Aus dem Diwan Teil 4

Autor: Nur al-Din Abd Al-Rahman Jami
Übersetzung von: Friedrich Rückert, German German flag
Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft, 1848-1890


Alle schönen Götzen sind gewandt im Raub der Herzensruh,
Unter ihnen allen aber kein gewandter so wie du.


Reiseführer, setze nicht den Zug in Trab!
Meine Thränen schneiden heut den Weg euch ab.


Was kann vom zerrissnen Herzen solch ein Wildfang wissen,
Der wie du sich nur den Saum der Kleider hat zerrissen!


Ist ins Garn gleich alle Welt – so schön bist du – gefallen,
Keinem doch ist zugefallen, was mir zugefallen.


Vor die Füsse fiel das Herz mir, und der Leib zu Boden;
Solche Unglückslose sind mir Nu um Nu gefallen.

Ueberall hat deiner Schönheit Blitz geleuchtet, aber
Jeder Strahl ist in den Speicher meiner Ruh gefallen.

Andre traf dein Streich, vor Neid darüber starb ich, Wunder!
Dort ist das Geschoss, und hier das Wild dazu, gefallen.


Mag die Lamp’ im Winkel sitzen! denn vor deinen hellen Wangen
Heute Nacht ist meine Zelle ganz in Mondschein aufgegangen.


Sei mir kein Leben ohne dich gegeben,
Wenn ich kann wünschen ohne dich zu leben!


Rautenkörner brennt man gegen Zauber

Dein Angesicht ist lauter Mondenglanz,
Das dunkle Maal darauf ist reizend ganz.

Vor bösem Auge bist du wohlbehut:
Das Rautenkorn liegt auf des Feuers Glut.


Wirret ihr mich nicht noch erst mit gutem Rath!
Wirr genug ist schon mein Zustand in der Tath.


Wenn du nichts rechtes weisst, sag etwas letztes!
Nach einem Wörtchen lechzt mein Ohr; o letz’ es!


Tausend Wunden alt sind mir von deinem Schwert am Herzen;
Komm! kein Balsam ist dafür als neuer Wunde Schmerzen.


O komm zu mir! denn ohne dich wohn’ ich im wüsten Schlosse.
Was hilft ein Haus mir, wo der Freund nicht ist mein Hausgenosse!


Wie von deiner Unhuld soviel Hartes auf mich dringet ein,
Da gebührt es, meinen Leib zu machen, wie dein Herz, von Stein.


Spiele mir nicht immer an auf schöne Stadtaufrührer!
Denn von aller Welt bist du mein einz’ger Herzverführer.


Bald in meinem, bald in meines Nebenbuhlers Schoosse;
Nur in deinem Schoosse ruhn des Glücks und Unglücks Lose.


Dessen ew’ge Hand gezogen dieses Bartes Muskusstrich,
Himmel, welche Wunderzüge seiner Feder zeigen sich!


Aus der Kette willensfreier Herzen ausgestossen sei,
Wer sich hält von deiner Locken ungezwungnem Kräuseln frei.


Ziehst du das Schwert, so reiche mir die Hand dabei zum Kusse,
Und mit dem Handkuss abgethan hast du des Blutes Busse.


Weil den hohen Werth des Glückes deiner Näh’ ich nicht erkannt,
Dafür ist mein Lohn, dass du der Trennung Maal mir eingebrannt.


O du, von welchem Weh und Leid mir liebe Herzgenossen sind,
Gelind sind alle Härten mir, die deiner Hand entflossen sind.


Was mit des Herzens Blute soll ich schreiben auf der Wangen Blatt,
Da hier des Herzens Züge dir im Busen unverschlossen sind!


Bei solcher Wange wie du trägst, was soll der Rose Sage;
Und da mein Ach du hörtest, was will Nachtigallenklage!


Der bedenkliche Rubin des Mundes

Das baare Leben geben für deinen Kuss wir hin;
Was hat noch für Bedenken beim Handel dein Rubin!

Vögeln, die im Liebeswirtshaus sich genistet ein,
Dünkt kein Korn und Wasser besser als Konfekt und Wein.


Baumwolle als Propf

Lass dir wie der Flasche ziehn die Baumwoll’ aus des Geistes Ohr,
Dann verstehst du das Geheimnis welches klagt aus Sait’ und Rohr.


Unter deinen Wänden klag’ ich alle Nächte, bis es tagt;
Trit in einer Nacht auf den Balkon und frage, wer da klagt!

Nur im Traum dein Angesicht zu sehn wünscht alle Welt indes,
Bis beschieden ach dies Glück seyn wird den wachen Augen wes?

Krank alswie dein Auge schmacht’ ich; wär’ es dir nicht unbequem
Auch einmal mit einem Blicke mich zu fragen: krank von wem?

Sänger, füg’, um Gott, den Namen Dschami’s diesem Lied nicht bei;
Denn mein Mond wird es nicht hören, wenn er hört, von wem es sei!


Vom Freunde nimm den Schwertschlag hin, o Herz, von Lust berührt;
Sieh nicht das Schwert an, sondern sieh die Hand an, die es führt.


Anfangs warest du alles, und alles zuletzt bist du wieder;
Was denn mit Daseyn will prahlen dazwischen die Welt?


Hinterm Knie des Kummers lehn’ ich, ob er lehn’ am Kniee wem?
Zu ihm ziehet mein Gemüt, ob sein Gemüt zuziehe wem?

Auf des Kniees Scheibe blickt’ ich wie in einen Spiegel, ob
Jetzt mein Mond sich, wie ein Spiegel, Aug’ in Auge liehe wem!


Wenn er hier lustwandelnd schreitet, dort spazieren reitet;
Welche Ros’ ist es die reitet, welcher Baum der schreitet!


Mir träumte gestern deinen Mund zu küssen, o des Wahnes,
Auf deiner Lippe seh’ ich heut die Spur noch meines Zahnes.


Ach, ein Herzensräuber, den ich kenn’, ich sage nicht, wers ist;
Ob man mir das Haupt vom Rumpfe trenn’, ich sage nicht, wers ist.

Der, vom dem getrennt hernieder brennt mein Herz der Kerze gleich,
Ob von Kopf zu Fuss man mich verbrenn’, ich sage nicht, wers ist.

Ob mein Busen durch die Thräne ward ein Meer, von Flut berannt;
Welcher Perle nach die Meerflut renn’, ich sage nicht, wers ist.

Viele Schöne gehn vorm Auge mir vorüber, einer nur
Wohnt im Herzen still verborgen, denn ich sage nicht, wers ist.

Bittres Leid erregt ein Süssgelippter mir; was soll ich thun?
Nie wird dieses Leid sich legen, wenn ich sage nicht, wer’s ist.

Falsch und treulos schalt den Dschami jüngst der Freund, doch Dschami sprach:
Falsch und treulos! ob ich wohl ihn kenn’, ich sage nicht, wer’s ist.


Die Stadt des Nichts ist dem Derwisch zur Wohnungsstätte genug,
Des Hausgeräthes Entbehrung zum Hausgeräthe genug.

Und fehlt zum Lager ein Teppich, gestreift von Farben, so ist
Die eigne Seite gestreifet vom harten Brette genug.


In der Schule deiner Liebe sitzt, wie viel er sonst versteh,
Der Verstand als wie ein Knabe, der nicht kennt das A vom B.


O sieh den Dünkel des Mannes! die Wege lehrt er uns gehn,
Und hat von Pilgern des Weges nicht Fuss noch Stapfe gesehn.

Nie aus sich selber gethan hat er einen Schritt oder zwei,
Doch hat er einen Bekannten aus Rum und einen aus Rei.


Schenke, thu den Deckel auf des Kruges an des Tigris Bord;
Schwemme die Unsauberkeiten Bagdads aus dem Sinn mir fort.

Leg’ ein Siegel vor dem Mund durch den gefüllten Becher mir;
Denn von hies’gen Landgenossen ist nicht einer werth ein Wort.


An des Schahes Goldstreifpolster soll mein Sinn nicht streifen!
Meinem nackten Leibe gibt die Binsenmatte Streifen.

Durch die Schmeichelhand des Weltglücks werde nicht zum Thoren,
Denn es hat des Unglücks Faustschlag hinter deinen Ohren.

Leg den Stein dir untern Kopf und ruhe sanft! nicht ohne
Kopfweh für den Herrscher ist die schwergesteinte Krone.

Was der Schach sucht’ und nicht fand im weiten Herrschaftshause,
Findet ungesucht der Bettler in der engen Klause.

Wer auf seines Hochsinns Prüfstein mag als gleich erproben
Gold und Erz, ist alchimist’scher Künste überhoben.


Kommt die Zeit bald, wo man Himmels Goldgehäng’ enthängen wird,
Von der Sonne Liebesfaden Erdenkugel drängen wird!

Wo, weil all des Kreisens Eintrag Schwindel bleibt, am Reisepack
Im Azur man Sternenglöcklein reissen von den Strängen wird!

Kette ward den Liebenden des Daseyns Harmoniegewind;
Heil der Stunde, wo der Wahnsinn seine Ketten sprengen wird!

Denn wie kann das Herz die Hand hier legen an des Wunsches Saum,
Wenn ihm selbst Verstand und Wahn stets an den Saum sich hängen wird!

Dschami’s Seelenvogel wird sich schwingen aus dem grünen Nest,
Wann kein irdisch Band mehr seines Fittigs Schwung beengen wird.


Eh die Kerze deiner Wangen leuchtend aufgegangen ist,
Werden Vögel starker Schwinge deine Schmetterlinge seyn.

All sobald des Frühtrunks Becher hat dein Lippenrand gewürzt,
Werden deines Becherrandes Fliegen alle Seelen seyn.


So ist Nachts von Herzensglut das Haus mir voll in allen Ecken,
Dass ein Nachbar, wenn er will, kann aus dem Fenster Licht anstecken.


Wenn zur Rosenzeit ich ohne dich zum Garten gehe, kaum
Thu’ ich einen Schritt, so hängt mir rechts und links ein Dorn am Saum.


Gar um deiner Wange Kerze wagt mein Herz zu kreisen nicht,
Da es schon so viel verliebte Seelen flattern sieht ums Licht.


Aufs Knie des Kummers stütz’ ich mein Haupt, und mancher denkt,
Mein Sinnen sei, wie seines, auf ein Geschäft gelenkt.


Im Geschäft der Liebe ging der Jugend Zeit mir hin, und noch,
Obschon alt geworden, halt’ ich mich zu dem Geschäfte doch.


Eng ist dem der Tempel, wer in deinem Gau darf weilen;
Von der Kaaba bis zu deinem Gau sind tausend Meilen.


Unser Fuss ists, der aufs Haupt der Welt um deinetwillen tritt;
Auf der Königsstrasse deiner Lieb’ ist das der erste Schritt.


Deine Lipp’ auf meinen Mund, so lass dirs kurz bescheiden;
Denn zu lang ist die Erzählung meiner langen Leiden.


Vom Krieg und Frieden mit der Welt hat mich dein Gram befreit;
Ich habe weder Lust zum Bund mit wem, noch Lust zum Streit.


Niemals kürzt die Sage sich von deiner Locke Säuseln,
Bis zum jüngsten Tage wird sich die Geschichte kräuseln.


Nachttrunk ist nicht werth des Schwindels, der um Tagesanbruch lauscht;
Wohl dem Trinker, den der Morgentrunk der Ewigkeit berauscht.


Eine Rauchpfann’ aus Smaragd ist jede Knosp’, in welcher glüht
Rosenfeuer, zu verbrennen einer Nachtigall Gemüt.


Die feinste Schönheit, ein Härchen und ein Nichts

Schmuckester der schief Behaubten,
Um ein Haar legst du den Gürtel,
Deines Leibes Mitt’ ist das.
Lieblichster der Zuckerlipp’gen,
Nur von Nichts sind deine Reden;
Ist dein Mund denn irgend was?


Halte deine Liebenden in Ehren;
Schahes Ruhm beruht auf seinen Heeren.


Für uns das Maass des Lebens ist deines Umgangs Frist;
Ach wie das Maass des Lebens so kurz gemessen ist!


Das arme Herz hat nicht gewünscht vom Freunde sich zu trennen;
Was hilfts? das Schicksal will kein Recht dem Wunsche zuerkennen.


Aus den Augen schied der Freund, doch Tag und Nacht ist er mir nah;
Wenn er ist abwesend leiblich, aber geistig ist er da.

Wo der Freund zugegen, ist es Sünde schauen hin und her;
Herz, sei einmal recht zugegen! denn der Liebste schauet her.

Mein Gemüte fühlt allein mit seiner Liebeslast sich leicht,
Weil ja alles ausser Liebe Liebenden zur Last gereicht.

Seit der Liebesbettler schmeckte der Geduld und Dankbarkeit
Süssen, ist er deinem Groll geduldig, dankbar deinem Leid.

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