Die Vermählung

Autor: Nur al-Din Abd Al-Rahman Jami
Übersetzung von: Ritter Vinzenz von Rosenzweig-Schwannau German flag
1824


Als Joseph den Befehl von Gott erhielt
Ein Bündnis mit Suleichen einzugeh’n,

Bereitet er ein fürstliches Gelag,
Und schafft, was immer Lust gewährt, herbey.

Er lädt den König und die Grossen ein,
und setzt sie auf den Thron und Ehrensitz.

Nach Jacob’s Glauben, Abraham’s Gesetz,
Nach werther Sitte und nach schönem Brauch

Vermählt er dann Suleichen sich, und reiht
Die schönste Perl’ an seine Perlenschnur.

Vom Mond zum Fische sieht man Gold verstreu’n,
Da Fürst und Heer sich seines Glückes freu’n.

Vergebung heischend steht itzt Joseph auf,
Erfleht der Gäste nachsichtsvolle Huld,

Entzückt Suleichen durch ein fragend Wort,
Und sendet sie nach seiner Einsamkeit.

Da läuft die Schaar der Zofen auf sie zu,
Bringt ihr als Mahlschatz Haupt und Krone dar,

Jauchzt ob der Herrinn hohen Lieblichkeit,
Und hüllt sie in ein prächt’ges Goldstoffkleid.

Doch als nunmehr der Lärm der Menge schweigt,
Und Jeder in die eig’ne Wohnung kehrt;

Als schon der Mond, im duft’gen Brautgewand,
Die Erde in ein gold’nes Flortuch hüllt;

Als siegesvoll auf diesem Lazurzelt
Schon eine Welt von Sternen hold erglänzt;

Als schon der Himmel mit der Plejas prangt,
Und, dämmernd, Perlen mit Rubinen mengt;

Als schon das Haar der Nacht die Welt verdeckt,
Und eine Welt froh unter Decken spielt;

Als einsam weilend die Vertrauten schon
Den Moschusflor vor fremde Wangen zieh’n,

Weilt auch Suleicha einsam hinterm Flor,
Indess ihr Herz gleich Sonnenstäubchen tanzt.

Als Wasser ihr den durst’gen Mund genetzt,
O Gott! war’s wachend oder träumend nur?

Stillt je ein Wasser ihren heissen Durst,
Und dämpft sich je wohl ihres Herzens Brand?

Bald strahlt ihr Aug vom hellsten Freudenthau,
Bald schwimmt’s im Blut das ihr die Angst erpresst,

Bald spricht sie: “Nein, ich glaub’ es nimmer wohl,
Dass mein Geschick so selig werden soll!”

Bald: “Ein Gemeingut ist des Freundes Huld,
Und zweifelt’ ich, büsst’ ich mit Recht die Schuld.”

Dies überdenkend, schwanket ihr Gemüth,
Und, bald erfreut, bald traurend, weilt sie dort.

Da sieht sie wie der Vorhang sich verrückt,
Und ein enthüllter Mond das Haus nun schmückt.

Suleichens Aug das itzt den Liebling trifft,
Fällt stets mit neuer Lust auf ihn zurück;

Sein Lichtstrahl raubt ihr die Besinnung ganz,
Des Schattens Dunkel weicht der Sonne Glanz.

Als Joseph jene rege Liebe schaut,
Den Wahnsinn schaut den er hier selbst erregt,

Hebt er erbarmend auf den Goldthron sie,
Und leiht die eig’nen Arme ihr zum Pfühl.

Durch seinen süssen Wohlgeruch gestärkt,
Erwacht sie bald aus ihrem holden Traum.

Und auf die Wange der sein Auge sonst
Sich stets verschloß, und die nur Qual ihm schuf,

Fällt itzt sein Blick, und schaut ein Wangenpaar,
Hold wie auf Goldstoff ein chinesisch Bild;

Wie Wangen einer Huri frisch und glatt,
Die keiner Kräuslerinn vonnöthen hat.

Nachdem sein Auge lang auf ihr geruht,
Zieht’s ihn zum Kuss und zur Umarmung hin:

Sein holder Mund küsst süssen Zucker auf,
Und an dem Unnab nagt sein reiner Zahn;

Ihr Lippenpaar scheint jenem sel’gen Gast
Ein Salzfass auf der Tafel des Vereins:

D’rum labt er erst an einem sich,
Wie man die Mahlzeit mit dem Salz beginnt;

Doch als das Salz nun seine Lust gemehrt,
Umgürtet er mit beyden Armen sie,

Beglückt, als unerwartet seine Hand
Die Spur des nie berührten Schatzes fand.

Als er die unversehrte Perle schaut,
Und ihrer Flur verschloss’ne Knospe pflückt,

Spricht er: “Wie blieb die Perle unversehrt,
Und wie erschloss der Wind die Knospe nicht?”

Sie sprach: “Mich hat nur der Vesir geschaut,
Doch pflückt’ er die bewahrte Knospe nie:

Zwar trat er rasch oft auf verbothne Bahn,
Doch nah’ am Ziel sank er ermattet hin.

Als ich – ein Kind – dein holdes Traumbild sah,
Und dich um Nahmen und um Zeichen frug,

Da spreitet’ er des Mitleid’s Teppich aus,
Und überliess mir selbst dies theure Gut.

Dies theure Gut, ich wahrt’s vor Jedermann,
Und meine Perle bleib stets unberührt:

Gelobt sey Gott dass dieses theure Pfand
Stets unerreicht blieb von der Frechheit Hand:

Zweyhundertmal traf mich der Sorge Schwert,
Allein das Pfandgut blieb dir unversehrt;

Zweyhundertmal sah ich das Leid mir droh’n,
Doch trug ich endlich meinen Wunsch davon.”

Als Joseph jener Peri Wort vernimmt,
Mehrt sich allmählig seiner Liebe Gluth,

Und zu ihr spricht er: “Schönste Huri du!
Frommt dies nicht mehr als was du einst begehrt?”

Sie spricht: “Fürwahr; allein entschuld’ge mich,
Denn Liebe war’s der meine Thräne floss:

Ich fühlte grenzenlose Herzenspein,
Ich fühlte lindrungslosen Seelenschmerz,

Und ach, du warst so hold, so schön wie itzt,
Und mehrtest stets der trunk’nen Sinne Trieb:

Da blieb mir für Geduld kein weit’rer Raum:
D’rum hülle nun mich in der Nachsicht Saum!”

Wenn er aus allzugrosser Liebe fehlt,
Ob auf den Freund dann die Geliebte schmählt?


Übersetzt von Vincenz von Rosenzweig-Schwannau (1791-1865)
Aus: Dschami Joseph und Suleicha
Historisch-romantisches Gedicht
Aus dem Persischen des Mewlana Abdurrachman Dschami übersetzt und durch Anmerkungen erläutert von Vincenz Edlem von Rosenzweig 1824

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