Die Liebe

Autor: Nur al-Din Abd Al-Rahman Jami
Übersetzung von: Ritter Vinzenz von Rosenzweig-Schwannau German flag
1824


Ein Herz, dem Liebe mangelt, ist kein Herz;
Ein Körper ohne Herzleid ist nur – Staub;

O wende dich dem Schmerz der Liebe zu:
Der Liebe Welt ist eine schöne Welt!

D’rum werde Jedem Liebesschmerz zu Theil,
Und mög’ kein lieblos Herz auf Erden seyn!

Der Himmel dreht im Liebestaumel sich,
Und Liebesstreit ist’s der die Erde füllt;

Sey Sclav’ der Liebe, wenn dich Freyheit lockt,
Fühl’ ihre Schmerzen, wenn dich Wollust reizt;

Berauschend wärmet dich der Liebe Wein,
Leiht dir Bewußtsein, leiht dir kalten Muth;

Der Liebe Wort verjüngt den Liebenden,
Und bringt ihm bey der Nachwelt hohen Ruhm;

Dies Weinglas war’s das einst Medschnun geleert,
Wodurch sein Ruf durch beyde Welten flog.

Viel Tausende, voll Weisheit und voll Geist,
Sie gingen hin – und kannten Liebe nicht!

Es schwand ihr Nahme schnell wie ihre Spur,
Es schwand ihr Mährchen aus der Zeiten Buch.

Viel schöne Vöglein flattern noch umher,
Von denen stets des Volkes Lippe schweigt;

Doch wenn ein fühlend Herz von Liebe spricht,
Erwähnt’s des Falters und der Nachtigall.

Bist du in hundert Künsten auch bewährt –
Die Liebe nur macht von dir selbst dich frey.

O fühle Liebe, selbst die sinnliche:
Sie bahnt den Weg zur wahren Liebe dir!

Prägst du nicht erst das Alphabet dir ein,
Wie kannst du dich des Koran’s Lesung weih’n?

Es bath ein Schüler seinen Lehrer einst
Dass er ihn leite auf der Weisheit Bahn.

Der Lehrer sprach: “Du fühltest Liebe nie:
Geh hin und liebe, dann erst bitte mich!

Wenn du des Bildes Weinglas nicht geleert,
Schmeckst du des Sinnes Hefen nimmermehr;

Doch sollst du nimmer bey dem Bild verzieh’n,
Und eilends über seine Brücke flieh’n;

Willst du die Reise bald vollendet seh’n,
So bleibe nicht am Kopf der Brücke steh’n.”

Gottlob! Seitdem mich diese Erde trägt,
Wandl’ ich beständig auf der Liebe Pfad:

Kaum sah die Amme meine Nabelschnur,
So schnitt sie mit der Liebe Schwert sie ab;

Die Mutter, als sie froh die Brust mir gab,
Säugt’ mich mit blut’ger Milch der Liebe nur.

Sind meine Locken gleich wie Milch schon weiß,
Wohnt Liebeslust mir stets doch im Gemüth.

Die Liebe frommt dem Jüngling wie dem Greis,
Und immerdar ruft mir die Liebe zu:

“Dschami! der du in Liebe bist ergraut,
Ermanne dich, und stirb in Liebe auch;

Besing ein Mährchen holden Liebesspiel’s,
Das deinen Nahmen einst zur Nachwelt trägt;

Dein zarter Pinsel fertige ein Bild
Das einst noch weile, wenn du nimmer weilst!”

Und als mir dieser Liebesruf erscholl,
Da both mein Geist ihm freundlichen Willkomm,

Und meine Seele folgte dem Befehl,
Und bracht’ ein neues Zauberwerk hervor.

Wenn mir der Himmel seinen Segen leiht,
Trägt meine Palme einst der Wahrheit Frucht.

In Herzensgluth schaff’ ich ein zartes Wort:
Denn ach, der Geist versengt das Zarte nur!

Mit Rauch erfüll’ ich dieses Himmels Plan,
Dass Thränennaß aus Sternenaugen rollt;

Dem Worte weis’ ich eine Stelle an,
Dass mir der Himmel sicher’n Beyfall zollt.


Übersetzt von Vincenz von Rosenzweig-Schwannau (1791-1865)
Aus: Dschami Joseph und Suleicha
Historisch-romantisches Gedicht
Aus dem Persischen des Mewlana Abdurrachman Dschami übersetzt und durch Anmerkungen erläutert von Vincenz Edlem von Rosenzweig 1824

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