Die schöne Jungfrau

Autor: Nur al-Din Abd Al-Rahman Jami
Übersetzung von: Ritter Vinzenz von Rosenzweig-Schwannau German flag
1824


Was mag dem Liebenden willkomm’ner seyn,
Als wenn die Freundinn gleichfalls Liebe fühlt;

Wenn er in ihr geheimes Stübchen tritt,
Und ihren Busen frey von Bürden schaut;

Wenn er die alten Mährchen ihr erzählt,
Und achtungsvoll sie zur Vertrauten wählt?

Als Joseph, von dem Reiterschwarme frey,
In seine stille Wohnung sich verfügt,

Da kam der Kämm’rer, sprechend: “Einz’ger du,
Du Weltenmährchen durch der Grossmuth Ruhm!

Hier an der Pforte steht das alte Weib,
Das deinem Rosse in die Zügel fiel;

Auf dein Geheiss gesellt’ ich mich zu ihr,
Und führte sie hieher an deinen Thron.”

Er sprach: “Erfülle ihr Bedürfnis denn,
Und ist sie arm, so lindre ihre Noth!”

Er sprach: “Sie ist so blöden Sinnes nicht,
Dass sie mir ihr Bedürfnis wieder sagt.”

Er sprach: “Wohlan, so trete sie hervor,
Und lüfte selber ihrer Lage Flor.”

Auf dies Geheiss tanzt, Sonnenstäubchen gleich,
Suleicha fröhlich in die Einsamkeit;

Wie Rosen lächelnd, blühend Knospen gleich,
Spricht sie mit süssem Munde Joseph Heil.

Doch Joseph, der dem vielen Lächeln staunt,
Frägt sie vorerst um Nahmen und um Stand.

Sie spricht: “Bin Jene die, beym ersten Blick,
Aus einer ganzen Welt dich auserkohr;

Die einen Schatz von Gemmen dir geweiht,
Und Herz und Seele liebend dir verschrieb;

Die ihren Lenz den Winden übergab,
Und in dies Alter, wie du siehst, verfiel.

Du hieltst der Herrschaft Liebchen eng umarmt,
Und hast, vergessend, nie dich mein erbarmt!”

Kaum hört dies Joseph, so erkennt er sie,
Weint Mitleidsthränen über ihr Geschick,

Und spricht: “Was willst du, o Suleicha! hier,
Und weshalb ist dein Zustand so betrübt?”

Als Joseph’s Lippe: “O Suleicha!” spricht,
Da sinkt suleichalos Suleicha hin:

Der Wein des Wahnsinns schäumt ihr aus der Brust,
Und sinnlos macht sie seiner Stimme Lust.

Als sie vom Wahnsinn zur Besinnung kehrt,
Beginnt nun Joseph ein Gespräch mit ihr:

Er spricht: “Wo ist dein jugendlicher Reiz?”
Sie spricht: “Er floh, von deinem Bunde fern.”

Er spricht: “Warum fehlt dir des Auges Licht?”
Sie spricht: “Weil’s ohne dich in Blut sich taucht.”

Er spricht: “Warum krümmt sich dein holder Baum?”
Sie spricht: “Weil deine Trennung ihn beschwert.”

Er spricht: “Wo ist dein Silber, wo dein Gold,
Und wo die Krone, deines Scheitels Zier?”

Sie spricht: “Ein Jeder rühmte deinen Reiz,
Und goss der Schild’rung Gemmen mir auf’s Haupt:

Da warf ich Haupt und Gold ihm vor den Fuß,
Und lohnte ihn durch stetes Gemmenstreu’n,

Und krönte ihn mit Ansehn und mit Ruhm,
Und krönte mich mit seiner Schwelle Staub.

Für Gold und Silber blieb mir kein Ersatz:
Doch nun – nun ist mein Herz der Liebe Schatz.”

Er spricht: “Was ist wohl heute dein Bedarf,
Und wer ist heute dessen Bürge wohl?”

Sie spricht: “Ach, mein Bedarf, er kränkt dich nur,
Und du allein sollst ihm als Bürge steh’n.

Wenn du mit einem Eide dich verbürgst,
So löst erklärend sich mein Zungenband;

Wo nicht, so schliesst sich meine Lippe zu,
Und neuerdings fasst mich des Grames Hand.”

Er schwört: “Bey jenem Patriarchenschacht,
Bey jenem Bauherrn des Prophetenthurm’s,

Dem eine Tulpe einst im Feuer spross,
Weil Gott das Kleid der Freundschaft ihm gesandt!

Was du bedarfst will ich am heut’gen Tag
Im Nu erfüllen, falls ich’s nur vermag.”

Sie spricht: “Zuerst die Jugend und den Reiz,
Wie du sie vormals selber hast geschaut;

Das Auge dann, um dich zu sehen nur,
Ein Röschen pflückend deiner Wangenflur.”

Und Joseph regt die Lippe zum Gebeth,
Die nun von Heilungswasser überströmt,

Und ihrer todten Schönheit Leben schenkt,
Und ihrer Wange sel’gen Glanz verleiht;

Dann holt er Wasser aus dem nahen Fluss,
Das ihrer Jugend Rosenau erfrischt.

Da wird ihr Kampher schnell zu Moschusschmelz,
Und ihrem Morgen folgt die schwärz’ste Nacht;

Das Weiss entflieht aus ihrem Moschushaar,
Und Licht erglänzt in ihres Auges Schwarz;

Es weicht die Krümme ihres Rosenbaum’s,
Es weicht die Falte ihres Silberblatt’s;

Ihr Alter wird von Jugend hold umringt:
Nach vierzig Jahren wird sie achtzehn alt:

Ihr Reiz erhält noch neue Lieblichkeit,
Und steigt selbst höher als in früh’rer Zeit.

“O holde Schöne sagt ihr Joseph nun –
Hegst du noch einen ander’n Wunsch, so sprich.”

“ich hege – spricht sie – keinen ander’n Wunsch,
Als still mich deines theuren Bund’s zu freu’n:

Da labt’ ich Tag’s an deinem Anblick mich,
Und läge Nachts an deiner Sohle Rand,

Und ruht’ im Schatten deines hohen Baum’s,
Und käut’ am Zucker deines süssen Mund’s,

Und legt’ ein Pflaster mir auf’s wunde Herz,
Und meinem Wunsch entspräch’ dann all’ mein Thun:

Auch lieh’ ich meinem dürren Saatenfeld
Das Freundschaftswasser das dein Quell enthält.”

Als Joseph diese Bitte von ihr hört,
Senkt er sein Haupt betrachtungsvoll und schweigt;

Dann blickt er fragend auf zur Geisterwelt,
Und spricht als Antwort weder Nein noch Ja.

Er staunt in unentschlossn’ner Schwebe noch,
Als itzt der Fittich Gabriel’s ertönt,

Der kündend spricht: O edelster Monarch!
Es schickt der reine Gott dir diesen Gruss:

“Als wir Suleichens Unvermögen sah’n,
Die Bitte hörten die sie dir gestellt,

Da fing, durch ihres Strebens Wellenschlag,
Nun unser Mitleidsmeer zu wogen an,

Und, unverletzt durch der Verzweiflung Schwert,
Vermählten wir am Himmelsthron sie dir:

Auch du vermähle ewig dich mit ihr,
Den Knoten lösend der ihr Thun beschwert:

So blickt das Auge laut’rer Huld dich an,
Und deinem Bund entspriessen Gemmen dann.”


Übersetzt von Vincenz von Rosenzweig-Schwannau (1791-1865)
Aus: Dschami Joseph und Suleicha
Historisch-romantisches Gedicht
Aus dem Persischen des Mewlana Abdurrachman Dschami übersetzt und durch Anmerkungen erläutert von Vincenz Edlem von Rosenzweig 1824

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