Wie der Morgen-Wind Suleichen anweht

Autor: Nur al-Din Abd Al-Rahman Jami
Übersetzung von: Ritter Vinzenz von Rosenzweig-Schwannau German flag
1824


Und ihre schlummernden Narcissen sich öffnen; wie ihr Herz, der nächtlichen Phantasie wegen, der Rosen-Knospe gleich Blut in sich säugt, und sie ein Siegel auf ihre Lippen drückt.

Früh als der Knabe dunkler Nacht entfloh,
Des Morgens-Hahnes heller Ruf erscholl;
Die Nachtigall mit rührendem Gesang
Der Knospe Schleyer von der Rose hob;

Das Veilchen seine Ambra-Locken wusch
Samt dem Jasmin in kühlem Morgenthau;
Lag noch Suleicha sanft in süßem Schlaf,
Die Seele voll vom nächtlichen Gesicht.

Doch war’s nicht Schlaf, nein sel’ger Sinnenraub,
Erstaunen war’s der froh durchträumten Nacht.
Es nahten nun die schönen Sclavinnen,
Und küßten dann voll Ehrfurcht ihr die Hand.

Den Schleyer hob sie auf, der Tulpen barg,
Und sanft erwacht’ ihr trunknes Augenpaar.
Zum holden Oste schuf sie nun ihr Kleid,
Dem sie das Haupt entwand, und um sich blickt’;

Doch keine Spur vom Rosenwangichten!
Verschlossen gleich der Knospe, ward sie nun.
Im Grame, den ihr die Cypresse schafft,
Will sie ihr Kleid zerreissen, Rosen gleich;

Doch Schaam vor Menschen fesselt ihre Hand,
Und ihren Fuß an der Ergebung Saum.
Im Herzen birgt sie ihr Geheimnis nun,
Gleich dem Rubin, der sich in Minen birgt;

Und Blut verschlingt ihr Knospengleiches Herz,
Dem nicht ein Tröpfchen lindernd mehr entquillt.
Sanft spricht die Lippe mit den Sclavinnen,
Indess dabey die Seele traurend klagt;

Ihr schöner Mund streut lächelnd Zucker aus,
Doch gleicht ihr Herz dem knot’gen Zuckerrohr,
Und während sanft sie im Gespräche weilt,
Sprüh’n tausend Funken aus der Liebe Maal;

Sie warf den Blick auf Anderer Gestalt,
Doch an den Freund gekettet blieb ihr Herz.
Was soll des Herzens Zügel ihrer Hand,
Da, wo sie war, der Herzens-Räuber stand? –

Ein Herz, das Lieb’ in Krocodills-Schlund warf,
Erlahmt bevor es seinen Wunsch ereilt;
Es kennet keine andern, als den Freund,
Und keine Seelen Ruhe als bey ihm.

Spricht es ein Wort, ist’s mit des Freundes Bild,
Und hegt es Wünsche, ist’s vom Freunde nur.
Wohl tausendmal umschwebt sie matt ihr Geist,
Eh jenes Leiden Tages-Nacht erschien.

Die Nacht, die Freundinn aller Liebenden,
Geheimniß-Hüterin der Liebenden!
Und ach! ihr ew’ger Wunsch, denn wenn der Tag
Den Vorhang neidisch hebt, rollt sie ihn zu!

Die Nacht erschien. Doch an des Grames Wand
Gelehnt, war sie der krummen Harfe gleich,
Die sie mit Thränen-Saiten überzog,
Und nach dem Klange ihres Herzens stimmt’;

Der Laut, den sie nun gab durchdrang das Herz,
Durch aller Töne Leiter stöhnte sie;
Doch stets umschwebt sie noch des Freundes Bild,
Und Perlen quellen ihr aus Aug’ und Mund:

Aus welchem Schachte bist du Edelstein?
Denn dir nur dank’ ich jenen Perlenstrom.
Du raubst mein Herz, sprachst deinen Namen nicht,
Sprachst selbst kein Wort von deinem Aufenthalt.

Vom wem erfrag’ ich deinen Namen wohl?
Wer gibt mir Kunde wohl von deiner Spur?
Bist du ein König, sprich wie nennt man dich?
Bist du ein Mond, wo thronst du anmuthsvoll?

Ach, Niemand leide je was ich schon litt,
Denn Herz und Herzens-Freund ward mir geraubt!
Ich sah dein Bild, das mir den Schlummer stahl,
Das mir aus Herz und Auge Blut gepreßt!

Ich Schlummerlose! ach, es blieb mein Herz,
In deines Liebe-Feuers Flammen Wuth!
Wie, wenn du Wasser gössest in die Gluth,
Nicht gleich dem Feuer heiß und spröde wärst? –

Ein Röschen war ich auf der Jugend-Flur,
Und frisch und sanft, dem Lebens-Wasser gleich.
Nie wehte noch ein rauher Wind mich an,
Nie stach ein Dorn noch meinen zarten Fuß.

Durch einen Blick gabst du dem Wind mich Preis,
Stachst in mein Lager tausend Dornen mir.
Mein Leib ist zarter als der Rose Blatt;
Wie schlaf’ ich wohl auf einer Dornen-Statt? –

So ächzt sie bis zum ersten Morgenstrahl’,
Und klagt des Freundes Phantasie-Bild an.
Die Nacht entschwand. Vermeidung des Verdachts
Hemmt ihrer blut’gen Augen Thränen-Fluth.

War gleich ihr Mund vom blut’gen Nacht-Trunk feucht,
Drückt sie ihm doch des Schweigens Siegel auf.
Am Kissen blieb der Rose Duft zurück,
Im Bette der Cypresse Silber-Glanz.

In solchen Klagen schwanden Tag und Nacht;
Sie wich kein Härchen breit von dieser Art.


Übersetzt von Vincenz von Rosenzweig-Schwannau (1791-1865)
Aus: Fundgruben des Orients. Band 3 S. 295-308

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