Wie durch die Erblickung des veränderten Zustands Suleicha’s

Autor: Nur al-Din Abd Al-Rahman Jami
Übersetzung von: Ritter Vinzenz von Rosenzweig-Schwannau German flag
1824


Auf dem Faden der Gedanken ihrer Sclavinnen ein Knopf des Erstaunens sich knüpft, und wie ihre Amme ihn mit der Finger-Spitze der Erforschung auflöst.

Dem Pfeil, der aus der Liebe Bogen fliegt,
Ist mit dem Schilde wehren, eitler Wahn;
Und faßt er einmal tief im Innern Stand,
Verrathen tausend äuß’re Zeichen ihn.

Schön ist des Rauchgefäßes Gleichnis hier;
Denn wie der Moschus, birgt sich Liebe nie.
Sey er mit tausend Tüchern zugedeckt,
Verräth den Moschus immer doch sein Duft.

Zwar barg Suleicha ihrer Liebe Pein,
Barg ihrer Schwermuth Samen in der Brust;
Doch stets und überall wies sich der Keim,
Der bald empor aus ihrem Innern schlug.

Bald quoll ein Wasser-Strom aus ihrem Aug’;
Was sag’ ich Wasser-Strom? ein Blut-Strom war’s;
Mit jeder Thräne die dem Aug’ entfiel,
Fiel ein Geheimniß auf die Wange ihr;

Bald seufzte sie aus inn’rem Herzens-Brand,
Zum Himmel qualmte ihrer Seufzer Rauch,
Und durch ein jedes Ach, das ihr entfloh,
Roch man den heißen Braten ihrer Brust.

Sie mied nun Schlaf und Speise; – sieh, da ward
Zur fahlen Tulpe bald ihr Rosenroth.
Ist dir wohl unbekannt, daß keiner Flur
Ein Brandmalloses Tülpchen je entblüht?

Als dies nun ihre Sklavinnen ersah’n,
Vermeinten sie die Liebe mit im Spiel;
Doch nimmer wurde der Beweggrund klar,
Noch wer der Stifter dieses Unfalls sey.

Die Eine sprach: noch sah man so was nie,
Gewiß hat Jemand dieses Kind verschrien;
Die And’re sprach mit selbstgefäll’gem Ton:
Ihr schadete wohl ein Peri im Div.

Die Dritte meint’ ein mächt’ger Zauberer
Drückt’ ihrem Saum des Zaubers Stempel auf;
Die Vierte sprach: Der Liebe Merkmal ist’s,
Gewiß, ihr Herz erliegt der Liebe Last;

Doch keine Seele sieht sie, wenn sie wacht,
Drum scheint dies Unglück ihr im Schlaf gebracht.
So knüpften sie stets neue Meinungen,
Darüber Worte wechselnd ohne Zahl;

Doch unenthüllt blieb das Geheimniß noch,
Da jedes Wort stets nur Vermuthung blieb. –
Suleicha hatte eine Amme, die
Verschmitzt und reich an Zauber-Künsten war;

Erfahren auf der Liebe süßer Bahn,
Hat sie in ihrer Jugend oft geliebt;
Nun war sie Kupplerinn der Liebenden,
Und kirrte stets der Spröd’sten Sprödigkeit.

Einst kam sie Nachts zu der Gebietherinn,
Rief ihre Dienste ins Gedächtniß ihr,
Und sprach: Des Königs Gartens Knospe du,
Aus der ein Dorn die Schönsten schon beglückt;

Froh sey dein Herz, es lächle stets dein Mund,
Und deine Macht erhöhe unser Glück!
Du bist das Bäumchen auf der Schönheits-Flur,
Das meiner Seele Papagey umschwebt;

Und ich der stolze Strom des Treue-Meers,
Der dich an seinen Ufern auferzog.
Ich sah zuerst dein Rosen-Antlitz blühn,
Nahm dir den Nabel mit der Liebe Schwert,

Wusch dann mit Moschus Haupt und Körper dir,
Und sprengte dich mit Rosen-Wasser ein.
Ich flocht mein Herz zum Wiegenbande dir
Worein ich meiner Seele Fäden wob;

Milch gab ich deinem süßen Zucker-Mund,
Zog deinen Seelbewohnten Körper groß.
Erschien die Nacht, schlief ich für dich besorgt,
Und kam der Morgen, schmückt’ ich dein Gesicht.

Selbst wenn ich ging, trug meine Achsel dich,
Und schlief ich, stets schliefst du von mir umarmt.
Gleich wie der Rose Zweig am Stamme hängt,
Hieng meine Hand an deines Kleides Saum.

Bey jeglichem Geschäfte trug ich mich
Mit reger Sorgfalt deinem Dienste an.
Wo dein Cypressen-Wuchs nur immer stand,
War ich, dem Schatten gleich, zur Seite ihm.

Du ruhtest sitzend, stehend dient’ ich dir;
Du schliefst, und dir zu Füßen lag mein Haupt.
Noch thu’ ich dies, so wie ich’s ehmals that,
Noch dien’ ich mit gewohnter Treue dir.

Warum dann birgst du dein Geheimniß mir,
Und stöss’st als Fremde mich von dir zurück?
O sprich, wer warf in solchen Jammer dich?
Wer legte dir so schwere Lasten auf?

Warum nagt Liebes-Schwermuth so an dir?
Warum bist du die Freundinn düstren Grams?
Warum wohl wird dein Rosenroth zu Gelb,
Dein heißes Blut, warum erstarrt es so?

Was nimmst du Sonne, gleich dem Monde ab,
Am Morgen wünschend schon den Untergang?
Ein Mond, das weiß ich, stieß auf deine Bahn,
Doch spreche klar, wer jener Mond wohl sey?

Ist es ein Engel, der im Himmel thront,
Und dessen Wesen heil’ges Feuer ist,
Laß’ ich so lange vom Gebet nicht ab,
Bis er vom Himmels-Thron zur Erde steigt.

Und ist’s ein Peri, der auf den Bergen wohnt,
Ist mir Magie kein unbekanntes Spiel.
Denn bis zum vollsten Sieg beschwör ich ihn,
Und stell’ in einem Fläschen ihn vor dich.

Doch ist es nur ein sterblich Menschenkind,
Will ich durch ihn schnell dein Gemüth’ erfreu’n.
Denn wer verschmähet deine Fesseln wohl?
Den Sklaven wie den Herrscher ehren sie.

Suleicha sah bey diesem Mitgefühl,
Und jener Zauber-Künste mächt’gem Wort,
Ach, keine Rettung in der Wahrheit Wort;
Drum schwamm ihr Mond in einem Sternen-Meer.

Unsichtbar, rief sie, ist mein Seelen-Schatz,
Und seiner Pforte Schlüssel ist versteckt!
Wie deut’ ich dir wohl jenen Vogel an,
Mit dem der Anka froh sein Nest getheilt?

Des Anka Name ist noch einz’ger Trost,
Doch meinem Vogel mangelt dieser selbst!
Süß ist das Leben jener Leidenden,
Die doch den Namen ihres Wunsches kennt;

Wenn Trennung ihr den Gaumen bitter macht,
Versüßt der theure Name ihr den Mund! –
Hierauf entdeckt sie ihrer Amme sich,
Und weiht sie ganz in ihr Geheimniß ein.

Ihr Traum vermehrt der Amme Wachsamkeit,
Ihr Wahnsinn ihrer Sorgfalt regen Sinn,
Sie liest ein Wörtchen ihres Herzens-Buchs,
Und ach, verzweifelt an der Heilung schon!

Zu unbestimmt schien ihr das Bild erklärt,
Unmöglich sucht man was man nimmer kennt!
Kennst du zuvor nicht deines Herzens Wunsch,
Wie kannst du ihn zu suchen dich bemüh’n? –

Zu schwach ihr Herz den Fesseln zu entzieh’n,
Hob sie daher ermahnend also an:
Gewiß, dir spielen list’ge Dive mit,
Denn all’ ihr Thun ist stets nur Falsch und Trug.

Sie lassen uns ein reizend Bildniß sehn,
Bloß um der Gierde Thor uns aufzuthun.
Suleicha sprach: Was kann ein Dive wohl,
Daß er ein Bild, so herzerfreuend zeigt?

Ein Weib geformt aus Falsch und List und Trug,
Gebährt sie jemals einen Engel wohl?
Die Amme sprach: Dies ist ein schlimmer Traum,
Doch soll sein Preis wohl deine Seele seyn?

Suleicha sprach: Wär’ es ein schlimmer Traum,
Hätt’ er mich gutes Mädchen wohl berückt?
Der Weise billigt diesen klugen Satz:
Krumm paart mit krumm, und grad’ mit grade sich.

Die Amme sprach: Du bist ein kluges Kind,
Verbann’ aus deiner Seele diesen Wahn.
Suleicha sprach: Ach, stünd’s in meiner Macht,
Legt’ ich mir selbst wohl solche Lasten auf?

Zu Rath und That fehlt mir nun mehr die Kraft,
Des Willens Zügel fiel mir aus der Hand;
In mein beklemmtes Herz grub sich ein Bild,
Viel tiefer als in harten Marmor ein.

Des Windes rauher Hauch, des Wassers Fluth
Verlöschen nie dies tiefgeätzte Bild. –
Kaum sieht die Amme dieser Liebe Kraft,
Als sie sogleich mit der Ermahnung schweigt,

Und in Geheim zum Vater sich begibt,
Den ihre Rede in Erstaunen setzt;
Doch da des Rathes Hand zu schwach ihm schien,
So überließ er Alles Gottes Schluß.


Übersetzt von Vincenz von Rosenzweig-Schwannau (1791-1865)
Aus: Fundgruben des Orients. Band 3 S. 295-308

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