Die Schönheit

Autor: Nur al-Din Abd Al-Rahman Jami
Übersetzung von: Ritter Vinzenz von Rosenzweig-Schwannau German flag
1824


In stiller Öde, ohne Daseynsspur,
Lag noch die Welt in leerem Nichts versteckt;

Noch paarte sich das Bild des Körpers nicht,
Noch tönt’ es nicht vom frohen Wir und Du;

Frey war die Schönheit von der Blicke Band,
Im eig’nen Lichte, das auf sie nur fiel,

Ein holdes Liebchen an verborg’nem Ort,
Des Kleides Saum von jeder Mackel rein;

Kein Spiegel warf ihr Angesicht zurück,
Es ordnete kein Kamm ihr schönes Haar;

Kein Ost durchwühlte ihrer Locken Schmuck,
Kein Surme-Staub umwölkte noch ihr Aug;

Ihr Röschen lockte keine Nachtigall,
Kein zartes Grün hob dieses Röschens Zier;

Von Flaum und Maal war ihre Wange rein,
Und selbst im Geist sah noch kein Auge sie;

Mit sich nur kost’ sie von der Liebe Tand,
Und wob sich selbst der Liebe Wiegenband.

Doch wo der Schönheit Machtgebot regiert,
Da zürnet sie, wenn sie ein Schleyer deckt;

Verborgenheit erträgt die Schöne nicht:
Sperrst du das Thor, eilt sie dem Fenster zu. –

Sieh jene Tulpe die auf Bergen blüht:
Kaum ward der holde Frühling wieder froh,

So dringt sie aus dem Felsenriff hervor,
Und zeigt sich alsbald in der Schönheit Glanz. –

Wenn dir was Sinn’ges in die Seele tritt,
Wie es nur selten sich an Sinn’ges reiht,

Erwehrst du nimmer jenes Bildes dich,
Aussprechen musst du’s, oder hören doch.

Dies ist des Schönen herrschendes Gesetz,
Das sich zuerst an ew’ger Schönheit wies:

Sie trat vom heil’gen Lande in das Zelt,
Und zeigte sich den Geistern und der Welt.

Aus jedem Spiegel blickt ihr Bild hervor,
Und überall ertönt ihr hehrer Ruf;

Ein Strahl von ihr fiel auf der Engel Schaar,
Und taumelnd dreh’n sie, gleich dem Himmel, sich,

Und alle Heil’ge, die nur Heil’ges rührt,
Sie stammeln staunend nur ihr heil’ges Lob,

Und alle Taucher in des Himmels Meer,
Sie rufen laut: “Gepriesen sey der Herr!”

Auch auf die Rose fiel ein Strahl von ihr,
Und mit ihm Gluth in’s Herz der Nachtigall;

An jenem Strahl entflammte sich das Licht,
Und ach, verbrannte hundert Falter schon!

Ein Funke sprühte auf der Sonne Ball,
Und aus der Fluth erhob der Lotos sich;

Ihr Angesicht war Leila’s Wangenzier,
D’rum sehnte sich Medschnun nach ihrem Haar;

Sie öffnete den Zuckermund Schirins,
Und stahl Pervisens, stahl Ferhadens Herz,

Und Cana’n’s Mond erhob sein schönes Haupt,
Wodurch er bald Suleichens Sinne raubt.

Ja, üb’rall zeigt sich jener Schönheit Glanz,
Wenn sie sich ird’schen Liebchen auch verbirgt;

Sie hält den Vorhang der Verborg’nes deckt,
Sie lenkt das Loos der lieberfüllten Brust;

Es lebt das Herz durch ihre Liebe nur,
Und nur durch sie wird jeder Seele Trost;

Das Herz, den Schönen liebend zugewandt,
Ist, unbewusst, stets nur in sie verliebt.

Gib diesfalls keinem frev’len Irrthum Raum,
Denn Liebe zollen wir, sie spendet Reiz.

Bist du erst schön, bist du auch liebenswerth,
Du stammst von ihr, sie wies an dich uns an;

Der Spiegel du, des Spiegels Zierde sie,
Du der Verdeckte, sie die Klare stets;

Im Grunde ist wohl sie der Spiegel auch,
Der theure Schatz, der im Verborg’nen ruht,

Und mir und dir, als Wesen müss’ger Art,
Uns wird hier nichts als leerer Wahn zu Theil.

Schweig’; – denn kein Ende nimmt das Mährchen sonst:
Braucht seine Zunge doch den Dolmetsch nie!

Wer liebt, der hat das Edelste gethan,
Denn ohne Liebe ist das Leben – Wahn.


Übersetzt von Vincenz von Rosenzweig-Schwannau (1791-1865)
Aus: Dschami Joseph und Suleicha Historisch-romantisches Gedicht
Aus dem Persischen des Mewlana Abdurrachman Dschami übersetzt und durch Anmerkungen erläutert von Vincenz Edlem von Rosenzweig 1824


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