Aus dem Diwan Teil 7

Autor: Nur al-Din Abd Al-Rahman Jami
Übersetzung von: Friedrich Rückert, German German flag
Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft, 1848-1890


Die peinliche Säge
2. Sam. 12, 31

Schmachleiden an der Schwelle dein erhöht mir Haupt und Sinne;
Die Säg’ an meinem Scheitel ist des Liebeschlosses Zinne.

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Was klagt übern Himmel Dschami? was man ihm hat angethan,
Deiner Schönheit Sonnenbahn hats, nicht des Himmels Bahn, gethan.

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Ich seh’ dich unbefangen vor aller Welt hingehn,
Wo Welten voll Verlangen an deinem Pfade stehn.

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O komm, o komm, wir harren, zu feiern deine Rast,
Verlangend wie der reiche gastfreie nach dem Gast.

Nach deinem süssen Namen, der in der Seel’ erscholl,
Ist Herz wie Ohr, und Ohr als wie Zunge, sehnsuchtsvoll.

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O dessen Wesen über unserm Nennen,
Des Form liegt ausser unserem Erkennen!

Der Sterne Leuchten sind durch dich gelichtet,
Des Himmels Zinnen durch dich aufgerichtet;

Der Mensch von dir begnadigt: wär’ es nicht,
Was hätte wohl ein Stäubchen für Gewicht!

Sein blau Gewand zerreisst in jeder Frühe
Der Himmel dir, dass deine Sonn’ ihm sprühe.

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Pflegekinder deiner Huld aus Wolkenborne
Sind, sowie Ros’ und Tulpe, Gras und Dorne.

Auf deiner starken Helden Jageflur
Sind sel’ge Geister Fang der Sattelschnur.

Ein Weg der Fahr ist deiner Liebe Weg,
Von Wegelagrern voll ist sein Geheg;

Unmöglich ohne deiner Huld Geleit
Ist zu bestehn des Weges Fährlichkeit.

O Herr, um jenes Tugend, dem am Kleide
Der Seele strahlt das Laulaka-Geschmeide!*

Vom Reinheitsbecher aus der Einheitsschale,
Bei erdentbundner Zecher Himmelsmahle,

Weis’ Dschami’s Lippen an auf jenen Wein,
Der von des Daseyns Makel machet rein!

* Laulaka d.i. wo nicht du wärest! Der Anfang des an Mohammed
gerichteten Spruches, wodurch er als Weltheiland, Mittler
und Fürsprecher dargestellt wird.


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Deines Munds Rubinschloss hat aus Seelenguss man giessen lassen,
Und darein den Wunsch von allen Herzenskranken schliessen lassen.

Alle Schönheit, die verhüllt stand hinter dem geheimen Vorhang,
Hat in deiner Huldgestalt man Sichtbarkeit geniessen lassen.

Was auf des Gedankens Tafel schreiben mag der Dichtung Griffel,
Dein natürlich Wesen hat man holder sich erschliessen lassen.

Mutwill’, Anmut, Stolz und Liebreiz, alles brachte man zusammen,
Hats als Unheil auf die Welt, als Gift in Seelen fliessen lassen.

Nicht ein Wuchs ist das, ein Zweig ists, den man aus des Himmels Garten
An den Schauweg der Verliebten wandeln hat und spriessen lassen.

Des Entbehrens Unlust gibt der Trunk vom Becher des Begehrens;
Vom Genuss verbannte dürfen es sich nicht verdriessen lassen.

Da in Dschami’s Wort so trefflich deine Schönheit liegt geschildert,
Soll kein liebend Herz, in sein Gebet es einzuschliessen, lassen.

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Sel’ge Geister, die gespannt dies blau umhangne Himmelszelt,
Haben Liebeglückes Wiege vor die Thür hinaus gestellt.

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Der verklärten Schöne Leila’s in des Brautgemaches Prangen
Hat die Thränenperlen Medschnun’s man zum Schmuck ins Ohr gehangen.

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Weißt du, was die Knospen sind im Rosenbeet, unaufgegangen?
Nachtigallen haben an den Zweig ihr blutend Herz gehangen.

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Vom Suchen hält mich nichts zurück, obgleich ein Wunder wär’ das Glück,
Fänd’ ein verarmter Wicht wie ich ein kostbares Juwel wie dich.

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Steinwürfe des Himmels

Jeder Steinwurf, der vom Himmel nahm zur Erde seinen Flug,
Unglück wusst’ ihn so zu lenken, dass er traf auf meinen Krug.

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Als von Tebris Dschami reiste nach Irak, hat in der Mitten
Ihm ein Schelm von Persien den Weg des Herzens abgeschnitten.

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Wo ins Wasser fällt ein Widerschein von Wuchs und Wange dein,
Wird, wo es mag fliessen hin, Zipresse spriessen und Jasmin.

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Wo auf deiner Gasse liegt ein Liebeskranker, ehr nicht eben
Kann vor Schwäch’ er sich vom Boden, als zu Staub geworden, heben.

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Sehnsucht deiner Lipp’ hat meinem kranken Herzen solche Glut
Angeregt, alswie der Honig einem Fieberkranken thut.

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Hoffe nicht, wann Dschami wird zu Staube mit dem Leibe,
Dass ihn irgend dann ein Wind von dieser Schwelle treibe!

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Sein Mund wird Todten Seele geben,
Und dann zum Tod Befehle geben.

Sieh nur die Mordlust, die, um tödten
Zu können, will die Seele geben!

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Schwerlich bleibt ein Herz verschont, wo ihm vorbeizog jener Mond!
Wehe dem Gebiet, durch welches zieht ein Pascha raubgewohnt!

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Ach des Tags, da, wo ich immer mag an jede Strasse gehn,
Er, weil ich kein Glück soll haben, wird die andre Gasse gehn!

Und trifft unvermutet eines Tags sein Gang auf meinen Gang;
Dass ich ihn nicht länger sehe, geht er schneller seinen Gang.

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Nachts an deiner Thür hat seinen Platz der Hund, ich habe keinen;
Welchen Tag ich, ach, erlebe! lebe nie der Hund solch einen.

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Wer dahin will zum Tyrannen liebeshold und graus gehn,
Dessen erster Schritt muss übers eigne Haupt hinausgehn.

Wände meine Seele los vom Leib sich, dass sie dürfte
Zur jasminenbusigen Zipress’ im Windesaus gehn!

Wenn ich deines Wuchses denkend geh’ im Garten weinend,
Ueber Zeder und Zipresse muss mein Thränenbraus gehn.

Nachbar, einen Augenblick sei mir ein Schirm vorm Auge!
Es erträgt den Glanz nicht, denn mein Mond will aus dem Haus gehn.

Er, das Schwert zur Hand, spricht: Dschami, jetzt geh aus dem Leben!
Ach, mir geht die Furcht nicht aus, die Mordlust möcht’ ihm ausgehn.

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Meine, des Verirrten, Ruhstatt sei in deiner Gasse Räumen,
Wie das Haus der heimatlosen Nachtigall in Rosenbäumen.

Anderen sind hell die Augen, aber nur von Menschenschöne;
Hell sei meines von der Himmelsschönheit, die ich seh’ in Träumen.

Werden hundert reine Seelen stündlich Staub in deinem Wege,
Nie von diesem Pfad ein Stäubchen hafte doch an deinen Säumen!

Ob auf jedem Tritt und Schritt mir tausend Weh entgegen trete,
Niemals darf ich einen Schritt zurück hier thun, noch einen säumen.

Käm’ ein Tag einst, Gott verhüt’ es, wo ich dich nicht schauen sollte,
Jenes Tags mag diesen Körper Dschami’s arme Seele räumen.

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Mein Morgen trüb, mein Abend wird in Trauertracht vorbeigehn;
Nicht leicht sieht ein Verliebter wohl so Tag und Nacht vorbeigehn.

Du zartes Herz, ich kränke dich mit Klagen nicht; vorbei ging,
Was du mir thatst; es wird, was du mir zugedacht, vorbeigehn.

Wer ahnt die dunklen Wirrungen der Seel’, als nur die Lüfte,
Wenn sie an jenem dunklen Haar, der wirren Nacht, vorbeigehn!

Die Lust der Wunden deines Pfeils kennt das Gemüt nie, welchem
Dürft’ ein Gedank’ an das, was heil die Wunden macht, vorbeigehn

Auf unsre Possen merke nicht! Schad’ um dein freudenhelles
Gemüte, sollt’ ihm jemals solch ein Kummerschacht vorbeigehn.

Wenn nur dem Dschami bleibet ein Vorbeigang deiner Thüre,
So bleibt ihm nichts, als vor der Welt und ihrer Pracht vorbeigehn.

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Ich sprach: Nie mög’ ein Augenblick mir nehmen ab mein Grämen!
Verstohlen lächelt’ er und sprach: Zu soll es, ab nicht, nehmen.

Ich sprach: Wieviel mein Auge weint, wer kann die Perlen zählen!
Er sprach: Der Segenswolke lass, o Gott, den Thau nie fehlen!

Ich sprach: Mein Herz ist krank vor Weh, entbehrend deines Pfeiles.
Er sprach: O Gott, kein Kranker mög’ entbehren seines Heiles!

Ich sprach: Ich ward zum krummen Reif, die Thräne zum Rubine.
Er sprach: Der Ring ist fertig, dem zur Inschrift Treue diene.

Ich sprach: Zu finden ist, das dich nicht liebt, kein Herz auf Erden.
Er sprach: O Dschami, das nicht liebt, das Herz mag Erde werden!

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Mein Mund spricht mit Gelüsten vom Staube deines Fusses,
Ein Durstender in Wüsten vom Rauschen eines Flusses.

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Dein Haar mit des Gelocks verwickelten Systemen
Zählt die Vernunft zu den unlösbaren Problemen.

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Von dem Wipfel der Zipressen singen laut in hohem Chor
Nachtigallen deines Wuchses Höhe jedem Garten vor.

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Der Rose zu erwähnen vor dir wer darf es wagen?
Das heisst, vor Jusuf’s Ohren von einem Hemde sagen!*

* Nämlich von einem gewöhnlichen; da das Jusuf’s das duftende ist.

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Dir allein, o Kerze, leuchtet Dschami’s Herzbrand noch nicht ein,
Ob man gleich in der Gesellschaft jetzt nur davon spricht allein.

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Furch’t der Schöne seine rosenduft’gen Locken mit dem Kamme,
Auf des Kammes Zinken zuckt mir aus der Brust des Neides Flamme.

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Im Feld der Treue steht mein Herz als Ziel, und nimmer fehlet
Dein Auge, das zur Zielscheib’ es dem Pfeil der Kränkung wählet.

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Das Glück von deinem Fusskuss ward der Schwell’ an dieser Stelle;
Der Mund ist glücklich, der den Kuss darf drücken auf die Schwelle.

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Mein Haupt soll minder als der Staub seyn unterm Fusse dessen,
Der zwei drei Schritte mehr als ich auf deinem Weg gemessen.*

* d.h. ich demütige mich vor dem,
der tiefere Einsichten in das Liebesgeheimnis erlangt hat.


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Von dir ächzt mir, wie der Laute, Senn’ an Senn’. Ach, in der Hand
Deines Weh’s, sprich, welches Herz nicht solche Schmerzenslaute fand!

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Als ein Stern durch deiner Liebe Sonnenkraft im Glanze schwebt
Jedes Stückchen Herz, das durch den Seufzer sich zum Himmel hebt.

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Der Pred’ger pries das Paradies; er wird sich schämen müssen,
Dass er vor deiner Lippe spricht von Wein- und Honigflüssen.

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Vom Gebet auf deinem Weg aufstehend, wend’ ich mein Gesicht
Ab dem Wind’, dass deinen Fussstaub meiner Stirn er nehme nicht.

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Dschami trägt das Lichtbild deines dunklen Maals mit sich ins Grab,
Wie ein Körnchen fand die Ameis’, in die Erd’ es trägt hinab.

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