welt mit deiner Sehe, mit deiner seh’ ich sie;
Mein ist dies Aug’, im Auge bist du der Stern allhie.

Von deinem Glanze wurden mir alle Schatten Licht;
Geh ewig mir, o Sonne der Schönheit, unter nicht!

Seit du gingst wie der Schlummer vom Auge, welches quillt
Von Thränen, bleib in Wahrheit darin nichts als dein Bild.


Da es nicht mein Glück ist selber dir einmal zu nahn vertraut,
O so sprich ein Wort mit andern, dass ich höre deinen Laut!


O du Paradiesesvogel, könnte dich erreichen wer!
Des Verlangens Netze spreit’ ich, ob dein Flug dich trag’ hieher.


Wenn du deinen Schleier lüpftest, fällt Dschami in Sang und Schall,
Denn du bist der Schönheit Ros’, er deine Sängernachtigall.


Der Gemüthsruh Samen sät’ ich; doch das Traumbild deiner Brauen,
Eh die Saat mir grünte, kam, sie mit der Sichel abzuhauen.


Nicht dem Paradiesesgärtner ist die Kunst verliehn,
Zartestes Gewächs als deinen zarten Wuchs zu ziehn.


Freund feindselig, Himmel ungeneigt, Glück ungefüge;
Gott, wie da zu Stande bringen soll ich Liebesgnüge!


Deines Angesichtes Spiegel zeigt ein Bild der Seele;
Wozu dass man alle Bilder deiner Reiz’ aufzähle?


Da du so viel Zucker streust aus antwortfert’gem Munde,
Macht, mit dir Gespräch anknüpfen, eine süsse Stunde.


Zu weilen dir zur Seiten geht nicht an,
Und dich zu sehn von weitem geht nicht an.

Süss ist es, dich von Zeit zu Zeit erblicken,
Unsüss, dass es zu Zeiten geht nicht an.


Zur Blumenzeit im Felde, sieh, nicht Tulpen sind es, die da glühn,
Sind Feuer, die vom Staub empor Verbannter Herzverbrannter sprühn.


Dein Gehemnis sag’ ich nicht, um das mein Herz im Blute steht,
Wie aus hefereichem Fasse sich nicht Weinesduft verräth.


Dein Schmerz verliess mein Herz nicht, doch den Leib die Seel’; es traf nicht ein,
Was ich gesagt: aufgeben würd’ ich mit der Seele deine Pein.


Still wartend bracht’ ich Jahre zu im Staub an deinem Thor;
Der Geist ging mir vor Worten aus, du gingest nicht hervor.


Diese Rücksicht, die er nimmt was kann sie frommen meiner Brunst,
Da er mir gibt seine Blicke, und den andern seine Gunst!


In Gemeinschaft eine Seele schickt sich schlecht; o Herz von Stein!
Bald will er mit mir vertraulich, bald vertraut mit andern seyn.


Dass er mir unfreundlich ist, ist kein Verdruss, doch ein Verdruss
Ist’s, dass ich ihn mir zum Trotz mit andern freundlich sehen muss.


Dschami’s Seel’ ist im Gespräch mit Liebchens Bilde Nacht und Tag;
Wie natürlich, dass für andre nicht den Mund er aufthun mag!


Vor deinen Wangen haben die Götzen keinen Glanz;
So lang’ die Sonne scheinet, wo ist der Sterne Kranz?

Vor Gluth in hundert Stücke zersprang mein Herz, die nun
Im Seufzerhauch sich einzeln hervor als Funken thun.

Nun kann ich dir nur rathen, Herz, in Rathlosigkeit
Zu leben, da der Rath uns entgangen ist so weit.


Aussicht auf Bess’rung hab ich nicht; wo hätt’ ich sie? das Lieben
Ist herb, das Liebchen hart, das Glück unhold, wie sonst, geblieben.


Hätt’ unter Liebchens Fuss sein Haupt Dschami nicht hergegeben,
Wie dürft’ er unter Liebenden es nun so hoch erheben!


Von deinem Kummerkranken ist der Hauch noch übrig hier;
Nimm in Verwahr den Hauch! es ist sein letzter Hauch nach dir.

Ohn’ eines Worts Vermittelung frag mich: wie geht es dir?
Zu ewiger Barmherzigkeit Vermittlung gnügt das mir.


Tritt einmal nur, wo du wandelst, auf mein Haupt, und geh vorbei;
Denk, dass in den Weg gekommen dir Dorn oder Distel sei.


Wohin einsam ich mich wenden mag nach meiner Sonne Schein,
Kommt der schwarze Unglückswächter mir als Schatten hinterdrein.


Der Liebe Schweigsamkeit befreit von Frage mich und Plage;
Nicht mehr steigt wie in vor’ger Zeit zum Himmel meine Klage.

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