Suleicha’s erster Traum

Autor: Nur al-Din Abd Al-Rahman Jami
Übersetzung von: Ritter Vinzenz von Rosenzweig-Schwannau German flag
1824


Wie Suleicha zum ersten Male in der Scheide des Traumes das Schwert der Schönheit Jussufs erblickt, und wie sie durch dieses noch versteckte Schwert dennoch von der Liebe getödtet wird.

In einer Nacht, schön wie des Lebens Tag,
Und Wonnemehrend gleich der Jugend Zeit;
Wo Fisch und Vogel schon der Ruhe pflog,
Und selbst des Tages Zeitung rastend schwieg;

In diesem sehenswerthen Gartenhause
Der Sterne flimmernd’ Aug’ nur wacht’ und sah;
Wo kühn des Wächters Sinn der Nachtdieb stahl,
Der Glöckner fest der Glocke Zunge band,

Der Hunde Ringel-Schweif zum Halsband ward,
In dem ihr heulend Bellen sich verlor;
Sein Federn-Schwerdt der nächt’ge Vogel zog,
Womit er schweigend in sein Rohr sich schnitt;

Vom hohen Kuppel-Dach der Königs-Burg,
Des Wächters Auge wie ein Mohnkopf schien,
Und ihm zum Wachen keine Kraft mehr blieb,
Weil ihn der Mohn in Schlummer sanft gewiegt;

Wo selbst der Trommel Schlägel rastete
Weil Schlaf die Hand ihm an den Stecken band;
Der helle Ruf des Muesin’s noch nicht
Die Schlummernden ihr Bett aufrollen hieß;

Da lag süßlippig auch Suleicha noch
Den Zucker-Schlaf auf dem Narcissen Paar.
Dem Kissen lieh ihr Haupt ein düftend Haar,
Ihr Leib dem Bette einen Rosenbund.

Doch wühlt das Kissen ihren Sünbül durch,
Und malt ihr Seiden-Haar auf Rosenau’n.
Zwar ruht ihr sinnlich’ Auge süß im Schlaf,
Doch ihres Herzens zweytes Auge wacht.

Da war es ihr, als trät’ ein Jüngling ein,
Was sag’ ich Jüngling? nein, ein reiner Geist;
Sein Königs-Antlitz hell aus Feuer-Glanz
Beraubte die Huri’s vom Paradiese.

Er war’s, der ihnen allen Reiz geraubt
Er der um alle Anmuth sie gebracht.
Dem jungen Buchsbaum ähnlich ist sein Wuchs,
Sein Sklave der Cypresse freyer Stamm.

Die Locken hangen Ketten gleich herab,
Und legen dem Verstande Fesseln an,
Von seiner Stirne hellem Strahlen-Glanz
Neigt demuthsvoll der Sonne Antlitz sich.

Sein Augen-Bogen ist ein Bethaltar,
Ein Ambra-Zelt den sanft Entschlummernden.
Sein Antlitz ist des Paradieses Mond,
Der in des Schützen Himmels-Zeichen weilt.

Die Anmuth schminket die Narcissen ihm,
Die Wimpern schießen Pfeile in das Herz.
Die Lippe streuet lächelnd Zucker aus,
Und spricht sein Mund, ist’s nichts als Süßigkeit.

Des Glanzes Perle im Korallen-Mund
Gleicht einem Blitz im Rosen-Morgenroth.
Pleyaden Licht entfließt ihm, wenn er lacht,
Wie seinem Zahn des Witzes Salz entquillt.

Sein Apfel-Kinn vom Unterkinn umfaßt
Gleicht einer Quitte die an Äpfeln prangt.
Ein Moschus-Brandmal ist sein Wangenmaal,
Ein Raben-Nest auf einer Rosen-Flur.

An Silber reich ist Arm und Schenkel-Paar
Und silberlos die Lende gleich dem Haar.
Als ihn Suleicha’s Auge nun erblickt,
Geschah durch einen Blick das, was geschah,

Da übermenschlich hohen Reiz sie sah,
Der nie Peri’s und nie Huri’s geschmückt.
Der Wangen Glanz, die Anmuth der Gestalt
Knüpft sie mit tausend Herzen fest an ihn.

Nun hat sie nur für seine Schönheit Sinn,
Und pflanzt der Liebe Zweig sich in ihr Herz.
Sein Angesicht entflammt den Busen ihr,
Worin Geduld und Religion verbrennt.

An jedes seiner Ambra-Haare knüpft
Sie ihrer Seele Fädchen brünstig an.
Zu Thränen rührt sein Augen-Bogen sie,
In Blut getaucht heißt sie sein Auge ruhn.

Zur Zucker-Bude schafft sein Mund ihr Herz,
Sein Zahn die Wimpern ihr zum Perlenbund,
Sein Silberschenkel raubt ihr den Verstand,
Und sie umgürtet Ihm zu dienen sich.

Doch kaum erblicket sie sein Moschusmaal,
Als sie der Raute gleich im Feuer brennt.
Nicht mind’re Qual schafft ihr sein Apfel-Kinn,
Wo pflückt man leicht wohl eine Frucht wie die?

Fürwahr sie sah ein reizendes Gebild,
Das zwar entschwand, doch sich im Geiste mehrt!
Suleicha zürnte auf ihr eignes Ich;
Und nicht der Sinn, das Bild nur reizte sie.

Ach! fühlte sie der Seelen reinen Trieb,
Sie schwänge sich zum Himmels Thron empor;
Doch nur ein sinnlich Bild entzückte sie,
Sie wußte nichts vom keuschen Seelen-Bund.

Uns Alle fesselt stets nur eitler Wahn,
Und ewig kleben wir am Sinnlichen.
Enthielt’ ein irdisch’ Bild nicht höhern Sinn,
Wann fröhnte dann ein Herz dem Bildner wohl?

Der Durst’ge weiß den Krug mit Wasser voll,
Drum streckt er nach des Kruges Hals die Hand;
Doch taucht er sich in süße Meeres-Fluth,
Fällt ihm da wohl der Wasser-Krug noch ein?


Übersetzt von Vincenz von Rosenzweig-Schwannau (1791-1865)
Aus: Fundgruben des Orients. Band 3 S. 295-308

Leave a Reply