Suleicha’s dritter Traum

Autor: Nur al-Din Abd Al-Rahman Jami
Übersetzung von: Ritter Vinzenz von Rosenzweig-Schwannau German flag
1824


O Liebe komm, du die voll schlauer List
Mit Friede bald, und bald mit Kriegen spielt!

Du schaffst den Weisen bald zum Narren um,
Und bald zum Weisen den, den Narrheit quält;

Wenn du der Engelschönen Haare knüpfst,
Umstrickt die Thorheit selbst den Weisesten;

Doch lösest du den Knoten jenes Haar’s,
Glänzt heller des Verstandes Fackellicht.

Suleicha, die geduld- und sinnenlos
Des Kummers Zwilling, und von Gram umarmt,

Des Leidensbechers Hefen ausgeleert,
Bringt eine Nacht in Liebesflammen zu.

Sie reisst das Haupttuch sich vom Ambrahaar,
Bestreut mit Erdenstaub den Scheitel sich,

Neigt den Cypressenrücken zum Gebet,
Und sieh! den Boden neidet Irems Flur.

Aus den Narzissen quillt ein Ergvanstrom,
Und mit der Zunge, die der Lilie gleich,

Beklagt sie ihren tiefen Seelengram,
Und spricht dann Folgendes zu ihrem Freund:

O Räuber meiner Sinne, meiner Ruh’,
Zerstörer meines selbstzufried’nen Glück’s,

Du schufst mir Leiden, die du nimmer theilst,
Du stahlst mein Herz, und weigerst deines mir!

Nur deinen Namen nennt’ ich, wüsst’ ich ihn,
Nur zu dir flöh’ ich, wüsst’ ich, wo du weilst.

Süss lächelnd war ich einst, mir selbst genug,
Nun bin ich gleich dem Rohre knotenvoll.

Viel Blut schon trank ich dir, der Knospe gleich,
Und bin der Rose ähnlich nun beschämt.

Nicht wag’ ich’s deine Liebe zu erfleh’n,
Doch wählst du mich zur letzten Sklavin nicht?

Wie, wenn du freundlich mit der Sklavin wärst,
Und sie befreitest aus der Leiden Band?

Ach, Niemand sei gleich mir in Blut getaucht,
Gleich mir des Pöbelspottes Gegenstand!

Die Mutter grämt das missgerath’ne Kind,
Und ach, der Vater schämt der Tochter sich!

Verlassen selbst von meinen Sklavinnen
Bin ich mit meinem Grame ganz allein.

Nur du hast Muth genug, mich dürres Reis
Der hellen Flammenlohe kalt zu weih’n.

So sprach sie mit dem theuren Herzensfreund’,
Bis sie der Schlummer überwältigte.

Vom Schlafesbecher trunken ward ihr Aug’,
Und ihr erschien der Räuber ihres Schlaf’s

Viel reizender, als ich’s besingen kann;
Denn Worte mangeln mir bei solchem Reiz.

Sie hängt an seinen Saum sich schluchzend an,
Vergiesst zu Füssen ihm des Herzens Blut,

Und spricht: O du, in dessen Liebesqual
Mein Herz die Ruhe, Schlaf mein Auge flieht:

Beim Reinen, der so makellos dich schuf,
Dich aus der Welten Schönen auserkor,

Verkürze, Theurer, meiner Leiden Pein;
Sprich deinen Namen, deinen Wohnort aus.

Und Jussuf sprach: Gewährt sei dir dein Wunsch:
Ich bin Vezier in der Aegypter Land.

Als des Monarchen Stellvertreter, schmückt
Mich hoher Ruhm durch des Allmächt’gen Huld. –

Suleicha wird, als sie vom Freund’ dies hört,
Wie neubelebt nach hundertjähr’gem Tod,

Und wonnig kehrt nach dieser Rede ihr
Des Körpers Kraft, der Seele Sinn zurück.

Im Schlafe war ihr Glück erwacht; und die
Berauscht entschlummerte stand nüchtern auf. –

Da nun die Kunde jenes Schönheits-Monds
Ihr wieder des Bewusstseins Gabe lieh,

Berief sie sämmtlich ihre Sklavinnen,
Und sprach: O die ihr treu mein Leiden theilt,

Seid meinem Vater Boten sel’gen Glück’s,
Befreit ihn aus des Leidens Flammen-Brand,

Denn meine Sinne kehrten mir zurück,
Und neuerdings läuft mein gehemmter Bach!

Komm, Vater, lös’ die güldnen Fesseln mir,
Denn keines Wahnsinn’s Rückfall fürcht’ ich mehr;

Der Geiz’ge nur schliesst karg sein Silber ein;
Grossmüthig schenke du die Freiheit ihm.

Als diese Freudenpost der Vater hört,
Beraubt sie jählings seiner Sinne ihn;

Verstört, verloren, wie Verliebte sind,
Eilt er zur reizenden Cypresse hin,

Schliesst auf der doppelköpf’gen Schlange Mund,
Und löst der Silberbrüst’gen Fessellast.

Suleichen nahten nun die Sklavinnen,
Und setzten sie auf einen güld’nen Thron,

Hoch auf den Sitz der Liebenswürdigkeit;
Und schmückten sie mit einem Diadem:

Und alle Perisgleichen kamen nun,
Um Schmetterlinge jenes Lichts zu sein.

Vom Kreise der Gespielinnen umreiht
Zerbeisst sie Zucker, gleich dem Papagei;

Dann schliesst sie der Erzählung Kästchen auf,
Und fängt von jedem Land zu sprechen an.

Sie spricht von Griechenland und von Damask,
Und schwimmt im Zucker, wenn man Missr nennt;

Schliesst dann mit der Aegypter Thatenruhm,
Und spielt der Rede Gang auf den Vezier.

So oft sein Nam’ auf ihrer Zunge schwebt,
Sinkt sie, dem Schatten gleich, zur Erde hin,

Blut strömet aus der Wolke ihres Aug’s,
Und bis zum Himmel steigt ihr Klageton.

So schwand der Tag, so schwand die Nacht dahin,
Sie sprach vom Freund’ und von Aegypten nur:

Nur solcher Rede lieh sie froh ihr Ohr,
Und schwieg, war dies der Rede Inhalt nicht.


Übersetzt von Vincenz von Rosenzweig-Schwannau (1791-1865)
Aus: Dschami Joseph und Suleicha
Historisch-romantisches Gedicht
Aus dem Persischen des Mewlana Abdurrachman Dschami übersetzt und durch Anmerkungen erläutert von Vincenz Edlem von Rosenzweig 1824

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