Sieg der Liebe

Autor: Nur al-Din Abd Al-Rahman Jami
Übersetzung von: Ritter Vinzenz von Rosenzweig-Schwannau German flag
1824


Der Liebende der sich stets treu bewahrt,
Der heisst zuletzt wohl der Geliebte noch;

Wer mass der Treue Pfad, und trug als Lohn
Die Liebe der Geliebten nicht davon?

Treu war Suleicha auf der Liebe Bahn,
Weil sie ein Leben liebend hingebracht,

Weil in der Kindheit, wenn sie tändelte,
Und sich mit zarten Puppen unterhielt,

Das Spiel zu dem sie ihre Zuflucht nahm,
Ihr immerdar das Spiel der Liebe hiess:

Das Puppenpaar das sie dann vor sich hielt,
Sie nannt’ es stets die Freundinn und den Freund.

Kaum weiss sie noch was rechts heisst und was links,
Und wie man artig sitzt und zierlich steht,

So zeigt ein waches Glück ihr schon den Traum
Der sie in Joseph’s Liebesnetz verstrickt;

Da bannt sie schnell das Heimweh aus der Brust,
Beschliesst die Reise nach Egyptens Reich,

Und eilt aus ihrer Stadt in Joseph’s Stadt,
Wo Joseph sie, nicht Selbstsucht hingeführt;

In seinem Wahnbild flieht ihr Jugendlenz,
Er flieht in steter Hoffnung seines Bund’s;

Im Alter selbst sehnt sie sich noch nach ihm,
Und selbst erblindet will sie ihn noch schau’n;

Und als sie wieder jung und sehend wird,
Liebt sie gleich stark noch jenen Weltengeist,

Und lebt fortan treu ihrer Liebe Schwur,
Und lebt fortan in seinen Banden nur.

Weil ihre Treue keine Grenzen kennt,
So fühlt zuletzt auch Joseph sich bewegt;

Ja, Joseph’s Herz wird so von Liebe warm,
Dass er sich dieser Herzenswärme schämt;

Er wallt so treu auf ihres Herzens Bahn
Dass er kein Stündchen ohne sie mehr ruht;

Stets späht er sorgsam ihren Wünschen nach,
Presst seine Lippe stets an ihren Mund,

Und tränkt so oft der Wollust durst’ge Saat,
Dass ihm’s zuletzt an Wasser schon gebricht;

Doch riss hiedurch Suleichen’s Flor entzwey,
Und ihr erschien der Wahrheit Sonnenlicht:

Es brach der Sonne hehrer Glanz hervor,
Worin, als Stäubchen, Joseph sich verlor.

Ja, auf der ungeweihten Liebe Test
Schmolz ihr schon manches Hindernis dahin;

Itzt da der Wahrheit Sonne ihr erschien,
Schwand auch der Hindernisse letzter Rest;

Es zog der Wahrheit rege Kraft sie an,
Und sie vermied was Niemand meiden kann.

Als sie einst Nachts aus Joseph’s Armen flieht,
Und mühevoll ihm zu entrinnen strebt,

Da fasst er schnell von rückwärts ihren Saum,
Und seine Hand reisst ihr das Hemd entzwey.

Da sprach Suleicha: “Wenn ich dir am Leib,
In früh’rer Zeit, das Hemde einst zerriss,

Riss’st nun auch du das Hemde mir entzwey,
Und gabst den Lohn der Sünde mir zurück.

Kein Vorrang gilt in uns’rer Liebe Reich:
Der Hemde Riss macht uns einander gleich.”

Da Joseph sah wie sie dem Dienst oblag,
Und wie ihr Herz für diesen Zweck nur schlug,

So baut’ er nun ein Lustgebäu von Gold,
Kein Lustgebäu, ein Haus der Andacht ihr,

Voll Lazurziegeln wie des Himmels Köschk,
Und hold getäfelt wie das Paradies.

Mit Bildern war’s vom Dach zum Aestrich voll,
Und ehrfurchtsvoll staunt’s selbst der Künstler an:

Durch jedes Fenster schien der Wonne Licht,
Des Glückes Bothe lief durch jedes Thor;

Den hohen Altan traf kein böses Aug,
Und das Gewölb war Hurisbrauen gleich;

Die Kuppel lieh der Sonne Licht und Glanz,
D’rum war kein Schatten in dem Haus zu schau’n.

Aus der Beglückten Dinte flossen hier
Die Bäume auf der Wände Palmenwald;

Ein Vogel sass auf jeder Palme Ast,
Doch sang sein Schnabel nie ein süsses Lied.

Und in die Mitte setzt er einen Thron,
Von Gold- und Silberziegeln aufgeführt,

Wohl mit zweyhundert Bildern hold bemalt,
Und wohl von tausend Lustern rings umstrahlt.

Und Joseph nimmt Suleichen bey der Hand,
Setzt sie zu sich auf den erhab’nen Thron,

Und spricht zu ihr: “Die du durch häuf’ge Huld
Mich bis zum jüngsten Tage hast beschämt!

Als ich dir noch ein nied’rer Sclave hiess,
Erbautest du ein Haus der Wunder mir:

Mit rothem Onix und mit gelbem Gold
Ward es von dir nach Möglichkeit verziert; –

Nun hab’ auch ich, zu deiner Gnaden Preis,
Ein hohes Haus der Andacht dir erbaut:

Verweile stets zum Preise Gottes d’rin,
Denn jedes Haar bezeugt dir seine Huld:

Er machte dich nach schnöder Armuth reich,
Er gab dir Jugend nach des Alters Schmach;

Er schenkte deinem blinden Auge Licht,
Er schloss sein weites Mitleidsthor dir auf;

Nach einem Leben, voll von Schmerz und Pein,
Gab er den Teriak meines Bund’s dir ein.”

Durch Gottes Gnade sass Suleicha nun
Auf einem hohen kaiserlichen Thron,

Und war vergnügt in jener Einsamkeit,
Durch Gottes Huld und Joseph’s Zärtlichkeit.


Übersetzt von Vincenz von Rosenzweig-Schwannau (1791-1865)
Aus: Dschami Joseph und Suleicha
Historisch-romantisches Gedicht
Aus dem Persischen des Mewlana Abdurrachman Dschami übersetzt und durch Anmerkungen erläutert von Vincenz Edlem von Rosenzweig 1824

Leave a Reply