Beschreibung des Geschlechtes Suleicha’s

Autor: Nur al-Din Abd Al-Rahman Jami
Übersetzung von: Ritter Vinzenz von Rosenzweig-Schwannau German flag
1824


Und wie durch die aufgehende Sonne ihrer Schönheit das Abendland zum Morgenlande, ja noch tausendmal glänzender als dieses ward.

So lautet Jenes Kunst-Verständigen Wort,
Der einen Schatz der Rede-Kunst besitzt:
Ein großer König war im Abendland,
Er hieß Taimus, schlug stets der Herrschaft Pauke,

Denn er besaß was Königen gebührt,
In seinem Herzen blieb kein Wunsch zurück.
Sein Scheitel war der Königs-Krone Zier
Den Thron erhöhte seines Fußes Tritt.

In seinem Heer stand unterwürfig Orion,
Er bannt’ den Sieg an seines Schwertes Haft.
Schön war Suleicha seine Tochter, die
Der Stolz, die Freude seines Herzens war.

Ein Stern war sie am Königs-Sternenzelt,
Des Königs-Schmuckes schönster Edelstein.
Unmöglich mal’ ich ihrer Reize Bild,
Doch ein Versuch sey mir allhier gegönnt.

Vom Haupt zur Ferse gleit’ ich, wie ihr Haar.
Der Abglanz ihrer Wangen leuchte mir,
Es helfe mir ihr süßer Zucker-Mund,
Daß ich besinge was ich von ihr weiß.

Den Wuchs schuf Gottes Huld der Palme gleich,
Die hoch ihr Haupt im Anmuths-Garten hebt,
Und die am Königs-Strome groß genährt,
Gleich der Cypresse in die Lüfte ragt.

In ihren Locken fieng der Weise sich,
Die fast wie süßer Moschus dufteten.
Oft ordnete ein Kamm ihr schönes Haar,
Das er mit einem zarten Abschnitt scheitelte,

Darob die Moschus-Blase neidisch platzt,
Und fruchtlos nun ihr Moschus-Sammeln wird.
Die Haare flatternd, und Jasminen gleich,
Beschatten ganz der Rose schönen Zweig.

Zwey Locken, gleich zwey Seilern Indiens
Seiltanzten auf dem stolzen Tannenbaum.
Der Himmel gab ihr Schönheits-Unterricht,
Und legt’ ein Silber-Brett auf ihre Stirn’.

Am Rande dieses Silber-Brettes ruhn
Zwey umgestürzte Nun, voll Moschus-Duft,
Und unter diesen Nun zwey frische Sad
Gezeichnet von des Schöpfers Meister-Hand.

Von jenen Nun bis zu des Mimes Ring
Thront eine Silber-Nase gleich Elif
Zählt dem Elif des Mundes Nulle zu,
Habt ihr statt eines Mörder-Zwistes, zehn.

Die Purpur-Lippe lächelnd, zeigt ein Sin;
Die Zähne lösen ihr geknüpftes Mim.
Des Irem’s Vorgefühl ist ihr Gesicht,
In welchem buntgefärbte Rosen blühn.

Es sind auf ihm der Muttermale viel
Gleich Mohren-Knäbchen auf der Rosen-Flur.
Ihr Silber-Grübchen frey vom Glaubens-Zoll,
Enthält des Lebenswassers süßen Brunn.

Verirrt ein Weiser sich zu ihrem Kinn,
Wo sich des Grübchens Schweiß gesammelt hat,
Trägt er die Seelen-Ruhe dort zu Grab;
Denn ach! ein Brunn und Wirbel ist’s zugleich

Ihr weißer Hals glänzt mehr als Elfenbein,
Es zahlen Moschus-Hirsche Steuern ihm.
Der Schultern Paar verhöhnt Jasminen-Glanz.
Und es verbirgt davor die Rose sich.

Zwey Brüste, gleich zwey Glanzes-Wölbungen,
Gleich zweien Blasen aus dem Quell Kiafur;
Gleich einem Apfel-Paar an seinem Zweig,
Woran sich nie des Frechen Hand gewagt.

Dem Silber-Schatze ähnlich war ihr Arm,
Dagegen falsch des Silbers Probe schien.
Und dieser Perlenreinen Amulet
War der Gebeterfüllten Frommen Herz.

Perigesichter lobten neidlos sie,
Und weihten ihr das Herz zum Talisman.
Werth jedes Kronen-Trägers Raub zu seyn,
Füllt Silber in den Ärmel sanft ihr Arm.

Den Leidenden beut sie der Hilfe Hand,
Und träufet Balsam in das wunde Herz.
Es waren ihre Finger Federn gleich,
Womit sie liebevoll auf Herzen schrieb.

Bey jedem ihrer Nägel wähnte man,
Ein Neumond glänze um den Vollmond hell.
Fünf Finger setzte sie dem Monde ein,
Und überwand ihn durch der Hände Kraft.

Die Lende glich dem halbgespalt’nem Haar,
War feiner noch, und scheute drum das Haar.
Kein Gürtel noch so zart, umfaßte sie,
Der Sorge voll, die Lende bräche ab.

Dem Hermelin-Brett glich ihr weißer Leib;
Sanft nahm die Amme ihr die Nabelschnur.
Vom Nabel bis zum Knie enthalte ich
Mich jedes alten oder neune Lob’s;

Denn ihrer Keuschheit Veste weigerte
Gedanken selbst den Flug in’s Heiligthum.
Ich komme drum zu ihrem Schenkel-Paar,
Des Schönheits-Tempel Silber-Säulen sind’s.

Sie war ein Rosen-Strauß voll Licht,
Doch finstrem Aug blieb sie verdeckt.
Dem Spiegel weis’t ihr reines Antlitz sich,
Gleich fällt er auf die Kniee ehrfurchtsvoll.

Warum er ihr wohl gegenüber kniet?
Weil ihm ihr Antlitz erst den Licht-Glanz leiht.
Wer Knie an Knie mit dieser Schönen weilt,
Dem strahlt des Glückes Wange sie zurück!

An Zartheit gleich dem Schenkel ist ihr Fuß,
Den Niemand mehr so schön geformt besitzt.
Sie war dem Pfeile ähnlich, wenn sie gieng,
Ihr Fuß so zart von Ferse bis zum Zeh’,

Daß wenn sie des Geliebten Auge trat,
Die Sohle ihr von seinen Thränen schwoll.
Mit welchem Schmucke wohl vergleich’ ich sie?
Ach was ich sage bleibt stets mangelhaft!

Nein, selig der mit Schmucke sie vergleicht,
Weil ihre Schönheit diesen Schmuck erhöh’t.
Vom Diadem, das ihr den Scheitel ziert,
Wiegt einer Landschaft Zins ein jeder Stein.

Und ein Rubin, des zarten Ohres Zier,
Beraubt durch Glanz die Seele des Verstand’s.
Riß sich ein Edelstein vom Halsband los,
Füllt’ er den Schoos mit einem Gemmen-Schatz.

Ein schmuckbesetztes Hauptband knüpft ihr Haar,
Und wieget tausend Perlen-Schätze auf.
Wenn sie nicht selbst das Armband sich umwand,
Wer war zu diesem Dienste kühn genug? –

Was sag’ ich ferner noch vom Golde wohl?
Der Füße Schmuck lag es zu Füßen ihr.
Zuweilen schwankt sie im Pallastes-Hof,
Gehüllt in Syriens reichsten Silber-Stoff,

Und jeden Tag, der froh entgegenschien
Zog sie dem Leib ein neues Pracht-Kleid an,
Das zweymal nie ihr schönes Haupt berührt,
Dem Mond gleich wechselnd stets der Sterne Stand.

Zum Fuß-Kuß kamen auch die Größten nie,
Zu diesem Glück kam nur des Kleides Saum,
Und nur das Hemd, genoß der Seligkeit
Den schönen Leib in seinem Arm zu seh’n.

Die mit Cypressen-Wuchs gehorchten ihr,
Die mit dem Engels Antlitz dienten ihr;
Und tausend Mädchen schön wie die Huris
Verweilten Tag und Nacht in ihrem Dienst.

Nie drückte noch des Kummers Last ihr Herz,
Nie stach ein Dorn noch ihren zarten Fuß;
Nie ward sie noch geliebt, nie liebte sie,
Nie noch ergab sie Jemands Willen sich.

Sie schlief des Nachts wie die Narcisse schläft,
Und blühte Morgens schön wie Rosen blühn.
Bey zarter Silber-Mädchen Spiele Lust,
Mit schönen Hirschen im Pallastes-Hof.

War unbekümmert um des Schicksals Spiel,
Stets all’ ihr Thun nur frohe Lust und Scherz.
So war sie glücklich stets und heitern Sinns,
Und ihre Seele frey von jener Qual,

Was wohl die Tage dem Gemüth verhängen,
Und was die schwang’re Nacht wohl noch gebiert?


Übersetzt von Vincenz von Rosenzweig-Schwannau (1791-1865)
Aus: Fundgruben des Orients. Band 2 S. 392-402

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