Aus dem Diwan Teil 6

Autor: Nur al-Din Abd Al-Rahman Jami
Übersetzung von: Friedrich Rückert, German German flag
Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft, 1848-1890


Du bist die Kerz’ am Liebesmahl, der Fürst im Herzverlangen;
Siegprange vor der Schönen nur, du bist der Schöpfung Prangen!

Wie wunderhold und lieb bist du, wie wunderschön und herrlich;
Nur deiner Schönheit Werth ist ach! dir selbst nicht aufgegangen.

Von Antlitz ein chinesisch Bild, von Blick ein Glaubensmörder,
Weltunheil von Geberdenspiel, ein lächelnd Seelenbangen.

Der Zauber deines trunknen Augs hat Mann und Weib berücket,
Der sanfte Schwung der Hochgestalt hält Jung und Alt gefangen.

Gefangen ist mein Seufzerpfeil von deinem Weh zum Himmel;
Wenn du einmal mich fragst: wie ist dir’s ohne mich gegangen?

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Was ist die Flöt’? ein Hauchgenoss, vom eignen Kern getrennt,
Ein Pilger, der den Stufengang des Aufwärtssteigens kennt;

Ein Liebender, der, wo du nur von Kopf zu Fuss an ihn
Den Finger legst, ein Ach ausstösst, das in die Seele brennt.

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Ein Gespiel der Flöte werd ich, um zu klagen; doch wie mir
Hoch der Klage Ton sich hob, da ward zu kurz der Athem ihr.

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Einer ragenden Zipresse muss mein Herz sich neigen,
Deren Schildrung Höhe kann kein Redebild ersteigen.

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O dass mich von mir selber befreite doch einmal
Ein alter Weiser oder ein junger Schönheitsstrahl!

Durch dessen einen Antlitz das Land sich sieht geschmückt,
Durch dessen andern Einsicht die Welt sich fühlt beglückt.

In ihrer Nähe würd’ ich vor mir in Frieden seyn;
O wollte diesen Frieden der Herr mir doch verleihn!

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Der Liebenden Geheimnis hat eigner Sprache noth;
Ach, dass sich in der Stadt mir kein Sprachgenosse bot!

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Meinen Mund verschliess’ ich, aber an der Seele stillem Ort
Redet bald das Herz mit dir, bald mit dem Herzen du ein Wort.

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O Dschami, wenn der Freund sein Schwert erhebt in deines Blutes Lust,
Ist’s Liebesitte, dass du senkst den Hals und keinen Athem thust.

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Da du unser Blut getrunken, plagst du nun mein Herz um was?
Unsern Wein hast du genippt; warum zerbrichst du nun das Glas!

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Frühlingswind, an jene Tulpenwange mahnst du mich mit Schmerz;
O wie lange willst du Feuer werfen ins verbrannte Herz!

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Wie ich fern von meiner Seele gehe,
Staun’ ich selbst, dass ich mich leben sehe.

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Ueberzählst du die Gefangnen deiner Lock’ einmal,
Mögest du mein Herz nich überzählen in der Zahl!

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Mein Aug’ hab’ ich geschlossen vor Schönen allerwärts,
Allein ich kann mich nirgend verlassen auf mein Herz.

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Fern von dir zu leben schien mir Sünde; treib mich nicht von dir!
Denn Vergebung meiner Sünde zu erlangen sitz’ ich hier.

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Der eng und schmale Mund

Deines engen Mundes denkend, wird mir’s eng im Herzensgrund;
Um dein hartes Herz sich kränkend, ist die Brust vom Steine wund.

Schöne Huld hätt’ ich von deiner holden Wang’ im Aug’, allein
Meinen Freudenunterhalt geschmälert hat dein schmaler Mund.

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Eh’ zu des Herzens Aufenthalt ward meines Busens Raum geweiht,
Nahm deine Lieb’ im Herzen Platz; “mein Lieben ist seit langer Zeit”*

Mein Seelenaug’, o Dschami, schaut des ew’gen Schenken Glanz allein,
Seit mir der alte Wirth den Spiegel gab in die Hand im Glase Wein.

* “mein Lieben ist seit langer Zeit” ist Radif oder Refrain (nicht wie hier der Reim)
eines Gasel’s von Dschelaleddin Rumi, in v. Hammer’s Uebersetzung und meiner
Nachbildung abgekürzt: ich liebe lang.

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Ich im Scheiden und im Meiden und im Leiden will mich fassen,
Und das Fest der Liebesgunst des Freundes andern überlassen.

Stets mit Blut befleckt sie wieder deines Bildes lichte Scene,
Ob ich hundertmal darum schon aus dem Auge warf die Thräne.

Seit mein Herz mit jenem Schönheitsturm das Augenschachspiel hielt,
Hab’ ich gleich im ersten Spiele Seel’ und Seligkeit verspielt.

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Gestern lehnt’ ich mit dir Brust an Brust,
Heute leb’ ich von des Gestern Lust.

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Im Becher sah’ ich deiner Lippe Schein,
Und kam von Sinnen, eh ich trank den Wein.

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Dein gedenkend, sitzen wir und schweigen,
Und vergessen unser Ich und Eigen.

Nächtelang in deines Wehes Kammer
Ruhen uns im Arme Schmerz und Jammer.

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Wie ruhst du in der Liebesrast, o Dschami? fragst du frisch.
Der Liebe Rast ist wohl ein Rost, und ich darauf der Fisch.

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Andre warfen weg den Schild, um deinen Pfeilen zu entfliehn,
Und ich warf ihn weg, dass er mir möchte keinen Pfeil entziehn.

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Ich bin getrennt vom Freunde, und lebe noch vor Gram!
Solang’ ich leb’, empfind’ ich ob dieser Sünde Scham.

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Ich bin des schönsten Wangenmonds Liebhaber aus der Ferne;
Dem Auge schuld’ ich keinen Dank, und hab’ ein Traumbild gerne.

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Königsreuter! Niemand fordert Blutrach’ eines Niemands halben;
Tödte mich als wie die Ameis’ unterm Fusstritt deines Falben!

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Heute macht mich dein Verlangen ganz zu Glut und ganz zu Wehe,
Da ich, ohne dich gesehn zu haben, aus dem Gässlein gehe.

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Will ich ausgraben einen Dorn der Schmerzen,
O Rosenwange, der ins Herz mich stach;
So brauch’ ich einen Dorn dazu als Nadel,
Den ich von deiner Liebe Dornen brach.

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Wenn man der Huld nicht würdig, des Zorns nicht werth mich hält,
O Gott, wozu, ich armer, bin ich denn auf der Welt!

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O mein geliebtes Leben, sprich nicht:
Dschami: der König deiner Zeit bist du. –
Der Hund von deiner Gasse bin ich;
Zähl’ mich nicht immer doch den schlechten zu!

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Den Arzt der Lieb’ ich consultirte;
Das war es, was er ordinirte:
Nicht Zeitliches im Sinn zu tragen,
Und Ew’ges aus dem Sinn zu schlagen.

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So in Liebe jener Sonne ward mir Einsamkeit zu Wonne,
Dass ich, wollte sie’s gestatten, gern entflöhe meinem Schatten.

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Arabisch-bedewinisch

Nachtwacher Wind, zieh mir vorüber dort
Bei einem Reisetrupp und Lageort!
Zum Liebsten sprich, wo auf Gepäck er ruht:
O holdes Blut mit süsser Lippenfluth!
Nicht bringe Weges Mühsal dich in Noth,
Und was du wünschest steh’ dir zu Gebot.
Dein Bild vor meiner Seel’ Anbetung steht,
Obgleich dein Bildnis meinem Aug’ entgeht.
Wenn du dich morgens raffst zur Fahrt empor,
Verhall’ ein nächtlich Flehn nicht deinem Ohr!
Du trinkst nun fröhlich Wein auf freier Trift,
Und Dschami trinkt im Kummerwinkel Gift.

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Die bedewinische Situation: das ziehende Liebchen, mystisch gedeutet:
Aufbruch aus der Sinnenwelt

Wes ist die Sänft’ auf dem Kamel, das prangt mit Silberspangen?
Nach welchem Seelentruppe ziehn, die an der Fers’ ihm hangen!

Die Sänfte dessen, der, wo er den Schleier lüpft einmal,
Mit Wangenglanz verwirrungsvoll erfüllet Berg und Thal.

Des Tages denk’ ich, wo ich folgt’ in seinem Zug beklommen;
Ein Hündchen, das ihm nachlief’, er berief heran zu kommen;

Und aus Versehn trat ich hinan; da, huldvoll lächelnd mir,
Sprach er: Wie, mein bekümmerter Verliebter, geht es dir?

Ich sprach: Um dich hat Sehnsucht mich verbrannt; o wolle weilen!
Obwohl du bist das Leben, und das Leben hat zu eilen!

Er sprach: O Dschami, heb’ einmal die weltdurchfliehnden Schwingen,
Um dich zum stillen Aufenthalt der Seelen hier zu schwingen!

Doch fehlet dir der Mut dazu, so bleib, dich zu bekümmern,
An meiner alten Stätt’ und sprich mit den verlassnen Trümmern!

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Nicht ein Härchen vom Geheimnis deiner Schönheit hat entfaltet
Der Verstand, der in Spitzfindigkeiten-Lösung Haare spaltet.

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Da deiner Schönheit Prangen hat so die Welt umfangen,
Kann Liebe dir zu weihn kein Herz entbunden sein.

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Ich bin mit aller Welt im Glauben vereint in West’ und Ost;
Dein Liebestrank wusch aus dem Busen des Widerspruches Rost.

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Heim von der Kaaba kehrt der Scheich; doch, in der Hand den Becher hoch,
Den feierlichen Umgang hält im Schenkengaue Dschami noch.

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Die Sonne zieht Wasser

Was sagt das Seil, das dort sich spannt aus Schimmerglanz der Sonnen?
O Sonnenstäubchen lass dich ziehn aus diesem tiefen Bronnen!

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Wo du lächelnd stehst am Ufer, im Gefühl von deinem Glück,
Zieh der Gnade Saum nicht von der Hand Ertrinkender zurück!

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Gottesdienst und Gottanschauung unterscheidet dieses, merk’:
Jenen treibt des Werkes Liebe, diese treibt der Liebe Werk.

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Schreib’ mich nicht als ganz untüchtig an, o Meister Ueberklug!
Stumpf bin ich zu Weltgeschäft, zum Liebeshandel fein genug.

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Blut das Herz, und wund die Seele, Leben leck, und Brust zerrissen;
Sage selbst, was soll ich anders als vor Schmerz zu stöhnen wissen!

Mache nur bei deinem Kranken den Besuch voll Herzmitleidens;
Denn durch deine Scheidung fiel ich auf das Lager des Verscheidens.

Dass mit deinem Thürstaub man mein Leichenhemd durchfluten werde,
Wünscht’ ich einst; nun sieh, ich trage diesen Wunsch mit in die Erde!

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Immer bietet deine Wang’ und deine Locke labend
Einen frohen Morgen mir und einen guten Abend.

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Gestern sprach ich bei den Hütern deiner Schwelle:
Auf der Stelle räum’ ich jetzo diese Stelle.

Doch mein Herz rief: Dschami, willst du gehn von hier,
Gut! das ist die Scheidung zwischen mir und dir.

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Du lachest meiner Thränen; wie gedacht!
Die Wolke weinet, und die Rose lacht.

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Der Liebe Lichtgeheimnis geht einher in ew’ger Feier,
Wie Vollmond im Gewand der Nacht und Sonn’ im Wolkenschleier.

Sie sah, dass ihres Blickes Kraft kein sterblich Auge litte,
Drum lenkt sie zu den Schauenden verhüllet ihre Schritte.

Eh Möglichkeit der engen Schlucht des Nichtseins sich entwunden,
Nothwendigkeit zum Schauplatz sich des Daseins hingefunden –

Ich staune dem befremdlichen Gebilde, was es meine,
Das auf der Formen Tafel steht zur Schau für Gross’ und Kleine,

Jedwedes in sich selbst verhüllt, doch in des Andern Spiegeln
Erreichts den Wunsch, die eigene Bestimmung zu entsiegeln.

Der Wein verdeckt, der Becher auch verdeckt; doch Widerscheine
Des Weins im Becher werden klar, und Bechers Farb’ im Weine.

Die einen fragen um und an, was unser Anbeginn sei;
Die andern forschen drauf und dran, was unser Endgewinn sei.

Als Ein- und Ausgang, Dschami, steht die Einheit unverhohlen,
Wir in der Mitt’ als Vielheitswahn, und hiermit Gott befohlen!

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Die schlanke Braut der Rose kommt getreten in des Gartens Raum,
Das Wasser eilt im Bach herbei, und küsst ihr des Gewandes Saum.

Die Wolk’ aus Silber Fäden spann, und Nadeln schuf die Sonn’ aus Gold,
Damit der Lenzwind schneidere dem Rosenleib ein Leibchen hold.

Es muss doch was dahinter sein, dass sie so prangt in Duft und Glanz;
Umsonst ist in die Rose nicht die Nachtigall vernarrt so ganz.

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Was du lässest über mich ergehn, ist alles dankeswerth,
Ob es sei der Pfeil des Spottes, ob es sei des Todes Schwert.

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Ob du mich zum Paradiese weisest meines Weges
Hundertmal, von deiner Thür weg geh ich keines Weges.

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Wie alles schön von dir ich finden lerne,
Schön finden kann ich nicht von dir die Ferne.

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Wenn ich, Glück, dich nicht erreiche, süss ist auch des Suchens Schmerz,
Und kein andres Ziel bei seinem Suchen sucht, als dies, mein Herz.

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Der Salbe deines Wegestaubs ist’s eine Kleinigkeit
Ein Auge hell zu machen auf einige Meilen weit.

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Eine Linse von Abraham Tafel (sprichwörtlich)

Wenn das dunkle Fleckchen an deiner Schönheit fehlt,
Ist auf Abrahams Tafel ein Linschen minder gezählt.

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Das Auge sah dich, und der Hand entging der Zaum des Herzens;
Ja, von der Hand des Auges hat sein Weh der Raum des Herzens.

So oft ich auch von deinem Wuchs ein Palmenreis des Wunsches
Im Seelengarten pflanzte, trug mir Trug der Baum des Herzens.

Dein Aug’, es ist ein trunkner Türk’, an Brau und Wimper Bogen
Und Pfeile führend, durstende nach blut’gem Schaum des Herzens.

Ich gab dir einst das Herz, damit, wenn Unruh es bedrohte,
Du hieltest ab das Ungemach der Zeit vom Saum des Herzens;

Du wehrtest nicht dem Ungemach, du nahmst mir Ruh und Schlummer;
Wie anders, ach, im Anfang war von dir der Traum des Herzens!

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Dschami, hoffend, dass des Freundes Bild sich zum Besuch einstelle,
Lässt des Herzens Kerze brennen nächtlich in des Busens Zelle.

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Seele, such in Weltgedanken nicht die Lust des Liebeschmerzens!
Wie kannst du Genuss erwarten, wo nicht ist die Ruh des Herzens!

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Was sag’ ich, wie von deinem Wehe mir zappelt das Herz;
Gleich dem im Blut erlegten Rehe mir zappelt das Herz!

Mehr als der Vogel, den gefangen des Voglers Schlinge,
Bestrickt von deinem Lockenringe, mir zappelt das Herz!

Gleich einem aus der Fluth aufs Trockne gerathnen Fische,
Entrathend deiner Lebensfrische, mir zappelt das Herz!

Leg’ aus Barmherzigkeit einmal die Hand, die kühle,
Hieher, und fühle, wie das schwüle mir zappelt, das Herz!

Gieb einen Kuss, und bring’ mir leise das Herz ins Gleise,
Weil heut’ auf ganz besondre Weise mir zappelt das Herz!

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Dein Leib ist eine Zeder aus ew’ger Gradheit Wald,
Von Kopf zu Füssen holder als eine Traumgestalt.

Er ist ein sel’ger Geist, dem der Herr der Herrlichkeit
Aus Huld die Ehrenkleider der Sichtbarkeit verleiht.

Er ist das heil’ge Licht, das aus der Verborgnis Schooss
Sich in der Schönheit schönster Erscheinung hier erschloss.

Das Urlicht ist Erscheiner, du der Erscheinung Ort;
Undenkbar ist Entzweiung der beiden hier und dort.

Entbundenheit und Schranke, den Unterschied allein
Räumt man wohl dem Erscheiner, und der Erscheinung ein.

Drum bring’ ich dir Anbetung, weil ew’ges Licht den Schein
Gewann in deiner Schönheit, die ewig müsse sein!

Wer ausser dir ist Dschami’s Gesuch und sein Begehr?
Du, mein Gesuch, erscheine! du, mein Begehr, tritt her!

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Bitte vor dem Herrn der Gnaden ist nicht feine Sitte;
Da er dein Bedürfnis kennet, was bedarfs der Bitte?

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Warum sollt’ ich deines Traumes, deines Bildes froh nicht sein,
Da der Welt Genuss und Freude Traum und Traumbild ist allein.

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Wenn wir schildern deine Anmuth, o der Anmuth unsrer Rede!
Wenn wir reden deine Schönheit, o der Schönheit unsrer Fehde!

Wenn wir erst am Mund gesonnen und dann von den Wangen sprechen,
Welche Lichtgedanken da aus der Geheimwelt Schleier brechen!

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Meiner Gluth, sprach ich, ist deiner Schönheit Schildrung gut;
Gut ist deiner Schönheit auch die Schildrung meiner Gluth.

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Lächelnd trittst du her und sprichst: dein Auge leg’ an meinen Saum!
Und mein Auge leg’ ich dran; sei dies kein Schatten oder Traum!

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Ach, am Boden mein Anbeten hat die Spur, die du getreten,
Weggewischt, darob betreten ich das Haupt nicht heben darf.

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Wenn mir der Schütz der Ewigkeit nicht zugedacht des Wilds Geschick,
Warum zum Bogen deine Brau, zum Pfeile macht’ er deinen Blick!

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