Das Wort

Autor: Nur al-Din Abd Al-Rahman Jami
Übersetzung von: Ritter Vinzenz von Rosenzweig-Schwannau German flag
1824


Des Liebesdivan’s sinn’ger Vorbericht,
Des Liebesgartens Erstling ist das – Wort;

Nichts Weises kennt die Weisheit wie das Wort,
Nichts Daurendes die Erde wie das Wort,

Und was die Welt, so alt als neu, gezeugt,
Stammt, sagt der Redner, von dem Worte nur.

Dem Rohre rief das Wort sein “Werde!” zu,
Und sieh! – das Rohr lag auf des Daseyns Blatt;

Und als das Rohr auf jenes Werd’ erschien,
Da sprang ein Quell aus seinem Aug hervor;

Die Welt, und was sich hoch und nieder nennt,
Berauscht sich am Gemurmel dieses Quell’s,

Und spricht der Mund durch dies Gemurmel, wird
Das Wort zur Rose auf des Sinnes Flur.

Es spielt der Hauch des Geists ihm um den Saum,
Und führt es schaukelnd aus der Rosenau,

Und leitet es zum Pförtchen unsres Ohrs,
Wo seiner Ankunft selbst die Weisheit staunt.

Da eilet das Gemüth es zu empfah’n,
Und bringt ein knospenenges Herz ihm dar;

Bald lacht die Lipp’ ihm voll von Seligkeit,
Bald presst es Schmerzensregen aus dem Aug;

Es lächelt ihm der Mund des Traurenden,
Es weinet ihm der Mund der erst gelacht.

Erblick’ ich diese Götterkraft in ihm,
So wolle Gott mich nimmer ihm entzieh’n.

Ich bin im Trunke seines Wein’s ergraut,
Und schüttle nun des Alters Last von mir:

Denn ein Geheimniß dringt mir aus der Brust,
Und lächeln soll, und weinen soll die Welt.

Veraltet schon ist Chosru und Schirin,
Doch süß ersteht ein neuer Chosru mir;

Gefallen ist Medschnun’s und Leila’s Loos,
Doch ein ganz and’res Loos besing’ ich nun:

Gleich Papageyen will ich Zucker käu’n
Von Joseph’s Schönheit und Suleichens Gluth.

Gott nennt die schönste der Geschichten sie,
Und ich besinge sie im schönsten Lied.

Der Offenbarung Liebchen stieg herab,
Und Lügen finden keinen Eingang mehr;

Was unwahr ist spricht das Gemüth nicht an,
Trügst du es selbst wie reine Wahrheit vor;

Die Wahrheit ist des Wortes schönste Zier:
Des Mondes Reiz liegt in der Völle nur.

Stets ist der erste Morgen ohne Glanz,
Weil er des Lichtes hellen Schein – nur lügt;

Doch weil der echte Morgen Wahrheit spricht,
Schwingt er der Sonne goldenes Panier.

Wie du mit Kunst die Lüge auch geziert,
Es bleibt ihr Licht doch ewig matt und trüb;

Mit Goldstoff schmückst du eine Hässliche,
Da doch kein Goldstoff Hässliche verschönt;

Durch Goldstoff wird die Hässliche nicht schön,
Es wird dadurch der Goldstoff hässlich nur.

Der rothen Wange ziemt der Schminke Roth,
Weil Rosenschmink’ die Rosenfarbe mehrt:

Doch malst du Roth auf Wangen düster braun,
So wird dein Aug nur düst’res Unglück schau’n.

Kein Liebchen gab’s dem holden Joseph gleich,
Der aller Schönen Schönheit überflog:

Denn wer an Reiz nicht seinen Zweyten fand,
Der heisst vorerst ein zweyter Joseph nur.

Und wie Suleicha liebte Niemand noch,
Sie, die an Liebe Alle überboth:

Von Kindheit bis in’s Alter liebte sie,
Und liebt’ als Sclavinn, liebt’ als Fürstinn noch.

Nachdem der Alten, Unvermögenden
Der Jugend frohe Tage sich erneut,

Betrat sie wieder treu der Liebe Pfad,
In Lieb’ geboren, lebend und erblasst. –

Von Jedem einzeln handelt hier mein Buch,
Von Jedem einzeln perlet hier mein Rohr´.

Zu jeder Baarschaft, die ich ausgelegt,
Füg’ ich noch einen neuen Weisheitsschatz.

Ich wünsche nur dass, wenn der Edle einst
Ein Wörtchen liest in diesem Liebesbuch,

Er, gleich dem Blatt, mir nicht den Rücken kehrt,
Noch, gleich dem Rohr’, mein Wort mit Fingern quält;

Und zeigt sich hie und da ein Fehler ihm,
So bürde er die Schuld mir nimmer auf,

Und bess’re möglichst was ich schlecht gethan,
Und berge es, falls er’s nicht bessern kann.


Übersetzt von Vincenz von Rosenzweig-Schwannau (1791-1865)
Aus: Dschami Joseph und Suleicha
Historisch-romantisches Gedicht
Aus dem Persischen des Mewlana Abdurrachman Dschami übersetzt und durch Anmerkungen erläutert von Vincenz Edlem von Rosenzweig 1824

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