Geschichte der Schönheits-Fackel Jussuf’s

Autor: Nur al-Din Abd Al-Rahman Jami
Übersetzung von: Ritter Vinzenz von Rosenzweig-Schwannau German flag
1824


Wie sie bey dunkler Nacht leuchtet, und wie Adams Herzens-Schmetterling sich beym Anblicke dieser Fackel verbrennt.

Die Perlen-Wieger im Verstandes-Meer,
Der Himmels-Offenbarung Kundige,
Verfolgend der Geschichte schnellen Lauf,
Erzählen uns von Adam Folgendes:

Als sich sein Aug’ weltschauend öffnete
Umglänzt ihn seiner Kinder geistig’ Bild:
Erst stand die Reihe der Propheten-Schaar;
(An seinem rechten Platz ein jeglicher)

Ihr folgt’ der Heil’gen fromme Reihe nach,
Und zwar nach jener des Propheten gleich;
Der Weltbeherrscher fürchterliches Heer,
In prächt’ger königlicher Kronen Glanz;

Dann reihenweis die andern Sterblichen
In schöner Ordnung, auf verdientem Platz.
Als Adam diese Reihen überblickt’,
Besucht’ er einzeln eine jegliche;

Da traf sein Aug’ auf Jussuf, jenen Mond,
Nicht Mond, nein! Sonne höchster Herrlichkeit.
Gleich der Versammlung Licht, hoch auserwählt,
Gleich einer Fackel ragt sein Haupt empor.

Der Schönsten Schönheit schwand vor ihm in Nichts,
Wie Sterne schwinden vor der Sonne Glanz.
Um seine Schultern floß ein Anmuthsmantel,
Zu seinen Füssen starben Tausende.

Nicht denken läßt sich seiner Reize Macht,
Geübt auch, reicht Verstandes-Kraft nicht hin.
Der Gottesgnade Kleid umfliesset ihn,
Ein Königs-Diadem umstrahlt sein Haupt.

Des Glückes Ost ist seiner Stirne Glanz,
Sein Antlitz schafft die Nacht zum hellsten Tag.
Um ihn gereiht stand der Propheten Schaar
Entkörpert da, ein luftiges Gebild;

Der Frommen Geister ohne Zahl und Maass,
Hochschwingend ihre Fahnen links und rechts.
Und am Altar, von Sonnenlicht erhellt,
Da lagen sie im frommen Gotteslob.

Erstaunt sieht Adam diese Schönheit an,
Und spricht dann leise, der Verwund’rung voll:
Gott! Jener Baum, aus wessen Flur ist er?
Und wessen Blickes Brennpunkt ist er wohl?

Warum umstrahlt ihn solche Herrlichkeit,
Und woher kam ihm so viel Reiz und Macht? –
Und eine Stimme sprach: Es ist dein Sohn,
In Freude wandelt er dein Herzeleid;

Ein zarter Zweig aus Jakob’s Garten ist’s,
Ein scheues Reh aus Abraham’s weiter Flur.
Hoch über Sterne ragt einst seine Macht,
Ägypten’s Land wird seines Thrones Sitz.

Der Reiz der sich auf seinen Wangen malt
Entflammt zum Streit die Schönen dieser Welt.
Den Spiegel hält er deinem Antlitz vor,
Leihst du ihm was von deiner Schönheit Schatz.

Und Adam sprach: Auf ist der Gnaden Thor
Vier Schönheitstheil, geb ich von sechsen ihm.
Und jener Reiz womit die Schönste prangt,
Sey doppelt ihm, nur einfach ihr bescheert.

Und schlösse man der Schönen Kästchen auf,
Sey Aller Reiz des sein’gen Drittheil nur.
Dann preßt er ihn an seine frohe Brust
(Sein reines Herz gewährt der Freuden viel)

Entdeckt ihm seiner Liebe heiße Gluth,
Und drückt den Vaterkuß auf seine Stirn!
Froh seines Sohns blüht er der Rosen gleich,
Spricht Nachtigallen gleich der Rose Heil.


Übersetzt von Vincenz von Rosenzweig-Schwannau (1791-1865)
Aus: Fundgruben des Orients. Band 2 S. 314-316

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