Suleicha durchweint Tag und Nacht von Jussuf getrennt

Autor: Nur al-Din Abd Al-Rahman Jami
Übersetzung von: Ritter Vinzenz von Rosenzweig-Schwannau German flag
1824


Wenn der Geliebte ruht am Herzen;
Was sehnt es da nach Andrer Liebe sich?
Fliegt wohl der Schmetterling zur Sonne auf,
Wenn schon im Fackellicht ihm Hoffnung glänzt?

Der Nachtigall leg’ hundert Sträuße vor,
Umsonst! sie sehnt nach Rosenduft sich nur.
Hat Sonnengluth den Lotos erst erwärmt,
Blickt er dann wohl noch zu dem Mond empor?

Sehnt nach dem Labetrunk der Durst’ge sich,
Was soll ihm dann der reinste Zucker wohl?
Suleicha fand an diesem sel’gen Ort,
Was immer nur zur Pracht gehört bereit;

Als Sclave dienet ihr selbst auch Asif,
Nichts mangelt ihr von Gütern und von Gold;
Es waren Mädchen rosenduft’gen Leibs
Sie zu bedienen Rast- und Ruhelos,

Und Dienerinnen Herzen verwirrend,
Sie standen ihres Winks gewärtig stets,
Sammt Knaben lächelnd, süß wie Zucker,
Vom Haupt zum Fuße süß wie Zuckerrohr,

Und Mohren hold aus Ambrathon geformt,
Gleich Engeln keusch und von Begierden frey.
Bewohner des Harems der Reinigkeit,
Vertraute in Geschäften des Harems.

Ägyptens Frauen kamen sämmtlich nun
Mit Schönheit und mit Reizen ausgeschmückt.
An Wuchs und Jahren ganz Suleicha gleich,
Der Anmuth ihres Umgangs sich zu freun.

Suleicha sitzend im Versammlungssaal,
Wo Freund und Fremder im Gewühl sich drängt,
Sie spannt des Frohsinns bunten Teppich auf,
Das Herz voll Blut, die Lippe Lächelns voll,

Und schien mit Jeder im Gespräche hier,
Doch anderswo weilt ihr verpfändet Herz;
Zwar sprach ihr Mund mit den Versammelten,
Doch waren Herz und Seele stets beym Freund.

Beym Freund, mit dem in Wonne wie im Schmerz
Sie nur allein ein festes Band geknüpft;
Es war ihr Körper bey der Menge nur,
Denn, ach! ihr Geist hegt andrer Sorgen Qual.

Dieß war ihr Thun vom Morgen bis zur Nacht,
Dieß ihr Benehmen mit den Freundinnen.
Kaum hüllt die Sonne sich in Ambraflor
Auf dem der Mond als Herrscher einsam thront,

Als sie des Freundes Bild in stiller Nacht
Vor sich aufs Kissen holder Anmuth setzt,
Und vor ihm fallend auf ihr sittsam Knie,
Ihm ihrer Seele tiefen Kummer klagt;

Nach Seufzern stimmend ihrer Rede Ton,
Beginnt sie nun des Wahnsinns Trauersang,
Und spricht zum Bilde: “O mein Seelenwunsch!
Verwiesen hast du aus Ägypten mich,

Und nanntest dich des Landes Großwesir,
Es werde ewig Ruhm und Ehre dir!
Denn dieser Ruhm schmückt mich als Diadem,
Und Wonne nenn’ ich’s deine Magd zu seyn.

Verlassen bin ich hier und Heimathlos,
Beraubt des Glücks mit dir vereint zu seyn;
Wie lange noch, von diesem Maal gebrannt,
Zünd’ ich davon des Elends Fackel an?

Komm, sey der Lichtglanz meiner Herzensflur,
Ein heilend Pflaster für mein Herzensmaal!
Von Liebe zur Verzweiflung hingeschleppt,
Gab ein verborgner Engel Hoffnung mir;

Mein Leben fristet jene Hoffnung nur,
Vom Saum mich schüttelnd der Verzweiflung Staub.
Dein Schönheitslicht, das mir ins Herz gestrahlt,
Verbürgt mir unsers Wiedersehens Glück;

So Bluterfüllt mein mattes Auge ist,
So späht es allenthalben doch nach dir;
O selig jene Zeit, in der du hold,
Ein Mond, in’s Zeichen meiner Augen trittst.

Seh’ ich dein Antlitz, werd’ ich schnell zu Nichts,
Roll’ meines Daseyns bunten Teppich auf,
Verliere des Gedankenfadens Ende,
Verliere mich in Sinnenlosigkeit;

Du siehst mich nicht an meiner Stelle mehr,
Und nimmst als Seele meine Stelle ein.
Des eig’nen Ich’s Erinnerung schwindet mir,
Dich find’ ich stets wo ich nur mich gesucht!

Mein Wunsch bist du in beyden Welten nur,
Fänd’ ich dich, ach! was sprech’ ich dann von mir?”
Der Morgen brach beym Selbstgespräche an,
Das sie zum hellen Tage fortgeführt.

Als nun der Morgenwind zu weh’n begann,
Stimmt sie nach and’rem Ton dieß Selbstgespräch.
Was sprach sie wohl? – Sie sprach: “Auf, Morgenwind!
Geuß Moschusduft in der Jasmine Schooß,

Durchwehe Lilien- und Zypressen-Au’n,
Schau Hyacinthen auf der Rose Blatt!
Du neckst die Blätter im Tschinellenklang,
Und sieh, es tanzt der festgebannte Baum;

Du bist der traute Bothe Liebender
Und wehest Ruhe in des Jünglings Brust:
Ein zärtlich Briefchen bringst vom Mädchen du,
Und linderst so den Schmerz des Trauernden;

Kein irdisch Wesen trauert mehr als ich,
Kein Auge funkelt mehr der Trennung Schmerz.
Mein Herz ist krank, o lindre seine Qual!
Es häufet sich mein Gram – komm tröste mich!

Kein Plätzchen gibt es auf der Erde Rund
In das du dich nicht unversehens schleichst;
Du dringst durch Thüren, selbst durch eiserne,
Und schließt man sie, dringst du zum Fenster ein.

Erbarme meiner, der Verirrten, dich,
Durchspähe ringsum aller Orte mir!
Flieh’ hin zu der Beherrscher Königsstadt,
Hinan die Stufen des Monarchen-Throns.

In jeder Stadt frag’ meinem Monde nach,
Auf jedem Throne suche meinen Schah;
Durchziehe jede bunte Frühlingsflur
Und setz’ den Fuß an jedes Stromes Strand;

Vielleicht erspähet der Zypresse Spur
Dein forschend Aug’ an eines Baches Rand;
Flieh’ dann nach Choten’s duft’gem Moschusfeld
Und nach den Bildergallerien Sina’s,

Ein schlankes Reh, ihm ähnlich, hasche dort,
Und suche hier ein Bildniß das ihm gleicht.
Und kehrst du heim aus jenen Gegenden,
Auf jedem Berge den dein Fuß erklimmt,

Wo dir ein Repphuhn schwanken Trittes naht,
Gedenke seiner und ergreif’ es schnell!
Und stößt dir eine Karawane auf,
Von einem holden Führer angeführt,

Sieh ihn mit Augen meiner Liebe an
Und lenke schnell den Zug in dieses Land;
Vielleicht den Helden sehend pflücke ich
Ein Röschen von der Hoffnung Rosenbaum.”

Vom frühsten Morgen bis der Sonne Licht
Hin eilte auf des Tages Tummelplatz,
Besprach sie, Gramerfüllt und blut’gen Aug’s,
Sich unabläßig mit dem Morgenwind.

Und als die Sonne nun den Tag erhellt,
Erhellt’, ihr ähnlich, sie der Mädchenkreis,
Die rings um sie in Reihen aufgestellt,
Sich sonnten froh an ihrer Schönheit Strahl.

Mit Mädchen reines Herzens, reiner Brust,
Betrug sie sich mit Sittsamkeit;
So war des Nachts ihr Zustand, so des Tags,
So floßen Monde, Jahre so dahin.

Fühlt’ sie ihr Herz im Hause zu gepreßt,
Flugs eilt sie auf die bunte Blumenflur;
Bald stöhnt sie da aus brandmaalvoller Brust
Und beugt zum Zelte gleich der Tulpe sich,

Der sie vom Rosenwangigten erzählt
Und vom Geheimniß ihres Herzensmaals;
Bald eilt sie, gleich des Thales wildem Strom,
In Thränen schwimmend hin zum Nilesstrand,

Und spricht ihm von der Qual die sie verzehrt,
Und menget Thränen in des Flußes Lauf.
So bringt sie kummervolle Tage hin,
Den Blick gewandt nach der Erwartung Bahn,

Woher wohl komme der geliebte Freund,
Wo er als Mond, als Sonne ihr erscheint?
Auf dann, Dschami! laß dein Bestreben seyn,
Bring’ Kanaan’s Mond von Kanaan.

Voll süßer Hoffnung ist Suleicha’s Herz,
Ihr Blick nährt sehnsuchtsvollen Schmerz.
Zu lange währte ihres Harrens Pein,
Laßt uns sie trösten durch des Freunds Verein!


Übersetzt von Vincenz von Rosenzweig-Schwannau (1791-1865)
Aus: Geschichte der schönen Redekünste Persiens mit einer Blüthenlese aus zweyhundert persischen Dichtern
Von Joseph von Hammer Wien 1818

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