Über Jussuf und Suleicha

Autor: Nur al-Din Abd Al-Rahman Jami
Übersetzung von: Ritter Vinzenz von Rosenzweig-Schwannau German flag
1824


Jussuf und Suleicha, Leila und Medschnun, Chosru und Schirin sind die drey am vielfältigsten bearbeiteten Stoffe romantischer Liebesgeschichten des Orients, deren jeder einen besonderen Charakter an sich trägt, nicht nur durch die Nationalität der handelnden Helden, sondern auch durch die Natur ihrer Gefühle ganz von einander verschieden. In bloßer Hinsicht auf die Nationalität ist Chosru und Schirin der eigentlich persische, Leila und Medschnun der eigentlich arabische, und Jussuf und Suleicha, dessen Geschichte von den dreyen allein im Koran vorkommt, der eigentlich biblische Roman, dessen handelnde Personen Jussuf der schönste Jüngling des Ostens, und Suleicha eine Schönheit aus Westen, allen Völkern des Aufganges und Niederganges gemeinsam angehören. Ein weit mehr wesentlicher Unterschied dieser drey Stoffe liegt aber noch in der eingeführten Behandlungsweise derselben. Chosru und Schirin, das Gemälde glücklicher Liebe, und des höchsten weiblichen Ideals in Schirin; Leila und Medschnun, die Geschichte unglücklicher Liebe, und des daraus entstehenden Wahnsinns, der für Medschnun das höchste Interesse erweckt, während Leila als ruhige Schönheit auch den Leser ruhig läßt. Dort ist Schirin, hier Medschnun die Hauptperson; endlich Jussuf und Suleicha, worin das Ideal der höchsten Schönheit in Jussuf, und das Ideal der feurigsten Liebe in Suleicha, die Macht der Schönheit und der Liebe, die Herrschaft des Gemüths und der Sinnen, der besiegende Geist des Prophetenthums, und die unterliegende Schwäche sich selbst überlassener Weiblichkeit in scharfen Contrasten einander gegenüber gestellt sind. Jussuf und Suleicha ist vorzugsweise die allegorische durch den Koran geheiligte Geschichte göttlicher Liebe, welche ihre Anspielungen nur aus diesem Roman, und nicht aus den anderen profanen Liebesgeschichten hernimmt. Die Geschichte Jussuf’s wird im Koran selbst Ahsenol-kißaßi, d.i. die schönste der Erzählungen genannt, und verdient diesen Nahmen ungeachtet einiger Zusätze, welche sich in unserer biblischen Geschichte nicht finden. Mohammed widmete derselben die ganze zwölfte Sura des Korans, deren Faden auch der Roman getreu verfolgt. Schon bey Erschaffung der Welt, als Gott dem Adam die Seelen aller Nachkommen zeigte, überstrahlte Jussuf’s Schönheit alle übrigen mit solchem Glanze, daß Adam seinen göttlichen Führer fragte, wem diese Seele einst angehören werde. Als Jussuf’s Seele mit körperlicher Hülle bekleidet ward, schlug der Glanz der Schönheit als himmlische Flamme über seinem Haupte zusammen, und dieses Feuer, das in Jussuf das höchste Schönheitslicht, in andern Propheten aber auch bloß die Flamme göttlicher Begeisterung vorstellt, unterscheidet in den Gemählden orientalischer Gedichte und Geschichten sogleich die Hauptpersonen der Propheten. Ein solcher Flammenbündel, der sich von dem Scheitel zum Himmel emporwirbelt, ist auch für die Kunst ein weit schönerer Gegenstand, als die Moseshörner und der Heiligennimbus, welche durch geschmacklose Sagen und Nachbildungen daraus entstanden sind. Suleicha, die Tochter des mauritanischen Königs Taimus, erblickte Jussuf’s Schönheit im Traume, und versank darüber in das Nachdenken unbefriedigter Sehnsucht nach einem vorschwebenden unbekannten Ideale. Dreymahl war er ihr so im Traume erschienen, und hatte das drittemahl Ägypten sogar als das Land seines Aufenthaltes genannt; um so weniger Abneigung hatte sie, der Gesandschaft des ägyptischen Asif, oder Großwesirs, der um ihre Hand anhalten ließ, Gehör zu geben, und die Heirath wurde beschlossen. Suleicha hält im stattlichsten Gefolge einen herrlichen Einzug in die Hauptstadt Ägypten’s; als sie aber durch eine Ritze des Zelts, statt des Ideals ihrer Träume, Putifarn erblickt, bricht sie in lauter Weinen und Wehklagen aus über so harte Täuschung, und über ewige Trennung, zu der ihr Leben verdammt scheint. Hier beginnen erst die biblischen Geschichten Jussuf’s: vom Neide seiner Brüder, von seinen Träumen, von dem Complotte der Brüder, die ihn in einen Brunnen werfen, und dann an eine ägyptische Karawane verkaufen. Der Anführer derselben, Malek, schlägt ihn durch öffentliche Versteigerung los, wo ihn Suleicha als Meistbiethende erhandelt, zum großen Verdrusse ihrer Nebenbuhlerinnen, worunter sich auch eine Prinzessinn Nasigha aus dem Stamme Aad befindet. Suleicha bestimmt den schönen Jussuf zu ihrem Dienste, und da er sich eine Schäferey wünscht, weil alle Propheten Hirten waren, erfüllt sie sein Verlangen in der Hoffnung, daß auch er um so bereitwilliger sich finden würde, als ihr Schäfer ihr Verlangen zu erfüllen. Umsonst waren aber alle theils mittelbar durch ihre Amme, theils unmittelbar selbst auf ihn gemachten Versuche und Angriffe. Endlich gab ihr die Amme als ein unfehlbares Mittel zu ihrem Zwecke zu gelangen, den Einschlag, ein Gartenhaus zu bauen, worin sie und der schöne Jussuf an allen Orten, in allen Stellungen glücklicher Liebe abgemahlt wären. Der Pavillon erhob sich mit sieben Gemächern, in deren letztem Jussuf (dessen Augen überall die mächtigsten Reize der Verführung erblickten) vielleicht unterlegen wäre, wenn ihm nicht in dem Augenblicke der höchsten Gefahr sein Vater Jakob mit warnendem Finger erschienen wäre. Er ergriff mit zerrissenem Hemde die Flucht (daher im Orient zum lehrreichen Angedenken noch heute alle Hemden auf dem Rücken aufgeschlitzt sind), und da gerade vor der Thüre auf den Gemahl Suleicha’s stieß, beschuldigte sie ihn ihrer eigenen Unthat. Da fing ein unmündiges Kind zu sprechen an, und gab wahrhafte Zeugenschaft von der Unschuld Jussuf’s, der sowohl dieser Zeugenschaft als der schon früher und nachher beurkundeten Wahrheit seiner Traumauslegung willen, Es-Sadik oder der Wahrhaftige heißt. Suleicha’s Geschichte mit Jussuf war nun das Gerede der Stadt, und sie selbst der Gegenstand der boshaftesten Spöttereyen aller Frauen. Um sie zu bestraffen, lud sie dieselben auf eine Kaffeegesellschaft. Die Früchte wurden aufgetragen, und als die Damen eben die Orangen in die Hände genommen, und die Messer um sie zu schälen, trat Jussuf mit dem Kaffee ein. Die Frauen starrten hin, und waren bey dem Anblicke seiner überirdischen Schönheit so sehr sinnenberaubt, daß sie gar nicht wußten was sie thaten, sondern sich sammt und sonders, statt in die Orangen, in die Finger schnitten, daß statt des Saftes Blut von den Händen troff. Durch diese Begebenheit nachsichtiger gemacht für Suleicha’s Liebe, nahmen die Frauen nun selbst ihre Parthey, und riethen ihr, den schönen Jussuf in den Kerker zu schicken, wenn sie länger noch kein Gehör bey ihm fände. Sie befolgt den Rath, bereut es aber sehr bald, weil ihr die Pein von ihm getrennt zu seyn unerträglich dünkt. Bald beschickt sie ihn durch ihre Amme, bald steigt sie auf die Terrasse des Daches, um von da wenigstens das Dach des Kerkers zu erblicken, worin Jussuf versperrt war. Hier erklärte er dem Mundbäcker und dem Mundschenken, und endlich nachdem er vor den König berufen worden, diesem selbst die bekannten Träume. Suleicha zieht sich nach dem Tode ihres Gemahls in die Einsamkeit zurück, und Jussuf ward Großwesir Ägyptens, dessen Einwohner er durch weise Maßregeln von der Hungersnoth der sieben unfruchtbaren Jahre rettet. Suleicha, die in der Einsamkeit fern von Jussuf ihr Daseyn nicht aushalten konnte, baute sich ein Haus an der Stadt, wo er täglich vorbeyzog, um doch wenigstens die Schläge der Hufe seines Pferdes zu vernehmen. Da Jussuf sie noch immer keines Blickes würdiget, entsagt sie endlich dem Götzendienste, und bekehrt sich zum wahren Glauben. Als Gläubige erscheint sie nun vor Jussuf, wird von ihm sehr liebreich aufgenommen, und erhält auf seine Fürbitte ihre erste Jugend und Schönheit wieder. Auf des Herrn Befehl nimmt er sie zur Frau, und wird ihr um so mehr mit Liebe zugethan, als er in ihr, wider alles Erwarten, eine reine Jungfrau findet. Die Liebe mit der sie ihrem Ideale ergeben war, hatte ihr nicht erlaubt sich den Umarmungen Putifar’s hinzugeben. Jussuf gibt Suleichen den größten Beweis seiner Liebe, indem er ihr ein Bethhaus baut, um darin den wahren Gott zu verehren. Bald hierauf stirbt er und Suleicha nach ihm, aus Schmerz. Das Ende machen moralische Betrachtungen des Verfassers und Lehren an seinen Sohn.


Aus: Geschichte der schönen Redekünste Persiens mit einer Blüthenlese aus zweyhundert persischen Dichtern
Von Joseph von Hammer Wien 1818

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