Aus dem Diwan Teil 5

Autor: Nur al-Din Abd Al-Rahman Jami
Übersetzung von: Friedrich Rückert, German German flag
Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft, 1848-1890


Trink, Dschami, Kummers Hefen wohlgemuth!
Denn uns bekommt die lautre Lust nicht gut.


Wamik und Adhra

Die Liebe Wamik’s fand Entschuldigung genug
In einem Schönheitsbrief, den Adhra’s Wange trug.


Schlimm geht es mir in deiner Liebe Leiden;
Das Herz, es schied, das Leben will nun scheiden.

Fragst du nach meiner Brust? sie ist voll Schmerzen;
Nach meinem Aug’? in Thränen sind die beiden.


Kreuzt dem alten weisen Meister deine Liebe so die Bahn;
Wer verargen darfs den Jüngern, die erst Weisheit streben an!


Setze den Fuss in den Garten, wo nun im Entsprossen das Grün ist,
Und zu Fusse dem Freund Blüthen ihr Silber verstreun.

Hab’ an Nachtigallensange deinen Festbedarf;
Trinke nicht bei Lautenklange! denn der Vogt ist scharf.


Es giebt wohl tausend Liebchen, mein Hort ist doch nur eins;
Haut mich in hundert Stücke! mein Wort ist doch nur eins.

Wohl jedem seiner Schritte möcht’ ich ein Opfer weihn;
Ich bin beschränkt an Mitteln, nur Eine Seel’ ist mein.


Der Mond ist eine Nachtlamp’ und dein Antlitz Mittagsblendung;
Wie könnt’ er Anspruch machen auf Erfüllung deiner Sendung!

Ich tröste dich, verhiessest du, dereinst mit Hulderweisung.
Seit ew’ger Zeit getröst’ ich schon mich dieser Huldverheissung.


Keinem zeige deine Wangen, in den Spiegel blick hinein!
Denn zu schaun dein Schönheitsprangen ist dein Auge werth allein.

Aus Verlangen deines schlanken Wuchses, o Zipress’ im Raum,
Wohnt der Paradieseshüter ewig unterm Tubabaum.


Jede Rose, die entsteigt aus Medschnun’s Gruft,
Mischt in ihre Wohlgerüche Leila’s Duft.


So zehrt ab mich der Kummer in jeglicher Nacht, dass am Morgen
Zweifeln die Leut’, ob ichs oder ein anderer sei.


Fern von dir, in Gluth versunken, ist mir aus des Frühlings Hand
Jede Ros’ ein Feuerfunken, jede Tulp’ ein Kohlenbrand.


Wenn am Weinduft deiner Lippe seinen Wunsch der Becher stillt,
Wird mein Auge selbst ein Becher, den der Neid mit Blute füllt.


Freunde, meine Seele brennt; wie lange soll ich führen
Eine Höll’ im Busen, welche Himmelsreize schüren!


Ein solches Brandmal trag’ ich deiner Schmerzen,
Das macht entbehrlich Brandsalb’ einem Herzen.

O scherze nicht: “ich will dich nicht mehr brennen!”
Bei meinem Schmerz! auch dieses macht mir Schmerzen.


In Verbannungsöden denk’ ich, wie die gut es haben,
Die im Garten sich an dir, an solcher Rose, laben.

Klag’, o Nachtigall, verbannte, dass der Schauplatz deiner
Liebesglut ein Tummelplatz geworden ist für Raben.


Geh zum Garten, wann die Luft ist mild und frisch ums Morgenroth,
Und vom linden Thau der Nacht der Weg ist weder Staub noch Koth.


Erspar’, o Wolke, dir die Müh an Bachesrand zu schatten,
Wo ihre Schatten Moschusweid’ und Oleander gatten.


Warum ist roth die Tulpe, die der Beete Rand verbrämt?
Weil vor der vollen Rose sie des leeren Kelchs sich schämt.


Der Zweck von meiner Liebe zu dir ist Gramgenuss;
Sonst gäb’ es unterm Himmel ja Freudenüberfluss.

Wohl auf dem Tisch der Schönheit steht Lust und Wonne gnug;
Die Speise des Verliebten von all dem ist Verdruss.


Deiner Gunst will ich mich freuen, lang sei oder kurz die Frist;
Weltherrschaft ist mitzunehmen, wenns auch nur ein Weilchen ist.


Ein Augenblickchen froh mit dir, und eins mit deinem Angedenken;
Zwei Augenblicke wollte mir als Lustertrag dies Leben schenken.


Ists ein Wunder, wenn mich deiner Liebe Gram zu Boden drückt?
Lieb’ ists, unter der der Himmel selber sich zur Erde bückt.


Gieb mir schnell noch ein paar Becher Wein, ich bitte!
Denn von mir zum Rausche sind noch ein paar Schritte.


Wie verdross dich meine Nähe, und die deine reizte mich!
Nun bekümmert mich die Ferne; sage, was bekümmert dich?

Im Heiligthum des Staubes deiner Thür will Dschami weilen;
Er ist ein Reh des Weihbezirks, o schiess ihn nicht mit Pfeilen.


Ein Silber von Gewand umhüllt, das ist der Leib, wie fremde!
Vorm Busen ein Jasminenblatt, das ist das ganze Hemde.

Die zarten Glieder schimmern durch das Hemd’ als ob die Fluth
Des Wassers zeig’ im Widerschein Jasmin und Rosengluth.


Die Mütze schief, den Gürtel tief, wie er an mir vorüberzog,
Ein Leben zog vorüber, doch steht mir das Bild vorm Auge noch.


Kann ich je denn jenes Antlitz auch beschauen nach Gebühren!
Tausend Klagen muss ich über meine dumpfe Seele führen.


Mein Herz in grauen Haaren folgt einem jungen Blut,
Das nun im Schönheits-Garten als Zweig hervor sich thut.

Seit Platz in meinem Herzen genommen hat sein Traum,
Ist mir ein Traum geworden der ganze Weltenraum.


Ein Baum, der Früchte trägt, hat nie vorm Stein der Buben Frieden;
Wer leere Hände hat, ist frei wie die Zipress’ hienieden.


Aus dem Stoff der Dauer schnitt der Himmel keine Schürze;
Leben ist ein prächt’ges Kleid, sein Fehler ist die Kürze.


Durch den Duft von Ros’ und Wein ging Herz und Heil mir in den Wind;
Morgenluft, du siehst nun, was die Folgen deines Wehens sind!


Wie, Frühlingswolke, soll die Huld dir danken das Gefilde,
Wo alles ist, ob Ros’ ob Dorn, ein Pflegkind deiner Milde!


Fürst der Schönheit, dem zur Weihe sich der Herzen Blut ergoss,
Wo ein Haupt sich findet, ist es Staub im Wege deinem Ross.

Prang’ einher auf deinem Renner! vor des Ritts Gefahren ist
Im Gebet für dich begriffen rings ein herzverbrannter Tross.


Fassung, Geist, Bestimmung zogen; Klage, Herz, nicht schweige du!
Wenn die Karawane ziehet, kommt der Glock’ ihr Tönen zu.


‘s ist Fest, und einen Festschmaus wünscht bei Freunden jeder nun;
Mein Fest sei und mein Festschmaus, einen Blick auf dich zu thun.


Für das Saatfeld meines Lebens, scheint es, kommt die Zeit der Ernte,
Da mein Leib von deiner Braue sich zur Sichel krümmern lernte.


a.
Auf jenen beiden Wangen sieh des Lichtreichs vollen Glanz gegründet,
Von wannen alle Schönen sich ihr Schönheitslämpchen angezündet,

b.
Auf jene beiden Wangen sieh den Schönheitskoran ganz gestickt,
Von wannen alle Schönen sich ihr Schönheitsverschen abgespickt.


Meiner Zähne Reihe weist die Lücke der Verödung, doch
Such’ ich meinen Wunsch von Lippen engemundiger Knospen noch.


Du, von dessen Schmerzgewalten ist entzwei mein Herz gespalten,
Sei dein Herz nicht mir zwiespaltig! denn mein Herz bleib dir einfaltig.


Einen Athem will ich athmen ohne dich; wie fang’ ichs an?
Ja du bist die Seele, ohne die der Leib nicht athmen kann!


Die Nachtigall, der alles, was von Rosen kommt, behagt,
Es kommt ihr nicht die Klage zu, wenn auch der Dorn sie nagt.

O Dschami, klage nicht, wenn dir vom Freunde Kränkung kommt;
Kein Freund, wie er soll sein, ist, wer um Freundeskränkung klagt.


Dschami, auf einer Pilgerfahrt nach Jethreb (Medina) gezwungen,
in Bagdad zu verweilen, verwünscht es ungeduldig

An des Tigris Schossse, fern von Freund und Heimath, hoffnungslos,
Füllt mit einem blut’gen Tigris heisse Thräne meinen Schoss.

Bagdad, wie der Boden meiner Augen, wird ein Meeresgrund,
Wenn mein tigrisström’ges Weinen mit dem Tigris schliesst den Bund.

Hätte das Verlangen Jethreb’s nicht von mir den Zaum genommen,
Wär’ ich in die Wüste Bagdad wohl freiwilig hergekommen?

Keine Bucht der Gnad’ ist dieses, eine Dornenschlucht des Zorns,
Die ein fühlend Herz nur fühlen lässt die Wunden seines Dorns.

Aufbruchszeit ists; lade Sack und Pack der Fracht, Kamelbelader!
Denn wie lange soll mein Herz hier noch belasten ein Bagdader!

Reis’ ersehnend, stündlich rennet mir die bleiche Wang’ herab,
Gleich rothhaarigen Kamelen, heisser Tropfenblut’ger Trab.

Krumm in Wüsten wird der Rücken, wie dem Himmel, dem Kamele,
Wenn auf ihm wird Dschami reiten mit den Lasten seiner Seele.


Die Ros’ ist hold, das Fest ist hold, noch holder Freundesgruss,
Besonders nach Erwartungsschmerz und Trennungsüberdruss.

Im Frühling geht den Knospen froh das Herz auf, und mir ging
Das Herz froh wie den Knospen auf an dieses Frühlings Kuss.

Das feur’ge Tulpenbeet der Lust gemahnt mich dieses Jahr
Ein Brandmaal, nachgeblieben von vorjährigem Verdruss.

Lust hab’ ich, zu geniessen Wein im Schooss der grünen Flur,
Wer seine Lust im Schooss hat, dem ist süss des Weins Genuss.

Vom Saume schüttle Kummerstaub! Kein Stäubchen bleib am Saum,
Wie reiner Herzen, so der Au’n, vom Frühlingsregenguss.

Das klare Wasser thut im Fluss den Dienst des Spiegels nun,
Darum enthüllt die Rosenbraut ihr Wangenpaar dem Fluss.

Zipressenwuchs! gehst du vorbei an Dschami’s Ruhstatt einst,
Streck’ er das Haupt als Gras hervor, und küsse dir den Fuss.


Gott, o Gott, von wannen diese Schönheit, die der Himmel feiert,
Die alswie die Sonn’ ihr Antlitz nur mit ihrem Glanz verschleiert;

Die hervorgeht aus dem Palastheiligthum verborgner Klarheit,
Dass ihr Zelt sie prangend aufschlag’ im Gefild der Offenbarheit.

Von dem reichen Horte lässet sie den Talisman sich heben,
Jedem herzenarmen Blinden will sie Theil am Horte geben.

Wo nur ihre Locke schattet, ist Berückung und Bestrickung;
Wo nur ihre Wange leuchtet, ist Beglückung und Erquickung.

Ihre Hingegebenen sind alle Nüchternen und Trunknen,
Alle Nahen und Entfernten ihre Liebeswahnversunknen.

Leicht kann ruhn das Herz bei jeder Kränkung, die sie ihm mag thun,
Aber schwer, unmöglich ist’s, dass ohne sie das Herz kann ruhn.

Ihrer Wange Sehnsuchtsziehkraft hat dich, Dschami, dir enthoben;
Ruh’ in diesem Schlaf, bis er am Auferstehungshauch zerstoben!


Lippe und Lippenbart, Salomonis Siegel und Ameisenheer

Musk hat um die Wangenrose dir beschrieben Zauberkreise,
Dass des Unglücks Auge niemals schade deinem Schönheitspreise.

Du des Anmuthreichs Suleiman, Siegelring ist deine Lippe,
Wimmelnd um den Siegelring zieht auf das Heer der Musk-Ameise.


Du bist in der Mitte der, für den der Himmel jede Nacht
Um die Erde seine Runde mit zehntausend Lichtern macht.


Gott sei Dank, dass ich nach einer langen Reise sonder Ruh
Wiederum einmal die Augen auf an deinem Anblick thu.

Nie will ich vor dir die Wimper schliessen; ei, das wäre schön,
Dass dein Antlitz aufgethan und mir das Auge wäre zu!


Seit deine Liebe meinen Beruf mich liess erkennen,
Blieb mir der Kerze Tugend, zu schmelzen und zu brennen.


Herbstlied

Herbstlich rieseln Rebenblätter; Rosenantlitz, komm herein,
Denk an Lebens Blätterfall, und in den Becher giesse Wein!

Gold aus blauer Decke streut der Himmel, bis es ihm beliebt
Aus der Wolk’ ein Sieb zu machen, das aufs Gold nun Silber stiebt.

Unerspriesslich ist der Garten, Sängerchor ohn’ Unterschied
Singt sein Lied im Garten noch, allein es ist ein Abschiedslied.


Ein Depositum des Frühlings liegt das Grün im Boden nun;
Ja, der Auferstehung harren alle, die im Staube ruhn.

Jede Rose des Genusses, die der Strauch dem Trunknen bot,
Leget ihnen hundertfältig nun in Weg den Dorn der Noth.

Frei blieb die Zipress’ im Sturme, als er blies die Rosen aus;
Mag nur gehn die wind’ge Weltlust in den Wind mit Saus und Braus!

Bald wird auch der Dorn für jene, die Geheimnis haben lieb,
Bringen, alswie Dschami, hundertdeut’ge Ros’ aus scharfem Trieb.


Wie lange wird der Schelm mich sehn, und ungesehen lassen,
Anhören meine Klag’ und ungehört mich gehen lassen!


Ei Dschami, vom geliebten Freund was Leides klagst du nun?
Fern sei es, dass der Liebe dir Unliebes könnte thun!


Blick’ ich, fern von dir, in einer Tulpe Becher, macht mein leises
Weinen und mein kalter Athem sie zu einem Becher Eises.


Ohne Schauen des Geliebten hat die Liebe keinen Schwung;
Kann dir Sinn und Seele nehmen Kupplermundes Schilderung?


Du, dein Herz an Liebchen bindend, achte Feindes Fehde nicht;
Steht dir an ein liebes Antlitz, denk an leide Rede nicht.


Wenn uns deine Wächter Arges wollen thun aus argem Sinn,
Sieh du deine holde Wang’ an, und thu’ Holdes immerhin!


Neulich als dein Hüter schalt auf Dschami, sprach der Hund:
Sag ihm nichts! er steht mit mir in altem Freundschaftbund.


Herr der Karawane, dich stört gar nicht unser Stöhnen,
Deinem Ohre scheint es recht wie Glockenspiel zu tönen.


Wenn der Tag mir schwarz wie Nacht die Kümmerniss der Trennung macht,
Klag’ ich jenen Mond nicht an, das schwarze Schicksal hats gethan.


Immer nach dem Frühlingsgarten weint die Wolke gern,
Aber ich, die Wolke, weine meinem Frühling fern.


Der schöne Pfeifer

Der Klang der Pfeife tödtet mich und dieses Pfeifers Schöne,
Der volle Liebreiz füllt das Mahl Verliebter mit Gestöhne.

Auf Menschenweise scheinet er die Melodie zu stimmen,
Allein zu meinem Ohre kommt ein Engelchorgetöne.


Schwer hält die Unterscheidung gut und falscher Münze der Welt
Besonders wo den Wechslertisch ein Münzverfälscher hält.


Meinst du dass der Klausensitzer Lust des Rausches kenne?
Nimmer zu des Pfauen Glanze kommt des Hofes Henne.


Zauberblick, auf Herzen prägend Wahnsinns Unverkennlichkeit;
Von sich selber trennt sich, wer von dir sucht Unzertrennlichkeit.


Ueberall wo deiner Wange Kerz’ erhellt der Schönheit Fest,
Beten Schöne um das Glück der Schmetterlingsverbrennlichkeit.

Die ihr sprechet: Mannesmuth ist holdem Antlitz widerstehn;
Geht! denn nicht bei Dschami ist zu finden diese Männlichkeit.


Wehklagt eine herbstbetroffne Nachtigall im Gartenraum,
Zur Erkenntnis ihres Zustands aufgewacht aus ihrem Traum.

Das Geheimnis meiner Klage, spricht sie, kennet niemand als
Eine Nachtigall, die aus der Hand gab ihrer Rose Saum.


Auf der Welt ein Herzverliebter, sprachst du, was besitzet er?
Eine Seele deines Grams voll und ein Herz von anderm leer.


Strahlort der Schönheit unvergänglich,
Spiegel des Glanzes überschwänglich!

Dein Angesicht der schönste Schauplatz
Der Schau des Lichtes uranfänglich.

Das Weinhaus, dessen hohe Halle
Dem ird’schen Staube sei verborgen,

Die Wallfahrt dieser Wallstatt leisten
Nur Hefetrinker ohne Sorgen.

Dschami, im Demuthsolde stehend,
Am Abend ring’ er und am Morgen,

Dass einst durch den Bescheid der Gnade
Er dort eingehe wohlgeborgen.


Auf jeder Flur, wo eine Spur erscheint vom Zelt der Leile,
Da giesst Medschnun vom Wimpersaum hin eine Wasserzeile.

Vom Vater unter tausend Ach und Wehruf ward zur Kaaba
Medschnun gebracht, dass ein Gebet von seiner Lieb’ ihn heile.

Doch er, den Thorring fassend, sprach: Beim Rechte dieses Hauses!
Herr! grössre Neigung Tag für Tag zu Leile mir ertheile!


In der Thränen Abendröthen, fern von meiner Sonne Gluth,
Trag’ ums Nachtgebet ich wie der Himmel einen Saum voll Blut.


Jede Kleidung tauget nicht dem Zartgeliebten anzuziehn,
Ihm gebührt ein Wams von Rosen und ein Hemde von Jasmin.


Ach, dein doppelflecht’ges Haar, ein Herz in jeder Schlinge,
Und ein Zweifelsknoten dem Verstand in jedem Ringe;

Deiner Lippen Sage das Konfekt bei jedem Mahle,
Deiner Wange Glanz die Kerz’ in jedem Sammelsaale;

Deine Liebeswonne jedes Strebenden Bestrebung,
Deine Gnade jedes sich Erhebenden Erhebung!

Also stattlich deiner Thür geheiligtes Geheg ist,
Dass das Heiligthum nur Station auf deinem Weg ist.

Das Almosen deiner Gunst mit Perlen zu erkaufen,
Lässt mein Aug’ aus jedem Winkel einen Bettler laufen.

Darum ist des Büssers Andacht trocken ihm zu Schande,
Weil vom Meere deines Grames er sich hält am Strande.

Sei des Schauens Wissenschaft, o Dschami, dein Bestrebnis!
Denn die andern Wissenschaften geben kein Ergebnis.


Weder der Vernunft ein Abbruch, noch am Glauben ists ein Fehl,
Wenn mein Herz ich der Gaselle geb’ und singe mein Gasel.

Auswasch’ ich mit Wein der Weisheit und der Tugend Pergament;
Dieses gute Werk ist meines Liebelehrers Hauptbefehl.

Meine Schwäche aufzudecken brauchts Beweiseführung nicht,
Selbst mit Niemand streit’ ich drüber, gegen Niemand hab’ ichs Hehl.

Deiner Seele Baarschaft, für die kein Ersatz ist, gieb nicht aus,
Ausser für ein liebes Bild, das ohn’ Ersatz ist für die Seel’.

Wie beschreiben soll ich dir den Freund? für diese Seltenheit
Kann man machen kein Model, kann man finden kein Modell.

Dschami, lass nicht ab vom Schmucke deines Lieds, und sorge nicht,
Ob die Schmalheit immer schmäle, ob die Schalheit blicke schel.


Schliessen kann man nicht des Liebchens Auge, stutzen nicht sein Haar,
Ob den Blinden jenes ärgre, ob den Kahlen dieses quäl’.


Ein solches Weh füllt meine Herzgemächer,
Wofür es weder Arzt giebt noch Besprecher.

Das Gegengift, der Zaubertrank, o Schenke,
Ist Wein; schenk ein den Wein, den Kummerbrecher!

Als Hefenzecher sahn die heft’gen Zähren
Vorbrechen hinter meinem Wimperfächer,

Vom lautern Herzblut, das sie drüber weinten,
Floss über, wie mein Auge, so ihr Becher.

O der du unterm blauen Himmelsbogen
Wölbst, Einziger, der Braue Kuppeldächer!

Von dir verbannt, wird jeden Tag für Dschami
Der Kummer stärker, und das Weh nicht schwächer.

Ein einzig Wörtchen sag’ ich dir und gehe;
Du kannst errathen, was verschweigt der Sprecher.


Zur Kaaba kam ich, und von da nach deinem Gaue tracht’ ich,
Die Herrlichkeit der Kaaba nur als Bild von dir betracht’ ich.

Wie ich der Kaaba Vorhang sah, den schwarzen, vor Verlangen
Nach deinem schwarzen Haarumhang die Hand zu strecken dacht’ ich.

Als an der Kaaba Thür den Ring ich voller Demuth fasste,
Dem Ringe deiner Muskuslock’ ein Herzgebete bracht’ ich.

Der Kaaba wandten Pilger zu das Antlitz ihrer Andacht;
Mit meinem Herzen gegen dich die Antlitzwendung macht’ ich.

Mir war auf keiner Station ein Wunsch als du im Sinne,
Den Umgang und den Weihelauf im Suchen dein vollbracht’ ich.

Gebete singend stand das Volk auf Arafat; dem Beten
Schliess’ ich den Mund, und dein Gespräch’ in stiller Brust beacht’ ich.

Die Leut’ auf Mina tragen viel Anliegen auf den Mienen;
Wie Dschami, ledig bin ich des, und nach dir einzig schmacht’ ich.


Einen Blick aus Mitleid schenkt der Spröde mir vielleicht zuletzt;
Steh mir bei, o Kummer, dass ich noch betrübter sei als jetzt.


Das Herz spricht:

Dschami, lässest du so Thränen Well’ auf Welle wallen,
Als ein Haus von Lehmen werd’ ich auseinander fallen.


Obgleich kein Feind mir feinder ist als jener lose Knabe,
Gott weiss es, dass ich lieber ihn als meine Seele habe.


Ein wildes Vöglein ist mein Herz, dem an die Schwing’ ich knüpfe
Den Faden der Geduld, dass es dem Kummer nicht entschlüpfe.


Was kümmern mich die Finsternisse der Nächte, da voll Wonne
Ich also trag’ im Herzen eine welterleuchtende Sonne!


Das Herz spricht:

Heute Nacht kirr’ ich den Schmerz; Dschami, lass dein Stöhnen,
Dass nicht scheu der Vogel werde, der sich will gewöhnen.


An Wundbalsam hat nicht Lust, wer wund ist von des Freundes Pfeil;
Dass in ihr der Stachel bleibe, ist der Seelenwunde Heil.


Suche nicht mein feurnes Herze, siehe meinen Seufzerhauch;
Von dem Feuer, das du sahest, ist geblieben nur der Rauch.


So in deinen theuern Augen ist gefallen Dschami’s Werth,
Dass des Neiders Herz nun weiter kein Verdruss darum beschwert.


Wer an mein, des Liebekranken, Lager trät’ in nächt’gen Stunden,
Meines wunden Herzens Ache würden ihm das Herz verwunden.


Fern von jenem Munde, brenn’ ich nachtlang insgeheim,
Wie dies Kerzenwachs, geschieden vom geliebten Honigseim.


Fühlen sich zur Jagd auf Herzen Schöne nicht mehr angetrieben?
Oder fehlt uns Herzverarmten die Empfänglichkeit zu lieben?

Ist im Gau der Reizenden kein Herzensräuber mehr gefunden?
In der Stadt der Minnenden ist jeder Mann von Herz verschwunden?

Nichtig achtet Lieb’ ein Frommer, der das Heil’ge fälschlich richtet;
Blieb kein Weiser, dessen Weisheit Heil’ges und Unheil’ges sichtet?

Tausend Schwierigkeiten blieben, und der Schwierigkeiten grösste
Ist, dass kein Verständ’ger blieb, der ‘ne Schwierigkeit uns löste.

Andre tranken reinen Wein, und auseinander ging ihr Orden;
Nicht ein Trunk von Hefen ist davon uns aufbehalten worden.

Kurz zu sagen: Alle sind im Meer der Selbstgenüg’ ertränket,
Und am Ufer ist geblieben keiner, der die Meerfahrt lenket.


Zeuch der Seele Ross am Zügel aus dem Weltschlamm, gottberathen!
Dschami, welches Herz mag bis zum jüngsten Tag im Schlamme waten!


Ich weiss, dass endlich doch einmal der Tod in ew’gen Schlummer wiegt
Dies Haupt, das jetzo Tag und Nacht mir schlaflos auf dem Kniee liegt.


Der Früchte Rohheit nimmt der heisse Sonnenstrahl;
Die Rohheit meines Triebs nahm deine Liebesqual.


Da mich tödten doch will hoffnungslos dein bittrer Groll,
Mache mich mit süsser Schmeichelei nicht hoffnungsvoll!


Vor den Leuten hab’ ich mich gerühmt, bei dir in Gunst zu stehn;
Treib nicht schimpflich mich von hinnen! lass sie meine Schmach nicht sehn!


Sieh doch dieses Antlitz, Gärtner! schäme dich in dein Gesicht!
Rühm’ hinfort vor solchem Antlitz deine wilden Rosen nicht!


Du findest manchen Liebenden wie mich wohl; aber ich,
Nicht find’ ich einen Liebsten in der ganzen Welt wie dich.


Fern ewig deiner Brust, entfiel mir, wie der Laute, Lust und Spiel;
Nie hast du mich an deine Brust genommen und gestimmt zur Lust.


O Dschami, mit dem Scheich der Stadt sprich nicht von Liebeseinheit!
Was weiss ein roher Perser von arab’scher Redefeinheit?


Da du nach einer Ewigkeit mir endlich kamst, o sage,
Wie lange sitzen willst du stumm, ohn’ Antwort, ohne Frage!

Die Lieb’ hat keinen Lustgeschmack, wo von des Liebchens Seite
Kein Vorwurf wird gemacht, und vom Verliebten keine Klage.


Vorm Seufzerhauch birgst du der Wange Licht;
Du hältst ihn doch für einen Zugwind nicht?


Zur Rosenzeit Gesang und Wein, das ist, o lass dir’s sagen,
Ein schönes Glück, du brauchst es wohl, lass dir das Glück behagen!

Ein Kafir ist dein Auge wohl, o Liebchen, dessen Wimpern
Der Muselmanen Muslemschaft so manche Wunde schlagen.

Du bindst der Unhuld Gürtel um, und brichst den Bund der Treue;
Recht unrecht ist dein Thun, und schwer leichtfertig dein Betragen.

Weltschönheit, Pracht und Herrlichkeit ist nicht von ew’ger Dauer;
Thu Gutes Armen, eh dazu die Kräfte dir versagen!

Ich pflanz’ in meinem Herzen noch die Liebe deines Wuchses,
Wiewohl ich weiss, dass dieser Baum mir einst wird Reue tragen.

Im Leid um deine Flucht reiss’ ich die Brust mir auf, wie Tulpen;
Brandmale kommen da zu Tag, die tief verborgen lagen.

Die weite Welt, o Dschami, ist nicht werth der Herzbeklemmung;
Was um ihr Sein und Nichtsein willst du quälen dich und plagen!

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