Aus dem Diwan Teil 2

Autor: Nur al-Din Abd Al-Rahman Jami
Übersetzung von: Friedrich Rückert, German German flag
Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft, 1848-1890


Antwortbrief

Nach dem Gruss will ich ein Zeichen meiner Liebeswehn dir reichen,
Doch all meine Worte reichen nicht zu eines Wehes Zeichen.

Dir zu schildern mein Verlangen ist das Buch zu End gegangen
Meines Lebens, doch gegangen nicht zu End’ ist mein Verlangen.

Trostlos wie ich bin, betreten darf ich selbst nicht deine Stäten;
Dieses Blatt hab’ ich gebeten, meine Stelle zu vertreten.

Welch Geschenk werd’ ich dir geben, wenn ich sehn dich darf, mein Leben,
Da ich längst mein baares Leben in der Trennung ausgegeben!

Betten willst du dich aufs Augenlid, wenn du mir kommst im Traum?
Wie darf ich darauf dir betten? nass von Thränen ist sein Saum.

Nicht die Enge meines Herzens ist ein Ort für solchen Zarten;
O wie schön, wenn du lustwandelst auf des Auges luft’gen Warten!

Von der Herzlichkeit Gefilde strömt der Ausfluss deiner Milde,
Sendet Heilung, spendet Kühle, meiner Krankheit, meiner Schwüle.

Nicht zur Antwort deinem lieben Brief hat Dschami dies geschrieben;
Nur dem Boten deines Thores hat er sich zum Dienst verschrieben.


O dein Wunderreiz, dem Schönheitsgarten Frisches giebt er,
Böses Auge sei dir ferne, du o Weltgeliebter!

Bist du Huri oder Engel? sag’s in Gottes Namen!
Denn nicht solche Lieblichkeit umfasst der Menschheit Rahmen.

Deinen Schwertstreich, nicht bedarf’s dass ihn ein Pflaster hefte;
Denn für unsre Herzenswunden hat er Pflasterkräfte.

Dein ist schon das Herz, zu nehmen wird es Kunst nicht brauchen;
Warum willst du dich geberden? warum Zauber hauchen?

Gieng die Huld des Himmels aus, der Schaden ist gelinder;
Deine holde Grausamkeit nur werde niemals minder!

Wir Verirrten auf des Kummers breiter Wüstenstrasse,
Schwerlich finden wir den Weg zu der Entkümmrung Gasse.

Deinen Hunden aufzuwarten mag nicht Dschami taugen;
Wie denn käm’ ihm zu, mit dir vereinten Hauch zu hauchen!


Du mit dem Auge der Weltenbethörung,
Winke doch einem Erkrankten Erhörung!

Immer zu zielen auf uns ist gezogen
Dir zu dem Ohr von den Brauen ein Bogen.

Irgend was andres hat dir zu Befehle
Jeder zu stellen, und ich nur die Seele.

Ich, als ein Hündchen zur Schwelle gekrochen,
Bin dir zufrieden mit wenigen Knochen.

Wie ist der Faden der Liebe zu finden,
Ohne dich, zarte Gestalt, zu umwinden!

Dschami, du hast von den Lippen und Wangen
Höhere Kund’ und Erleuchtung empfangen.


Da mein Arm zu deinem Wipfel sich, o Zeder, nicht erkeckt,
Wünsch’ ich mich zu deinen Füssen als dein Schatten hingestreckt.


Stündlich sei mein Herz belohnt mit einem Kränkungspfeile;
Ich bin deinen Schmerz gewohnt; wie sucht’ ich denn nach Heile!


Des Heiles Perle suche nicht beim Rosenkranzabbeter;
Denn dieser Perle Muschel ist die Hand der Keltertreter.


Ich fürcht’, es werde einst, wo kommt ein Prüfstein der Gemüter,
Der Schenke Schlemmer schlechter nicht bestehn als Klosterhüter.


Das blaue Kleid

Seht um jenen Silberbusen das Gewand von Indigo!
Trug schon eine Lilie das Kleid der Wasserlilie wo?

In des Himmels Blau ist nie ein Mond erschienen diesem gleich,
Dem der himmelfarbne Mantel angemessen wäre so.


Dschami’s Lustmass ist nun vollgemessen durch des Freundes Huld;
Wenn ers durch Versäumnis misset, mess’ er selbst sich bei die Schuld.


Da ein Leidgenuss mir fehlet, welchem sei mein Leid erzählet,
Will ich bald an Medschnun denken, bald den Sinn auf Ferhad lenken.


Deine nächt’ge Lock’ ist Leila, die mein Herz zum Medschnun hat;
Deine süsse Lipp’ ist Schirin, und mein Geist ist ihr Ferhad.


Gegen herzverstockten Gegner Zungenwehre wird zum Heile
Nicht gereichen; hartem Stahle thut nicht weh die weiche Feile.

Schmiegsamkeit und Schmächtigkeit mass’, o Zipresse, dir nicht an;
Nur des Freundes schmächt’gem Wuchse schmiegt dies Kleid sich zierlich an.


Ich kam in Herzeleid, weil ich Verliebter Leiden übel nahm;
Rathgeber, thu’ es dir zu Lieb’, und nimm nicht übel meinen Gram!


Wenn der Paradieses Gärtner sich auf Weines Werth verstand,
Hätt’ er dessen Stock gepflanzet um der Himmelsquelle Rand.


Der dünne Faden des Leibes

Meiner Seele Vogel wäre jenem Korn, dem dunklen Maal,
Zugeflogen, hielt’ ihn nicht vom schmächt’gen Leib ein Fädchen schmal.


Will mein Herzgebieter Boten, mir den Tod entbietend, senden,
Geht das Herz entgegen meilenweit, das Leben auf den Händen.


Sieht der Engel deine Schöne, zehn Unschuld’ge magst du dann
Tödten, und nicht eine Schuld schreibt er im Tagebuch dir an.


Wie das Rohr der Flöte, leer vom eignen Kerne,
Deine Hausgenossenschaft erlangt’ ich gerne.


In der Stadt des Herzens deine Liebe macht
Tags die Polizei; die Hunde bei der Nacht.


Dschami’s Gaumenbitterkeit verstehest du alsdann vielleicht,
Wenn dir reicht des Trennungsbechers Hefen einer, der dir gleicht.


Verträglich wie Milch und Zucker, ein Sprichwort

Warum wie Milch und Zucker bist du mit andern gut,
Und bist mit mir zusammen wie Feu’r und Wasserflut!


Käufer dir zu werden ist die Welt geneigt,
Weil in Schönheit du wie Joseph dich gezeigt.


Der du dich der Gottesmänner Sitte rühmst, ich bitte,
Rühm’ dich nicht so sehr! das ist nicht Gottesmänner-Sitte.


Die mystische Locke (Siwa’s)

Zu deiner Locke sprach der Kamm: O wie zu jeder Frist,
Wie kommt’s, dass du so herzverwirrt und sinnverworren bist!

Zu deines Zustands Sammlung ist dies Kapital der Ruh
Dir nicht genug? im Schutze bist du des Mondantlitzes du!

Sie sprach: Ach ja! allein so geht´s, der Trug von Nacht und Tag
Macht, dass ein Herzbehagen man vertauscht mit Unbehag.


Araber ist mein Geliebter, Koreischite von Medin’;
Seiner Liebe Schmerzensfülle meiner Freuden reichste Min’.

Er Arab’ und ich Barbare, seinen Sinn versteh’ ich nicht;
Rühmt’ ich seiner Liebe mich? Er Koreischit’, ich Habessin’.

Ich dem Sonnenstäubchen ähnlich tanz’ im Taumel seiner Lust,
Seit den Himmelsgegenden bekannt ist seine Sonnenmien’.

Sei er hundert Rasten weit von meinem Blick, kein Morgen doch
Schien, kein Abend, wo er strahlend nicht vor meinem Blick erschien.

Frag’ um seines Liebeweines Eigenschaft mich Trunknen nicht!
Den Geschmack bei Gott begreifst du ehr nicht als du schmeckest ihn.

Nicht gedient ist mit Ersattung mir von dieser Lebensflut;
Gott verdopple jede Stunde mir den Durst, den er verliehn!

Dschami, alle Treuen gehen seiner Liebe Pfad; dein Haupt
Falle, wenn den Fuss du kannst zurück von seinem Pfade ziehn!


Dschami, hohes Lustschloss hat dein Herzensschach;
Höher musst du stimmen deines Schmerzes Ach.


Süss ist Wein, aus eines vierzehnjähr’gen Mondes Händen,
Der als Zugab’ einen Kuss dir zum Confect will spenden.


Schweif und Anhang eines Reuters ist sie, die von hinnen zieht,
Meine blut’ge Thräne, die man also ziehn und schweifen sieht.


Einen Kuss im Traum hab’ ich von deinem Rosenblatt genossen;
Von der Süssigkeit ist meiner Lipp’ ein Blätterchen entsprossen


Vertröstung

Der Glanz ist da des Festmonds, der Fastmond ist dahin;
Bring Wein, worauf vertröstet ich von der Busse bin!

Nun trink nur und Befleckung von Sünden scheue nicht!
Nahm doch Zucht eines Monats Schuld eines Jahres hin!


Befriedigung

Für einen Kuss auf Borg hat er mein Herz genommen;
Wann werd’ ich zur Befriedigung des Borges kommen!


O Morgenvogel, stellst du nie dein Stöhnen ein und Klagen?
Zu klagen hast du wessen Schmerz? und wessen Weh zu tragen?

Wenn du nach Rosen Sehnsucht hast, heb wie die Nachtigall dich,
Ergehe dich in Wonneschau bei Frühlingsrosenhagen!

Hat wie die Turtel dich bethört die wallende Zipresse;
Was machst du hier? was hat hieher vom Garten dich verschlagen?

O nein, o nein, ich irre mich, du trägst ein Leid und Weh auch
Von jenem Mond, der wie die Ros’ abzog im Reisewagen.

Die Kummerschrift der Trennung bind’ ich dir an Schwing’ und Flügel,
Gieb Acht, zu seinen Hütern fein sie wohlbewahrt zu tragen!

Auch ich wie du bin herzverbrannt vom Brandmal der Verbannung;
Dich bitt’ ich, wenn du dorthin kommst, ein Wort von mir zu sagen.

Wenn er um Dschami’s Kunde dich befragt, gieb den Bericht ihm:
Zu Boden warf ihn deine Flucht in tausend Gram und Zagen.


Einig sind, seit du erschienest, Schönheit ohne Mängel,
Glaubenlehrer über Menschen-Vorrang vor dem Engel.


Werd’ nicht wie ein Geist unsichtbar! ohne dich, was zähl’n wir dann,
Da du bist der Männer Auge und des Auges kleiner Mann!


Wenn die Sage deiner Locken durch den vierten Himmel geht,
Thut der Kopf weh dem Messias von der Engel Chorgebet.


An des Beters Rosenkranz die Perle Demut fehlt;
Tausendmal hab’ ich die Körnchen einzeln durchgezählt.


Die metaphysischen Theilchen

1.
Da ohne Zweifel jener Mund das untheilbare Theilchen ist,
O Seele, sage, wie du sein untrennbar Theilchen worden bist!


2.
Tausend Theilchen durch dein Zornschwert ward mein Herz, und jedes Theil
Ist ein untrennbares Theilchen deiner Sehnsucht, o mein Heil.


Meiner Treue baare Münze wirst du immer reiner finden,
Lässest du mich hundertmal am harten Stein die Prob’ empfinden.


Dem Weltlicht einer Sonne gib zum Pfand dein glühend Herze!
Was brennest du als Schmetterling am Hauslicht einer Kerze!


So in Sehnsucht schmolz dir Dschami, dass in seinem Herzen man
Deiner Lippen Liebesbild wie Wein im Glase sehen kann.


Deine Liebe fasst mich von sechs Regionen,
Machen will sie mich zur Schmach der sieben Zonen.


Für den Glückschein dieses Mondes deiner Wangen
Sei ein eigener Kalender angefangen.


Willst du dass mein Auge deine Gunst bezahle?
Voll von Silber kann es machen Berg’ und Thale.


Andre denken in der Nacht auf Lust, und Dschami sinnt allein:
Wie fang’ ich es morgen an und sehe jene Seelenpein!


Gram, in Finsternis der Trennung, noch ein Weilchen tödt mich nicht!
Etwa bringt des Freundes Wange dieser Nacht ihr Morgenlicht.


Von dir fern am Leben bleiben, ist nicht rechte Treue;
Und dich wieder anzublicken fühl’ ich Scham und Scheue.


Aus den Augen kommt mir meines eignen irren Herzens Wehe,
Da ich überall von Liebesschmerz ein Herz in Nöthen sehe.


Da ich deinen Wuchs im Garten nicht erblicke, will ich gehn,
Ihm zu Ehre die Zipresse und die Pinie mir besehn.


Dschami, deines Odems Hauche geben Rosenruch
Ueberall wo du entfaltest knospengleich dein Buch.


Leben mehr als hundert Todten gab dein Hauch; was Wunder nun,
Wenn du selbst wie der Messias Anspruch machst auf Wunderthun!


Such den Edlen zu gefallen! was zu Lieb’ unedler Schaar
Schleppst du dich aus List und Heuchelei mit Kopfbund und Talar!

Wirf die dunkle Kutt’ in’s Feuer, wähle den geklärten Trunk!
Denn der Wein ist für Geweihte, für Gemeine Kleiderprunk.

Du bist Paradiesesadler; nicht geziemt es deiner Schwinge,
Ringen nach des Widhopfs Kron’ und nach der Ringeltaub’ Halsringe.

Nicht nach Mängeln in des Daseins Bildersaale spähe du,
Sieh dem Kreisen nur des Zirkels und dem Gang des Griffels zu!


Enthoben soll hinfort mein Herz der Schulen Klingklang sein;
Im Weinhaus will ich wohnen und du sollst mein Singsang sein.


Deine Locke scheucht mit Pfauenwedel
Von dem Zucker deines Munds die Fliege.


O wie manche Nacht durchwacht mein Schreibestift,
Sinnend über deines Bartes Ambraschrift!


Dem Schützen

1.
Der Mond als goldner Bogen kommt von Zeit zu Zeit gegangen;
Er möchte gern, mein schöner Schütz’, an deiner Seite hangen.


2.
Was, um Liebende zu tödten, deinen Arm beschwerest du
Mit dem Bogen? reicht vom Winkel deiner Brau’ ein Wink doch zu.


Heimlich möcht’ ich dass ich hehle deine Liebe wie die Seele;
Ha was wär’ es, wenn die Zähre nicht ein solcher Plaudrer wäre!


Wie nur das Geschwätz der Laurer deines Ohres sich erfreute!
Besser hörtest du mein Leid an, als das leid’ge Wort der Leute.


Alles ausser meinem Freund aus meinem Busen wandre!
Ist wohl im Harem des Schach’s ein Wandelort für andre?


Die Seele geht mir aus vor Weh, mein Seelchen geht zu andern;
Ich geh zu Grund, mein wandelndes Zipresschen geht zu andern.

Wie kann mich seine Freundlichkeit befriedigen? ich sehe,
Dass nur auf mich sein Auge, sein Gedanke geht zu andern.


Blut will ich auf seinem Wege weinen, bis im Blute roth
Seines Rosses Huf versinket wie der Mond im Abendroth.


Morgenwind, ich finde bei dir einen Duft von Einem!
Werd’, um Gott, zur Würze keinem andern Hirn als meinem!


So ist meine Eifersucht auf dich, dass, könnt’ es nur geschehn,
Ich dein Bild in Anderer Einbildungskraft nicht liesse gehn.

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