Wie der Schönheits-Zweig Jussuf’s

Autor: Nur al-Din Abd Al-Rahman Jami
Übersetzung von: Ritter Vinzenz von Rosenzweig-Schwannau German flag
1824


Aus dem Garten des Nichtseyns in dem Frühlings-Garten des Seyns erscheint, und wie er unter Thränen Jakob’s und der Liebe Suleicha’s aufwächst.

Auf diesem Wechselort der Sinnlichkeit
Trifft der Erscheinung Reihe Jedermann,
Ja, jeder Tag gebiert Erscheinungen;
Die Welt erhellen ihre Namen oft;

Denn diese bliebe stets in einer Form,
Wie viel Geheimnisse wohl schliefen noch?
Und schwände nie der Sonne strahlend Licht,
Wie glänzten da der Sterne Schaaren wohl?

Der Winter raubt der Wiese zarten Schmuck,
Drum grüßt die Rose lächelnd jeden Lenz.
Als Adam diesen Pilgerort verließ,
Saß Seth nach ihm auf dem Propheten-Sitz;

Als dieser starb kam Enoch, und begann
Den Unterricht auf dieser Trügerwelt.
Als er hierauf des Himmels Lehrer ward
Da fiel auf Nuh des Glaubens Wächter-Amt;

Des Unbestandes Fluth verschlang auch ihn,
Wie Abraham des wahren Gottes Freund.
An seiner Glaubens-Tafel aß die Welt,
Und gleicher Gnade freute Isaac sich;

Bald schlug auch er den Weg des Nichtseyns ein,
Und Jakob’s Stimme scholl vom Glaubensberg.
Als er nun sein Propheten-Amt begann,
Weht’ von Damask bis Canaan sein Panier.

In Canaan schlug er seinen Wohnsitz auf,
Und ward daselbst an Geld und Kindern reich.
Der Schafe- und der Ziegen-Heerden Zahl
Bedeckt, Ameisen gleich, ihm jene Flur.

Eilf Söhne hatt’ er ausser Jussuf noch,
Doch Jussuf nur war seines Herzens Weg.
Als seine Mutter ihn zur Welt gebahr,
Bekam der Himmels-Mond ein Brüderchen.

Der Herzens-Flur entsproß ein zarter Zweig,
Ein Neumond wies am Seelen-Himmel sich.
Dem Garten Abraham’s entkeimt ein Röschen.
Ihm stand der Leibes-Anmuth Kleid wohl an.

Ein Stern erschien aus Isaacs Sternen-Zelt,
Der Welten Aug’ erhellte sein Gesicht.
In Jakob’s Garten hob das Haupt die Tulpe,
Der seinem Herzen Trost, doch Schmerz auch gab.

Ein duftend Reh in Canaan war er,
Das Canaan’s Flur zum Neide Choten’s macht.
So lang die Mutter sich des Lebens freut
Wusch sie mit eigner Milch den Zuckermund.

Zwey Jahre hält sie in den Armen ihn,
Als Gift auf ihrer Tage Speise träuft.
Ein kostbar Perlchen aus der Gnaden Meer
Bleibt mutterlos mit Waisenthrän’ allein;

Es sieht der Vater seiner Perle Schmerz,
Und wählt der Schwester Arm zur Muschel ihr.
Die Muhm’ zieht seines Herzens Vogel auf,
Der bald den Flug im Speise-Garten wagt.

Sein zarter Bau fängt nun zu schwanken an,
Und Zucker-Worte stammelt schon sein Mund.
Die Liebe fesselt so der Muhme Herz,
Daß sie von Jussuf nie sich trennen mag;

Gleich ihrer Seele schlief er Nachts mit ihr,
Und ward des Tags zur Sonne ihres Blicks.
Doch auch der Vater liebt ihn minder nicht
Nach ihm gerichtet stand sein Herzenswunsch;

In seiner Seele fand er Ihn allein,
Ihn manchmal sehn war ihm nicht Trost genug;
Es sollte dieser helle Herzens-Mond
Vor seinen Blicken schweben Tag und Nacht.

Zur Schwester sprach er: Die du auch ihn liebst,
Und für mein Wohl mit reger Sorgfalt bebst,
Nicht mehr ertrag’ ich der Entfernung Pein,
Befrey’ von Jussuf’s Trennungs-Qualen mich!

Send’ ihn der Zelle meiner Einsamkeit,
Send’ dem Altare meines Flehens ihn!
Als Jakob’s Schwester dieses Wort vernimmt,
Stellt sie gehorchend seinem Winke sich,

Und sinnt zugleich auf eine schlaue List,
Wie sie von Jakob ihn zurückerhält. –
Ein Gürtel Isaacs war in ihrer Hand,
Durch frommen Gottesdienst stark abgenützt,

Und jede Hand die ihn umgürtete
War von des Übels Schleuder-Wurfe frey.
Als sie den Knaben nun dem Vater schickt,
Umgürtet sie damit die Lenden ihm;

Doch sie benimmt sich so verschmitzt dabey,
Daß Jussuf nichts von dieser List gewahrt.
So angethan schickt sie zu Jakob ihn
Erhebt darauf ein lärmendes Geschrey:

Verschwunden, schreyt sie, ist der Gürtel nun!
Und haltet jeden an, Verdachtes voll.
Drauf untersucht sie jedes Kleidungsstück
Der Reihe nach, bey Jedermann darum;

Und als zuletzt die Reihe Jussuf’s kam,
Fand sie den Gürtel da, – und löste ihn.
Zu jener Zeit galt bey den Gläubigen
Ein Richterspruch, der also lautete:

Der überwies’ne Dieb er wird ein Sklav’
Desjenigen den er so frech bestiehlt.
Durch list’ges Spiel, das sie bereitete
Führt sie ihn nun zum zweyten Male heim.

Das Auge Freude strahlend kam sie an,
Doch bald schloß ihr der Tod das Augenlied.
Darüber jubelt Jakob’s Seele hoch,
Und seinen Schlaf wehrt Lust des Wiedersehns.

Er fand an Jussuf seine Kibla nun,
Das Antlitz wendend von den übrigen.
Nun war mit Jussuf er beschäftigt nur,
Denn Jussuf nur war seines Strebens Ziel;

Es fand sein Geist durch Jussuf Ruhe nur,
Durch Jussuf nur blinkt’ hell das Auge ihm –
Wohin der Mond der Liebe leuchtend glänzt,
Wird selbst dem Sonnenlicht der Raum verwehrt, –

Wie sing’ ich jene Schönheit, jenen Reiz
Der über Huris hoch und Peris ragt?
Am Firmament der Anmuth ist’s ein Mond,
Der glänzend alle Welten überstrahlt,

Ein Mond erhaben über Sonnen-Glanz,
Davon der Himmels-Mond ein Fünkchen ist.
Wie, sag’ ich wohl er glich der Sonne Licht?
Nur Lichtdunst wäre hier ihr Feuer-Boru.

Sein Licht erräth beym ersten Anblick sich,
Man frägt nicht erst wo dessen Urquell sey;
Denn in ihm wohnt der makelreine Gott,
Der Jussuf heißt um unentdeckt zu seyn.

Wenn nun in Jakob’s Seele Liebe keimt,
Wenn er das Herz ihm weiht, was Wunder wohl?
Suleicha selbst, der Himmels-Mädchen Neid,
Der Keuschheit Bild im fernen Abendland,

Noch schien kein Sonnen-Antlitz sie nicht an,
Als schon sein Bild im Traume fest sie hielt.
Wenn Liebes-Schmerz Entfernte überfällt,
Wie mehr noch die, die beym Geliebten sind.


Übersetzt von Vincenz von Rosenzweig-Schwannau (1791-1865)
Aus: Fundgruben des Orients. Band 2 S. 392-402

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